Immer wieder gibt es Handheld-Gaming-Geräte, die aus der Masse der chinesischen Geräte herausstechen. Letztes Jahr schlug etwa der GPD WIN 5 Wellen, der Performance nahe der PlayStation 5 auf einen Handheld brachte – zum Preis von ca. 2.000 Euro. Dazu kommen immer mal wieder interessante Linux-basierte Geräte zum Preis von 50 bis 70 Euro.
Eine kleine Marktlücke schließt jetzt AYN, eine Schwestermarke von Ayaneo mit dem AYN Thor. Das Gerät scheint eine besondere Fangemeinde und Nische anzusprechen – und ist seit der Veröffentlichung Ende 2025 nur schwer zu bekommen. Wir haben uns für die vierte Vorbesteller-Welle angemeldet, 340 Euro gezahlt – und nach 7 Wochen Wartezeit ist er endlich angekommen.
Kompaktes Gerät im 3DS-Stil mit Android 13
Das von uns getestete AYN Thor hat oben einen 6 Zoll AMOLED Touchscreen und unten einen 3.92″ AMOLED Touchscreen und läuft mit Android 13. Der 6000mAh Akku hält zwischen 3 und 12 Stunden, die Hall Sticks sollen lange ohne Stick Drift funktionieren. Dazu kommen in der „Rainbow Pro“ Variante ein Snapdragon 8 Gen2, 12 GB RAM und 256 GB interner Speicher.
Die Hardware überzeugt, hat aber auch ein paar Schwächen, denn der Formfaktor nötigt einige Kompromisse ab. Die 3D-Sticks sind – ähnlich wie bei der PlayStation Vita – ziemlich klein, ebenso die Buttons und auch das Griffgefühl ist weit weg von den komfortablen, aber wuchtigen Handhelds von heute.
Die Schulterbuttons sind eher zweckmäßig und werden von vielen mit Aufsätzen aus dem 3D-Drucker verbessert. Highlight ist aber der duale Screen. Der obere Bildschirm zeigt mit seinem Full-HD-OLED brillante Farben, während der untere weitere nützliche Inhalte anzeigen kann – oder gleich Dual-Screen-Inhalte.
Die Bildschirme können auch unabhängig voneinander genutzt werden, also zwei unabhängige Apps können parallel zueinander laufen – dazu später mehr. Nervig: Wer von den Sticks abrutscht, aktiviert leicht den Fokus auf den unteren Bildschirm und deaktiviert damit bei nicht auf das Gerät optimierte Programmen die Steuerung für den oberen Bildschirm.
Einen speziell erhöhten Rand des unteren Bildschirms wie beim 3DS oder 3DS XL gibt es hier nicht. Der mit Abstand größte Nachteil: Die Buttons sind im Nintendo-Layout, die allermeisten Android-, Steam- und Cloud-Spiele sind jedoch auf die Xbox-Belegung optimiert. AYN bietet an, die Buttonbelegeung per vorinstallierter App umzulegen.
Für viele dürfte der AYN Thor wegen seiner beiden Bildschirme ein Gerät für DS-, 3DS- und mit Abstrichen auch Wii-U-Emulation sein. Das eingebaute Gyroskop funktioniert in diesen Emulatoren, doch der untere Touchscreen (kapazitiv) hat eine leichte Verzögerung und neigt zum Tearing. Doch auf Emulation liegt unser Fokus nicht.
Die Community macht das Gerät spannend
Unser Kaufgrund war aber die Community, die sich bereits jetzt um das Gerät gebildet hat – ohne gute Software nutzt auch die beste Hardware nichts. Nicht nur gibt es Custom Roms auf Linux-Basis, welche einen experimentellen PS3-Emulator, Steam und diverse „Portmaster“-Games zum Laufen bringen, auch das standardmäßig installierte Android-13-System wird mit neu entwickelten, extra für das AYN Thor angepassten Apps ausgestattet – von Onboard-Performance-Tools von AYN selbst bis hin zu Tweaks für die Bildschirmhelligkeit und einer Ambilight-Funktion für die Stickbeleuchtung. Für uns war vor allem die native Performance des Androids sowie der Zustand der Android-Windows-Kompatibilitätsschicht interessant, die auf der Arbeit von Valve und dem Steam Deck aufbaut.
