Im Test! 428: Shibuya Scramble

Lange musste der Westen auf die hochgelobte Sound Novel 428: Shibuya Scramble warten, die sogar einen heißbegehrten Perfect Score in der Weekly Famitsu...
Titel 428: Shibuya Scramble
Japan 6. September 2018
Spike Chunsoft
Nordamerika 4. September 2018
Spike Chunsoft
Europa 21. September 2018
Koch Media
System PlayStation 4, PC (Steam)
Getestet für PlayStation 4
Entwickler Abstraction Games
Genres Sound Novel, Adventure
Texte
Nordamerika
Vertonung Japan (Nur im Bonus-Szenario)

Lange musste der Westen auf die hochgelobte Sound Novel 428: Shibuya Scramble warten, die sogar einen heißbegehrten Perfect Score in der Weekly Famitsu abgeräumt hat. In Japan erschien das Spiel ursprünglich Ende 2008 auf Nintendo Wii und eine PlayStation-3-Version und PlayStation-Portable-Version folgten September 2009. Durch die Entscheidung, das Spiel auch auf PlayStation 4 und PCs zu bringen, hat der Herausgeber Spike Chunsoft aber endlich eine Lokalisierung in Angriff genommen. So kann man sich hierzulande seit Ende September in das spannende Abenteuer stürzen, das aus richtigen Filmaufnahmen zusammengesetzt wurde. Ob das Konzept noch immer gut funktioniert oder das Spiel eher reif für einen frühzeitigen Rentenantrag ist, erfahrt ihr in unserem Test zur PlayStation-4-Version.

Shibuyas mysteriöser Kriminalfall

Ein einfacher Entführungsfall entpuppt sich als eine drohende Gefahr für den ganze Tokioter Stadtteil Shibuya. Mittendrin stecken fünf unterschiedliche Protagonisten, die im ersten Augenblick rein gar nichts miteinander zu tun haben.

Shinya Kano arbeitet als Kriminalbeamter und überwacht mit Kollegen zusammen eine Geldübergabe, die alles andere als gut verläuft. Die Moneten werden von einem verdächtigen Mann entwendet und vom Entführungsopfer fehlt jede Spur! Zwar nimmt die Polizei sofort die Verfolgung auf, wird aber schon bald von einer Gruppe Krimineller an der Nase herumgeführt.

Der junge Mann Achi Endo setzt sich für die Sauberkeit und Sicherheit Shibuyas ein und sammelt tagtäglich den Müll auf den Straßen. Am Tag der Geldübergabe rettet er zufällig die Zwillingsschwester der entführten Frau, die von finsteren Gestalten gejagt wird. Fortan flüchten sie zusammen quer durch Shibuya, um den Verfolgern zu entkommen.

Tama ist eine Frau, die einen dubiosen Minijob annimmt, um sich eine Halskette leisten zu können. Leider läuft die Sache anders als geplant und so steckt sie nicht nur fortan in einem Katzenkostüm fest, sondern gerät durch den Job zusätzlich in mehr Schwierigkeiten, als ihr lieb ist.

Der Familienvater Kenji Osawa, der sich voll und ganz der Forschung an einem tödlichen Virus widmet, erfährt, dass jemand Versuche an Menschen mit seinem Heilmittel angestellt hat, obwohl sich dieses noch in der Entwicklung befindet. Eigentlich handelt es sich dabei um eine streng geheime Angelegenheit. Obwohl er bereits mehr als genug mit Arbeit zugeschüttet wird und sich zusätzlich noch Sorgen um seine entführte Tochter machen muss, geht er der Sache sofort auf den Grund.

Für Minoru Midorikawa, einen begeisterten Reporter, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Firma eines Bekannten steckt durch einen Fehler bis zum Hals in Schulden. Die einzige Rettung wären genug Verkäufe des monatlichen Klatschblatts, jedoch ist noch kein einziger Artikel fertig geschrieben und mit den nahenden Schuldeneintreibern ist nicht gut Kirschen essen.

