Grand Theft Auto VI erscheint mit einem Downloadcode in einer Plastikschachtel im Handel – das findet kaum jemand sinnvoll. Aber so ist er ja nun mal, der digitale Wandel. Physische Videospiele sterben, jeder der etwas anderes behauptet, wird als Spiele-Romantiker oder „Retro-Fan“ müde belächelt.
Und dann werden sie wieder ins Feld geführt, die scheinbar schwerwiegenden Argumente, denen einfach nichts entgegenzusetzen ist: Auf dem PC sind längst 99 Prozent aller Spieleverkäufe digital und Capcom beispielsweise verkauft schon jetzt seine Spiele zu 92 Prozent digital – und zwar plattformübergreifend. Wird alles nicht mehr lange dauern.
Das sagen sie. Seit Jahren. Fakt ist aber auch: Seit Jahren ist die Entwicklung hin zu „Digital-only“ alles andere als rasant. 2019 wurde nur jedes vierte Spiel (24 Prozent) in Deutschland für Konsolen digital gekauft. 2020 gab es dann einen tatsächlich größeren Digital-Sprung, getrieben von der Corona-Pandemie: 35 Prozent aller Konsolen-Fans in Deutschland kauften damals digital.
In den Folgejahren kletterte dieser Wert auf zuletzt 44 Prozent im Jahr 2024 – für 2025 liegt der Report vom Branchenverband game noch nicht vor. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass es 2025 einen Sprung geben würde, der größer wäre als in den letzten Jahren, kämen wir nicht auf 50 Prozent. In Deutschland – natürlich nur ein Markt, aber immerhin einer der größten – kauft also höchstens jeder zweite Konsolenspieler digital. Da gibt es ja doch noch den ein oder anderen Ewiggestrigen.
Den 92 Prozent Digitalverkäufen von Capcom, getrieben von einem exzessiven Steam-Fokus des Publishers in den letzten Jahren, der die Digital-Plattform zur inzwischen wichtigsten Plattform für Capcom machte, auf der man dank Sales und Bundles kräftig auch Katalogtitel verscherbelt, kann man auch andere Zahlen entgegenstellen. Nintendo verkauft nämlich insgesamt nur 50,4 Prozent seiner Spiele digital.
Der Markt wächst wieder …?
Schauen wir mal auf Sony, wo man (wie auch bei anderen Herstellern und Publishern) ein großes Interesse daran hat, dass Spiele nur noch digital verkauft werden. 85 Prozent der Spiele-Verkäufe sind bei Sony inzwischen digital.
Aber: Niko Partners Analyst Daniel Ahmad schätzt, dass Sony im letzten Jahr immer noch weltweit 70 Millionen Spiele auf Disc ausliefert. Alleine im deutschsprachigen Raum war das PlayStation-Software für über 40 Millionen Euro, die an den Handel ausgeliefert wurden.
Auch in den USA sinken die Ausgaben für physische Videospiele natürlich langsam, aber stetig in den letzten 20 Jahren. 2025 zuletzt um 11 Prozent gegenüber des Vorjahres. Amerikaner haben in totalen Zahlen aber immerhin 1,5 Milliarden US-Dollar für physische Spiele ausgegeben, wie Mat Piscatella bei Bluesky schreibt.
Und in den letzten Monaten gibt es erstmals seit gut 20 Jahren gar ein Wachstum physischer Verkäufe in den USA. In den 12 letzten Monaten, endend im Mai, gab es ein 3-prozentiges Wachstum in den USA. Jetzt einen Vinyl-Effekt für den Videospielmarkt zu sehen, das wäre aber auch Augenwischerei. Dieser kleine Zuwachs ist vor allem von der Switch 2 (mit nach wie vor hoher physischer Ratio) zuzuschreiben. Aber es gibt ihn. Und ein weiterer Einbruch ist ein 3-prozentiges Wachstum nach allen Regeln der Mathematik halt auch nicht.
Es ist trotzdem immer noch ziemlich viel Geld und spätestens jetzt ist deutlich: Das ist noch ein Markt. Und wo ein Markt ist, da gibt es Menschen und Firmen, die sich daran bedienen wollen. Das Disc-Laufwerk für die laufwerklose PS5 gibt es nicht, weil Sony den gestrigen Videospiel-Nostalgikern einen Gefallen tun wollte, sondern weil man damit und mit dem Verkauf von Videospielen auf Discs nach wie vor viel Geld verdienen kann.
Rockstar liefert Blaupause
Aber ja, stimmt auch: Das Ding, was Rockstar hier anbietet, werden andere jetzt auch versuchen. Ein Downloadcode in der Plastikhülle dient den ewigen Streben nach immer besseren Margen. Gleichzeitig genießt der Publisher alle Vorteile, die eine „physische“ Veröffentlichung bietet.