Native Android-Spiele: Eine tolle Handheld-Spielerfahrung mit einer entscheidenden Einschränkung
Wie zu erwarten ist die Performance für native Android-Spiele super. Man merkt jedoch oft, dass die Leistung künstlich begrenzt wird, denn selbst „extreme“ Einstellungen sind sehr konservativ gesetzt, um die Überhitzung von normalen Smartphones ohne Lüfter zu verhindern. Die grafische Qualität ist deshalb nur auf Nintendo-Switch-Niveau.
Die Spielwelt von Mongil: Star Dive wird weichgezeichnet wie ein Xenoblade Chronicles 2, während Neverness to Everness selbst mit Upscaling (SGSR) auffällig niedrig aufgelöst ist. Auf dem kleinen 6-Zoll-Bildschirm ist das kaum sichtbar, über ein USB-C-Dock am TV jedoch umso mehr.
Touchscreen-lastige Spiele wie Project Sekai: Colorful Stage feat. Hatsune Miku sind nicht zu empfehlen. Die Vorfreude auf für Handhelds passende Spiele wie Aniimo oder Petit Planet steigt mit dem kleinen Gerät allerdings deutlich.
PC-Kompatibilität: Überraschend komfortabel
Positiv überrascht waren wir davon, wie weit Apps wie „GameNative“ inzwischen fortgeschritten sind. Letztes Jahr waren Steam-Spiele auf Android noch ein Bastelprojekt für Enthusiasten, heute gibt es mit GameNative ein ziemlich benutzerfreundliches Produkt, was viele Einstellungen automatisiert und sogar Cloud-Speicherstände synchronisiert. Zusammen mit einem Gaming-Frontend wie Cocoon wirkt das Gerät fast wie eine moderne Neuauflage des 3DS XL, nur eben mit PC- und Android-Spielen.
Der ursprüngliche Plan, vor allem auf dem unteren Screen klassische Spiele der frühen 2000er im 4:3 Format und 800×600 Auflösung mit „Winlator“ laufen zu lassen, war daher schnell verworfen – auch wenn es die PC-Version von NFS Underground, NFS Most Wanted und Recettear mit ein wenig Bastelei auf das Gerät geschafft hat.
Die Automatisierung von GameNative lädt dagegen zum Ausprobieren und Spielen ein. Sonic Mania, Raccoin und Story of Seasons: Friends of Mineral Town sind sofort vom PC auf das Gerät gewandert. Das obere Ende der Möglichkeiten sind derzeit Spiele wie Dragon Quest Builders 2 und etwas unerwartet sogar Sonic Racing: Crossworlds.
Spielperformance zwischen Switch und Steam Deck
Auf Kompatibilität spezialisierte Apps listen Grand Theft Auto V, Hollow Knight: Silksong, Cuphead, Stardew Valley, Dispatch, Octopath Traveler, Celeste, Fallout: New Vegas, Mewgenics und Metaphor: ReFantazio als die beliebtesten Steam-Titel auf dem Gerät. Der Youtuber WiruDecko testet viele dieser Spiele ausführlich.
Die Community arbeitet aktuell daran, auch aufwändigere und aktuellere Spiele wie auch Final Fantasy VII Remake Intergrade, Cyberpunk 2077, Witcher 3 und auch Digimonstory: Time Stranger in den nächsten Wochen in einen flüssig spielbaren Zustand zu bekommen – bisher laufen diese Spiele trotz Optimierungen nur zwischen 20 und 30 FPS. Helfen sollen moderne KI-Funktionen wie FSR und Frame Generation. Allgemein scheint eine gute Faustregel zu sein: Was auf der Nintendo Switch gut lief, macht als Windows-Version auf dem AYN Thor in der Regel wenig Probleme. Steam-Deck-Performance erreicht man jedoch nicht ganz.
Einzigartige Spielerfahrung durch neu entwickelte Apps
Wer seine japanischen Klassiker gerne in der Originalsprache spielt, kann einige interessante Homebrew-Apps finden, welche die Spiele auf dem unteren Bildschirm übersetzen. Bisher scheint PlayTranslate der erfolgversprechendste Kandidat zu sein, der auch bei untertitelten Filmen und Anime funktioniert. Die App übersetzt damit quasi jedes Spiel, ohne dass ihr mühsam eine Fan-Übersetzung ins Spiel patchen müsst.