Klingt jetzt schon spannend? Das ist es auch, denn diese Figuren werden im Laufe der Handlung so einiges durchmachen müssen, bis klar wird, was hinter der ganzen Sache steckt. Dabei kommt der Unterhaltungswert auf jeden Fall nicht zu kurz und so einige amüsante und schlichtweg abgedrehte Momenten sind ebenfalls mit von der Partie.

Wie aus einem Film geschnitten

428: Shibuya Scramble zählt zu den sogenannten Sound Novels aus dem Hause Chunsoft, bei denen gezielt mit über den gesamten Bildschirm gezeigtem Text, Hintergrundbildern und Soundeffekten gearbeitet wird. Der japanische Entwickler Chunsoft, der heutzutage durch einen Zusammenschluss mit Spike als Spike Chunsoft bekannt ist, wird als Vater des Genres bezeichnet, aus dem nach und nach einige Abwandlungen wie Dating Sims und Visual Novels, so wie wir sie heute kennen, entstanden sind.

Eine weitere Besonderheit stellt die gewählte Art der Darstellung dar, denn man hat sich für richtige Menschen und Umgebungen entschieden. Aus den in Shibuya gedrehten Szenen hat man allerhand Bild- und Videomaterial verwendet, um sie in Form eines „lebendigen Buches” wiederzugeben.

Anfangs mag dies noch etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen, aber die vielseitigen Charaktere, die alle ihre Eigenarten an sich haben, erwecken schnell einen positiven Eindruck. Selbst viele der Nebenfiguren erscheinen nicht irrelevant und sind in wichtigen Momenten vertreten. Positiv anzumerken ist zudem, wie viele Hintergründe und Informationen über die Protagonisten innerhalb des Tages, an dem die Geschichte stattfindet, preisgegeben werden, und dass zufriedenstellende Entwicklungen vertreten sind.

»Anfangs mag die Sound Novel noch etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen, aber die vielseitigen Charaktere, die alle ihre Eigenarten an sich haben, erwecken schnell einen positiven Eindruck.«

Die Spielmechaniken sind recht clever und interessant aufgebaut und mit nur wenigen Entscheidungen versehen, die wenig Sinn ergeben. Anfangs beginnt das Abenteuer mit Kano und Achi, anhand derer Aktionen gut erklärt wird, wie das System funktioniert. Kano läuft zum Beispiel geradewegs in sein erstes Bad End, wenn man Achi nicht davon abhält, in die Geldübergabe hineinzustolpern. Hierfür wechselt man zu einem Bildschirm, der alles bereits Geschehene für jeden der Protagonisten, inklusive Szenenauswahl und Zeitangabe, aufzeichnet und daraufhin fängt Achis Geschichte an. So ist es möglich, ihn so zu beeinflussen, dass er sich anders entscheidet. Im Anschluss geht es zurück zu Kano, bei dem sich der Verlauf nun geändert hat.

Wirklich spannend wird das System gerade dann, wenn alle fünf der Charaktere mitmischen, weil hier gute Überlegung vonnöten ist, um so das unliebsame vorzeitige Ende zu umgehen. Bei über 50 Bad Ends ist es übrigens kein Wunder, wenn man eine ganze Weile braucht, bis man den richtigen Weg findet.

Beim Verlauf wird darauf geachtet, dass Abschnitte in bestimmten Momenten gestoppt werden, damit der Spieler bei einem der anderen Protagonisten weiterlesen muss, um später bei jenem Punkt weiterzukommen. So wird grob eine vorgegebene Reihenfolge eingehalten. Dennoch gibt es genug Freiheiten.

Hat man es geschafft, alle heil durch einen Zeitabschnitt zu bringen, gibt es nach einem „Fortsetzung folgt” eine kleine Vorschau zu sehen und das nächste Kapitel beginnt. Ereignisse, die früher stattgefunden haben, können das aktuelle Kapitel nicht beeinflussen, aber es ist trotzdem möglich, jederzeit in der Übersicht zurückzugehen, um fehlende Bad Ends zu sammeln.

