Angespielt! Yakuza 6: The Song of Life

Kazuma Kiryu blickt mich grimmig an. Jedes seiner Haare weht dabei im Wind, jede seiner Poren wirkt unglaublich plastisch. Ich komme nicht umhin, mich...

Kazuma Kiryu blickt mich grimmig an. Jedes seiner Haare weht dabei im Wind, jede seiner Poren wirkt unglaublich plastisch. Ich komme nicht umhin, mich bereits im Hauptmenü von Yakuza 6: The Song of Life von der neuen Dragon Engine beeindrucken zu lassen.

Um den neuesten und gleichzeitig finalen Ableger der japanischen Actionreihe rund um das Yakuza-Mitglied Kazuma Kiryu anzuspielen, sitze ich in München in den Büros von Koch Media. Die anwesende PR-Managerin von Atlus übermittelt uns gleich zu Beginn des Presse-Events die Kernbotschaft: „Yakuza hat sich noch nie besser angefühlt und noch nie steckte Kazuma in größerer Gefahr als in Yakuza 6.“ Ob das Spiel das Potential hat, dieses Versprechen einzuhalten, zeigen wir euch in diesem Preview.

Vier Jahre später…

Kazuma Kiryu ist zurück…

Die Story beginnt in medias res, vier Jahre nach dem Ende von Yakuza 5. Kazuma, in gewohnt ernster Manier, wird in einer Bar angepöbelt und kümmert sich sogleich um den Störenfried. Der erste Kampf dient als kleines Tutorial, welches direkt neugierig auf weitere Auseinandersetzungen macht. Doch dazu später mehr, denn zunächst folgen etwa 45 Minuten an Zwischensequenzen, bevor die Steuerung wieder gänzlich den Spielern überlassen wird. Nach erteilter Lektion kehrt Kazuma zur Bar zurück, um sich überraschend liebevoll einem Baby zuzuwenden. Cut. Die Geschichte springt direkt zurück an das Ende von Yakuza 5 und erklärt in einfühlsamem Tempo, warum sich Kazuma nach den Ereignissen des Vorgängers freiwillig für drei Jahre in Haft begibt, verbunden mit den emotionalen Konsequenzen für seine Adoptivtochter Haruka.

Besonders positiv ist, dass man die vorherigen Yakuza-Teile nicht zwingend gespielt haben muss, um der Handlung folgen zu können. Bekannte Charaktere werden in einer Traumsequenz bündig vorgestellt; zudem ist im Hauptmenü die Kategorie „Erinnerungen“ wählbar, welche die Ereignisse der vorherigen Spiele in Text- und Bildform zusammenfasst.

Die Haupthandlung des Spiels beginnt schließlich mit Kazumas Rückkehr zum Waisenhaus „Morning Glory“, wo er von den nun jugendlichen Bewohnern erfahren muss, dass Haruka bereits seit einem Jahr ohne Lebenszeichen verschwunden ist. Die Suche nach ihr führt ihn zunächst zurück in den fiktiven Tokioter Stadtteil Kamurocho – der Großteil der Handlung wird jedoch in Homichi in Hiroshima stattfinden.

„Warum lande ich immer wieder in dieser verfluchten Stadt?”

Die Handlung von Yakuza 6 ist düster. Auch Kamurocho hat sich gewandelt: Die chinesischen Triaden beanspruchen die Herrschaft über das Viertel und stehen damit im Krieg gegen den mittlerweile deutlich geschwächten Tojo-Clan. Doch wer nun denkt, Yakuza habe seinen serientypischen Humor verloren, der irrt: Kamurocho ist voll von Nebenaktivitäten und Sidequests, welche köstlich unterhalten. Neben bewährten Spielhallen, die Vollversionen von Puyo Puyo und Virtua Fighter 5 anbieten (beide Spiele sind auch als Zweispieler-Aktivität direkt im Hauptmenü wählbar), trifft Kazuma auf allerlei Charaktere und Orte, die für Ablenkung sorgen. So gibt es ein Fitnessstudio, in dem Kazuma Erfahrungspunkte zum Aufleveln sammeln kann. Folgt er anschließend dem Ernährungsplan vom Trainer (Kamurocho strotzt nur so vor Restaurants und Imbissen), gibt es Zusatzpunkte.