Da ist vor allem die Sichtbarkeit, und zwar nicht nur im Regal beim stationären Fachhändler. Media Markt hat hierzulande extra eine Landing-Page für GTA 6 geschaltet. Und bei Amazon ständig in die Vorschläge gespült zu werden, kann natürlich auch nicht schaden. Ob nun mit Disc oder Downloadcode, das ist Rockstar egal.
Die Konzerne wollen sich das Geld und die Sichtbarkeit des physischen Marktes offensichtlich nicht entgehen lassen, aber natürlich nutzen sie jede Gelegenheit, um dabei zu sparen. Deshalb ist es richtig und wichtig und keinesfalls lächerlich ewiggestrig, wenn man sagt, dass Downloadcodes in Plastikhüllen Bullshit sind.
Nicht nur Romantiker leiden, auch alle anderen
Denn unter dem viel zitierten und unvermeidlichen Wandel leiden nicht nur Videospiel-Romantiker, sondern alle – außer der großen Konzerne. Der Gebrauchtmarkt schwindet, Spiele können nicht mehr ausgeliehen oder weiterverkauft werden und in einer Digital-only-Zukunft machen die Publisher die Preise alleine. Ganz davon abgesehen, dass man seine gekauften Spiele gerne auch behält – das mögen manche eine „Illusion“ nennen. Dass Sony gerade 500 und mehr Filme aus den Bibliotheken streicht, ist aber ganz real.
Die Digital-Only-Zukunft mag kommen, na klar, aber nicht rasant. Nicht mehr 2026 und auch nicht im nächsten Jahr. Vielleicht wird es tatsächlich irgendwann unumkehrbar, wenn Sony, Microsoft und Nintendo allesamt eine Digital-Only-Konsole ohne Alternative basteln. Aber bis dahin gibt es ihn eben noch, den Markt der physischen Videospiele, aus vielen Millionen verkaufter Datenträger und Milliarden US-Dollar Umsatz.
Es wird nicht einfacher für Fans des Haptischen, keine Frage. Und ja, wir leben nicht mehr im Jahr 1998, als man jede Cartridge oder Disc gekauft hat und einfach in eine Konsole ohne Internetanschluss gepackt hat. Aber nein, nicht „jedes Spiel braucht doch sowieso zwingend einen Day-One-Patch, damit es überhaupt funktioniert“ – auch nicht „fast jedes“ – das ist einfach Unsinn.
Does it Play? hat inzwischen über 3.400 aktuelle physische Veröffentlichungen getestet. Von denen sind 94 Prozent offline spielbar – ohne, dass die Konsole (oder eben das Spiel) eine Verbindung zum Internet aufbaut. Nur 10 Prozent aller Spiele sind ohne Download entweder unspielbar (wegen fehlender Inhalte) oder wegen Bugs unerträglich.
Das Bild ist ein anderes …
Das unweigerliche Aussterben des physischen Mediums brachte uns in diesem Jahr physische Disc-Versionen zu unzähligen Schöpfungen, darunter Nioh 3, Resident Evil Requiem, Pokémon Pokopia, Monster Hunter Stories 3, Pragmata, Saros oder Yoshi and the Mysterious Book. Sie alle sind laut „Does it Play?“-Tests nicht nur ohne Internet, sondern auch ohne Update wunderbar spielbar. Das sind nur die AAA-Games. Die unzähligen physischen Spiele zu Indie-Games sehen meistens noch besser aus.
Die Ewiggestrigen sind organisiert in Gruppierungen wie eben Does it Play? oder Is Game Key Card? und jedes Jahr sprießen neue Klein-Publisher aus dem Boden, die sich auf physische Medien spezialisieren. Auch Händler stimmen mit ein – nicht zuletzt natürlich aus Eigeninteresse.
GTA 6 ist sicher kein gutes Argument für den Fortbestand physischer Videospiele, aber auch nicht der Tod. Heute noch nicht. Kauft physische Videospiele, sagt den Margen-Optimierern weiter eure Meinung und sagt den Leuten, die das nicht interessiert, welche Nachteile Digital-Only auch für sie hat.
Falls euch die genannten Zahlen nicht reichen, geht’s auch etwas bildhafter: Das Multi-Millionen-Dollar Studio Insomniac Games, Teil der PlayStation Worldwide Studios, twittert im Kontext der GTA-Kontroverse, dass Marvel’s Wolverine eine physische Version „mit Disc in der Hülle“ erhalte. Scheint ja gerade populär zu sein.
Quellen: GamesRadar (2, 3), GamesWirtschaft, Aftermath, Game Jahresreport, GameRant; Bildmaterial: Grand Theft Auto VI, Rockstar Games

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