Leider läuft nicht immer alles perfekt. Es gibt Momente, in denen es möglich ist, zu einem anderen Charakter zu springen, obwohl bei diesem an besagter Stelle der Weg nicht versperrt war und selbst mit der Möglichkeit, Szenen und Entscheidungspunkte in der Übersicht auszuwählen, fehlt eine einfache Funktion zum Verschnellern oder Überspringen der Texte. Zumindest etwas Abhilfe verschafft der Nachrichtenverlauf, aber selbst dort erlaubt das Spiel nur zu bestimmten Abschnitten zu springen. Wer zu früheren Szenen zurückkehrt, muss sich darauf gefasst machen, dass das erneute Durchklicken etwas Zeit in Anspruch nehmen wird.

Die praktische Auto-Funktion bietet immerhin drei verschiedene Schnelligkeitsstufen an, wobei es gerne einmal Probleme beim Anzeigen des letzten Absatzes eines Textes gibt. Dieser verschwindet oftmals viel zu schnell. Ebenfalls störend erscheinen einige der Soundeffekte sowie die Wahl der Geräuschkulisse. Zwar wird hier gut mit zur jeweiligen Situation passenden Hintergrundgeräuschen gespielt, nur lenken einige davon beim Lesen ab. Leider sieht es ähnlich mit der grafischen Gestaltung des Hintergrundes bei den Bonus-Kurzgeschichten aus. Der schwarze Grund mit grauen Streifen irritiert enorm, weil es nach zu langem Lesen so wirkt, als würde er sich über das Geschriebene und sogar über den Bildschirmrand hinaus ziehen.

Bei der Hauptgeschichte können die verwendeten Fotos und Videoaufnahmen weitgehend als zufriedenstellend bezeichnet werden und die gewählte Schrift für die Texte ist durchgehend gut lesbar. Achtet man genau auf das Bildmaterial, wird einem jedoch das Alter des Spieles bewusst. Zum Beispiel ist zu erkennen, dass hier und da lediglich etwas Kunstblut verteilt wurde, was den Effekt verharmlost. Eine andere Sache, die auffällig ist, ist die schwankende Qualität, wodurch das Gezeigte nicht immer gänzlich scharf dargestellt wird. Bedenkt man, dass der Entwickler Abstraction Games, der für den Ableger zuständig war, nur die alten Aufnahmen zur Verfügung stehen hatte, ist das jedoch nicht verwunderlich.

Überraschungen und versteckte Inhalte

Sehr informativ und zugleich sehr amüsant gemacht ist die Sammlung an Tipps, die man im Verlauf der Geschichte zu Gesicht bekommt. Erscheint ein Wort blau markiert, lässt sich per Knopfdruck eine Erklärung dazu aufrufen. Diese kann zusammenfassendes Wissen, Profile von Charakteren, kleinere Geschichten und unnütze oder lustige Texte enthalten. Manchmal sogar mit Videoanhang. Leider werden die Tipps nicht separat gesammelt, sondern können nur an den Stellen, an denen sie erscheinen, angesehen werden. Enthalten sind zudem Anspielungen zu allerhand bekannten Dingen (wie zum Beispiel eine Abwandlung des Tamagotchi) sowie anderen Werken Chunsofts und Gastauftritte der Sängerin Aya Kamiki, die Lieder für das Spiel beisteuert.

So etwas und andere zusätzliche Inhalte, die teils auf seltsame Art und Weise im Spiel versteckt sein können, findet man übrigens überall verteilt. Eines der schlechten Enden führt zu einem Minispiel und nach Beendigung der Hauptgeschichte wird ein Quiz freigeschaltet. Durch richtige Antworten können Kurzgeschichten für Nebenfiguren angesehen werden, die Hinweise dazu enthalten, in welchen Abschnitten man nachschauen muss, um weitere davon zu finden.

Je nachdem, welches Ende man erreicht, erscheint eines von zwei Bonus-Szenarien. Eines davon ist eine mit Animeszenen versehene Geschichte, die von Type-Moon geschrieben und gezeichnet wurde und sogar, im Gegensatz zum Rest des Spieles, Sprachausgabe enthält. Mit dabei sind bekannte Synchronsprecher wie Miyuki Sawashiro und Maaya Sakamoto. 2009 hat man hieraus die 12-teilige Animeserie Canaan produziert, die nach den Ereignissen von 428: Shibuya Scramble spielt. Es sei gewarnt, dass die Serie Spoiler enthält, die sich auf wichtige Wendungen beziehen. Wer also an beiden Werken Interesse hat, sollte zuerst 428: Shibuya Scramble spielen und im Anschluss Canaan schauen.