In meiner etwa dreistündigen Anspielsession traf ich beispielsweise auch auf einen jungen Mann, der sein Leben dem Live-Chat widmet – einer erotischen Aktivität, der sich auch Kazuma nicht verwehren kann. So findet man sich in dieser Nebenquest schnell in einem Videochat mit einer Stripperin wieder, zusammen mit anderen Usern des Chatraumes mit Namen wie „Soloperformer“ oder „30YearOldVirgin“. Daneben Kazumas ernstes und gleichzeitig fasziniertes Gesicht sowie seine humorvollen Chatbeiträge garantieren die Beanspruchung eurer Lachmuskeln.

Beeindruckt war ich ebenfalls von einer zunächst harmlos wirkenden Sidequest, die sich um eine Handyapp mit künstlicher Intelligenz dreht, die schnell aus dem Ruder läuft und Kazuma in Gefahren bringt. Wenn auch Hiroshima – welches ich leider nicht anspielen konnte – voll von solch interessanten Nebenmissionen ist, steht uns mit Yakuza 6 ein umfang- und abwechslungsreiches Erlebnis bevor, das den Spagat zwischen Ernst und Humor bravourös meistert.

Kämpfen mit Essstäbchen

Doch nicht nur die Story und Nebenmissionen sind entscheidender Teil der Yakuza-Serie, sondern auch das Verprügeln von Bösewichten. Und das macht in Yakuza 6 unglaublich viel Laune! Auf den belebten Straßen von Kamurocho trifft man immer wieder auf Gruppen von Schlägern, Triaden und anderen Yakuza-Mitgliedern, die Kazuma bei Sichtkontakt in einen Kampf verwickeln. Anders als in den vorherigen Teilen gibt es keinen Übergang in einen separaten Kampfbildschirm – Kazuma packt direkt die Fäuste aus und bekämpft die fiesen Schergen auf der Straße.

Dieser flüssige Wechsel zwischen Erkundung und Schlägerei sorgt für viel Dynamik, auch im Umgang mit der Umgebung. Im Grunde lässt sich alles Herumliegende benutzen, um eure Feinde zu verhauen: Straßenkegel, Essstäbchen oder (scheinbar nie angekettete) Fahrräder. Was macht schon mehr Spaß, als einer Bande von Straßenräubern ein Fahrrad mit voller Wucht ins Gesicht zu schleudern? Daran hat sich auch in Yakuza 6 nichts geändert. Die Steuerung folgt bekannten Mustern: Mit der X-Taste wird ausgewichen, Viereck dient normalen und Dreieck schweren Angriffen. Die Schultertasten dienen der Verteidigung, dem Anvisieren von Gegnern sowie der Aktivierung des „Heat Modes“, in dem Kazuma für kurze Zeit besonders stark zuhaut. Natürlich kommt es hin und wieder auch zu kurzen Quicktime-Events, die super in Szene gesetzt sind, im Kampfgeschehen mit vielen Gegnern jedoch schnell untergehen können. Generell bleibt abzuwarten, ob die bisher spaßigen Auseinandersetzungen noch mehr Abwechslung bieten oder auf Dauer nicht doch langweilig werden.