Weitere beliebte Apps sind normale KI-Apps wie ChatGPT für Spieletipps oder gleich der „Pixel Guide„, welcher euch einen guten alten Walkthrough zum Spiel auf dem unteren Bildschirm anzeigt. Witzig ist auch Bifrost, der die LED-Beleuchtung der Sticks in eine Art Ambilight umwandelt.
Damit sind eure Finger immer in der Farbe des aktuellen Bildschirminhalts beleuchtet. Wer ständig aktuell sein will, welche Spiele neu auf dem Gerät laufen und welche derzeit beliebt sind, für den ist EmuReady Lite ein Muss. Obtanium hilft, bei Vorabversionen von Programmen aktuell zu bleiben, bevor stabile Versionen in den Play Store kommen. Bei der aktuellen Entwicklungsgeschwindigkeit ist das empfehlenswert.
In-Home-Streaming und Cloud Gaming
Ein Blick auf das Datenblatt verrät: Der AYN Thor wurde mit WIFI 7 auch für Game Streaming mit GeForce Now, Xbox Cloud Gaming und Steam In-Home Streaming optimiert. Der Praxistest zeigt: Das funktioniert wunderbar. Das Bild und die Grafikqualität sind auf dem kleinen Gerät top und auch die Tasten werden problemlos erkannt. Bei guter Verbindung ist insbesondere bei Geforce Now nur wenig Latenz zu spüren.
Positiv überrascht waren wir von der Streaming-App CloudMoon, welche Mobile Games kostenlos, aber werbefinanziert und ohne lange Wartezeiten auf das Gerät bringt. 15 Minuten am Tag sind gratis, weitere 7 Spielminuten können per 2-minütiger Werbung freigeschaltet werden. Da Honkai: Star Rail inzwischen bei etwa 35 bis 50 GB Spielgröße angekommen ist, nutzten wir diese Möglichkeit für die täglichen Quests in Honkai: Star Rail. Leider wird der eingebaute Controller hier nicht unterstützt.
Bonus: Ein kompakter Mediastreamer
Der SD-Karten-Slot macht das Gerät auch zu einem idealen Medienstreamer für unterwegs. Neben Youtube, Youtube Music und Spotify gibt es auch die Möglichkeit, ein paar Folgen einer Anime-Serie auf die SD-Karte zu laden und diese auch per Netzwerkfreigabe auf den heimischen TV zu streamen. Nach wenigen Tagen fiel uns auch auf, dass der AYN Thor einen 3,5-mm-Audio-Anschluss besitzt. Seitdem ist er auch noch behelfsmäßiger MP3-Player und sieht ein wenig aus wie ein Walkman aus den 90ern.
Fazit: Vielseitiger als erwartet, aber nichts für jeden
In den 7 Wochen Lieferzeit ist aus dem Gerät mit viel Potenzial ein vielseitiges Gerät für jeden geworden, der kein Problem hat, auch mal ein Wiki zu durchstöbern oder Installationsanleitungen auf Github zu befolgen. Emulation, PC- und Steam-Kompatibilität sind in Rekordzeit gereift.
Inzwischen wird das Gerät zunehmend zu einer kompakten Steam-Deck-Alternative, erreicht aber nicht ganz dessen Leistung. Die Community um das Gerät wächst rasant, beinahe wöchentlich gibt es ein neues interessantes Projekt oder ein neues, großes Update eines bekannten Projekts zu entdecken.
In der frühen Beta befinden sich derzeit auch Apps, die das PC-Spielerlebnis noch mal ein Stück näher an die Steam-Deck-Erfahrung bringen sollen, indem sie komfortabel FSR und Frame Generation einbinden und damit selbst Titel lauffähig machen, die man nicht unbedingt auf einem 340-Euro-Handheld erwarten würde. Wir sind daher gespannt, ob der AYN Thor am Ende eine Welle von günstigen Handhelds lostritt, welche PC- und Android-Spiele abspielen.
Bildmaterial: AYN Thor, eigene Fotos

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