Vom Umfang und Zusatzinhalten her hat diese Sound Novel genug zu bieten und wird je nach Lesegeschwindigkeit 40 bis 50 Stunden in Anspruch nehmen. Ein Lob gilt übrigens der sehr gelungenen Lokalisierung, die nur wenige Fehltritte aufweist. Die englischen Texte sind sehr kreativ und passend gestaltet, sodass es Spaß bringt, diese zu lesen. Jedoch gibt es an einer Stelle ein Wirrwarr an seltsamen Zeichen zu sehen sowie einen Tipp ohne Inhalt, der das Spiel zum Absturz bringt.

Fazit

Exzellente Szenario-Gestaltung und Charaktere

»428: Shibuya Scramble ist eine spannend geschriebene Sound Novel, in der fünf unterschiedliche Protagonisten in eine ziemlich gefährliche Sache verwickelt werden. Damit beginnt eine dramatische Geschichte voller gelungener Wendungen, die den Spieler bis zur letzten Minute an den Bildschirm fesseln wird. Bei den in Zeitfenstern unterteilten Ereignissen wird aktiv zwischen den Protagonisten hin- und hergewechselt, um sich eine sichere Route durch die vielen unvorteilhaften, teils recht verrückten Ausgänge zu bahnen. Passend gesetzte Cliffhanger, eine Vielzahl an Entscheidungen und helfende Hinweise begleiten den Spieler dabei, den richtigen Weg zu finden. Im Gegensatz zu einer Visual Novel wird der Text über den gesamten Bildschirm gelegt. Zudem existiert keine Sprachausgabe. Statt gezeichnete Figuren und Hintergründe zu nehmen, hat man hierfür Filmaufnahmen mit Schauspielern vorbereitet und daraus sehr gut umgesetztes Bild- und Videomaterial erstellt. Etwas, was man heutzutage nicht mehr so häufig vorfindet.

Bleibt immer noch die Frage, ob 428: Shibuya Scramble zurecht den Perfect Score in der Weekly Famitsu eingesammelt hat. Nach meiner persönlichen Einschätzung würde ich ja und nein sagen. Von der Gestaltung und dem Verlauf des Szenarios her kann man deutlich sagen, dass es kaum besser geht. Eine exzellente Geschichte, gut ausgearbeitete Charaktere und so einige Überraschungen gibt es mitzuerleben. Hier wird man bestens unterhalten. Auch der Umfang und die kleinen versteckten Zusätze wissen voll und ganz zu überzeugen. Jedoch waren mir einige Design-Entscheidungen deutlich im Weg oder haben beim Lesen gestört. Dazu gesellen sich manchmal furchtbare Sounds und Hintergrundgeräusche. Für mich ist diese Sound Novel dadurch nicht rundum perfekt, aber definitiv nah dran. Deswegen kann ich sie allen Freunden des Visual-Novel-Genres und allen Leseratten wärmstens ans Herz legen und vergebe an dieser Stelle einen wohlverdienten JPGames-Award!«

 

Exzellent geschriebene Geschichte, die bis zur letzten Minute begeistern kann und so einige überraschende Wendungen parat hat.
Aktiver Wechsel zwischen Lesen, Entscheidungen treffen und den fünf Routen der Protagonisten, die sich gegenseitig beeinflussen.
Verwendung von Filmaufnahmen mit richtigen Schauspielern, die gekonnt die Geschichte in Bewegung setzen; durch das Alter der Aufnahmen ist das Gezeigte manchmal etwas unscharf.
Benutzung von passender Geräuschkulisse und Soundeffekten, die jedoch zum Teil beim Lesen stören; annehmbarer Soundtrack.
Umfangreiches Szenario mit über 50 Bad Ends und vielen zusätzlichen, teils gut versteckten Inhalten; gut ausgearbeitete, sympathische Protagonisten und Nebenfiguren; keine Sprachausgabe; lohnenswertes Bonus-Szenario von Type-Moon enthalten.