Jedoch halte ich die Hoffnungen hoch, denn das Level- und Skillsystem wirkt vielversprechend. Kazuma bekommt in Kämpfen sowie für sämtliche Nebentätigkeiten (Spielen, Essen, Reden, Trainieren etc.) Erfahrungspunkte in verschiedenen Kategorien, mit denen sich eure Charakterwerte erhöhen sowie neue Fähigkeiten freischalten lassen. So gibt es vor allem in der Kategorie „Heat Actions“ verrückte neue Angriffe zu erlernen wie zum Beispiel Gegner mit Essstäbchen zu paralysieren oder Feinde in Restaurants kopfüber in Mikrowellen zu schleudern und das Küchenpersonal zu bitten, diese doch bitte anzuschalten.

Die Gesundheit wird durch Speisen wieder aufgefüllt, die ihr entweder in einem der unzähligen Restaurants oder in den detailliert gestalteten Supermärkten erwerben könnt.

Technisch auf hohem Niveau

Generell lässt sich auch optisch viel Liebe zum Detail erkennen. Wie anfangs erwähnt, lädt die extra für Yakuza 6 entwickelte Dragon Engine zum Staunen ein. Charaktere sehen in den Cutscenes fantastisch aus; Eiswürfel in einem Glas, Schweiß auf der Haut oder Falten an den Händen wirken realistischer denn je. Der Grafiksprung wird vor allem dann deutlich, wenn es Rückblenden zum vorherigen Titel gibt, welche im alten Grafikstil belassen wurden (insbesondere die Texturen wirken dann im Vergleich zur neuen Engine matschig). Jedoch schwächelt die Dragon Engine ein wenig in weitläufigeren Arealen, da besonders das minimale Anti-Aliasing für pixelige Kanten sorgt. Allerdings gewöhnt man sich recht schnell daran, sodass die Bewunderung der vielen kleinen optischen Details überwiegt.

Auch die Animationen und Bewegungen fühlen sich gut und flüssig an. Kazuma kommt beispielsweise beim Sprinten nicht ruckartig zum Stehen, sondern braucht ein bis zwei Schritte, um seine Geschwindigkeit zu drosseln. Auffällig ist zunächst, dass Animationen in Konversationen mit NPCs ruckartig abgebrochen werden, sobald man den X-Knopf für den nächsten Dialogschnipsel drückt, bevor die Sprachausgabe fertig ist. Zunächst irritierend, aber schnell eine Sache der Gewohnheit.

Vor allem für Spieler, welche die japanische Sprachausgabe genießen, wird dieser Moment nie auftreten. Die Dialoge sind wie immer qualitativ synchronisiert und lassen kaum Wünsche offen. Eine englische oder gar deutsche Sprachausgabe wird es nicht geben, jedoch deutsche Bildschirmtexte. Musikalisch wechselt die Atmosphäre zwischen ruhigen Elektroklängen, emotionalen Streichern, authentischen Hintergrundgeräuschen und rockigen Gitarrenschlägen in Kämpfen.

Fazit

Yakuza 6 hat einen grandiosen Ersteindruck bei mir hinterlassen. Die zwar langen, aber nie langweiligen Zwischensequenzen führen grandios in die Story ein und sind sowohl für Serienveteranen als auch für Neulinge interessant. Die Kämpfe machen Spaß und das Levelsystem ermuntert noch mehr dazu, den vielzähligen und abwechslungsreichen Nebenaktivitäten nachzugehen, die oft ein erfrischendes Maß an Humor mit sich bringen. Technisch lässt sich höchstens das mangelnde Anti-Aliasing bemängeln, welches jedoch im wahrsten Sinne des Wortes schnell in den Hintergrund gerät, da vor allem Texturen und unzählige Details einfach klasse aussehen.

Ich konnte Yakuza 6 zwar nur drei Stunden anspielen, diese machten aber große Lust darauf, Kazuma Kiryus letztes Kapitel weiterzuspielen. Yakuza 6 erscheint nach einer kurzfristigen Verschiebung nun am 17. April 2018 in Europa. Schon am 27. Februar könnt ihr aber testweise in die Rolle von Kazuma schlüpfen – dann erscheint eine spielbare Demo.