Im Test! London Detective Mysteria

London Detective Mysteria ist eine romantische Detektivgeschichte, die im alten London spielt und so einige bekannte Namen wie Sherlock Holmes, Lupin...
Titel London Detective Mysteria
Japan 11. Februar 2016
Karin Entertainment
Nordamerika 18. Dezember 2018
XSEED Games
Europa 18. Dezember 2018
XSEED Games
System PlayStation Vita, PC (Steam)
Getestet für PlayStation Vita
Entwickler Karin Entertainment
Genres Visual Novel, Otome
Texte
Nordamerika
Vertonung Japan

Bildmaterial: London Detective Mysteria, Karin Entertainment / XSEED Games

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch daran, wie der amerikanische Herausgeber XSEED Games einst ein Otome-Spiel für PlayStation Portable angedeutet hatte, bevor es schnell still und heimlich wieder verworfen wurde. Jener Titel aus dem Hause Karin Entertainment bekam 2016 einen PlayStation-Vita-Ableger spendiert, der nun überraschenderweise doch noch seinen Weg in den Westen gefunden hat, wenn auch nur in digitaler Form. Die Rede ist von “London Detective Mysteria”, einer romantischen Detektivgeschichte, die im alten London spielt und so einige bekannte Namen wie Sherlock Holmes, Lupin und Jack the Ripper enthält.

Ob London Detective Mysteria es schafft, die damalige Atmosphäre gut einzufangen und wie es mit den romantischen Elementen aussieht, erfahrt ihr in unserem Test zur PlayStation-Vita-Version.

Ein Detektiv-Abzeichen als Anerkennung

London Detective Mysteria spielt im England des Viktorianischen Zeitalters und stellt die Detektiv-Abenteuer einer jungen Dame aus reichem Hause in den Vordergrund. Emily Whiteley, so ihr Name, neigt dazu, ihre Nase in alle möglichen Angelegenheiten zu stecken und stolpert dabei von einer gefährlichen Situation in die nächste. Nachdem sie zufällig auf einer Party in einen Fall hineingerät und dadurch die Anerkennung der Königin Viktoria erhält, verschlägt es Emily an eine angesehene Schule, die auch die Ausbildung von Detektiven übernimmt. Dies stellt den Beginn einiger schicksalhafter Begegnungen und Fälle dar. Wer weiß, vielleicht findet Emily dabei sogar die wahre Liebe.

Für die Romantiker unter euch sei gewarnt, dass trotz der Otome-Bezeichnung und vorhandenen Romanze-Elementen der Fokus des Spiels in erster Linie auf Handlung und Charakter-Interaktionen liegt. So wirkt die eingebrachte Liebesgeschichte abrupt und geht leider eher in Richtung unrealistisch.

Zudem wird es ein langer Weg bis zur ersten Route eures Auserwählten sein. Karin Entertainment ist nicht nur bekannt dafür, ihren Heldinnen eine Stimme zu verleihen, sondern auch für sehr lange “Common Routes”. So sind die einzelnen Kapitel dazu da, nach und nach alle wichtigen Charaktere und Nebenfiguren vorzustellen. Oftmals geschieht dies in einer leichtlebigen, humorvollen Art und Weise, inklusive dem ein oder anderen Fall. Habt ihr dies erfolgreich gemeistert, geht das Spiel in eine der insgesamt fünf Charakter-Routen über. Zur Auswahl stehen hierbei einige höchst interessante Persönlichkeiten wie die Söhne von Sherlock Holmes und Dr. Watson und… Jack the Ripper höchstpersönlich!? Klingt schon sehr verlockend, nicht wahr?

Entscheidende Faktoren, um den richtigen Weg einzuschlagen, sind neben euren Antworten und Leistungen zu Beginn des Spieles die Entscheidungsmöglichkeiten innerhalb der Common Route. Ein Effekt auf dem Bildschirm zeigt, ob das, was ihr gewählt habt, die Zuneigung zum jeweiligen Charakter steigert oder nicht. Manchmal werdet ihr zudem dazu aufgefordert, ein wenig euer Köpfchen anzustrengen, um die richtigen Schlussfolgerungen in einem Fall geben zu können. Aber keine Angst, solche Momente sind relativ leicht zu verstehen und zu lösen. Das Einzige, was etwas Stress verursachen könnte, ist die Zeitbegrenzung. Die Begrenzung wird bei jeder Entscheidung sichtbar angezeigt und lässt euch nicht lange nachdenken. Dies ist ein fester Bestandteil in allen Titeln von Karin Entertainment.

Der Wahrheit auf der Spur!

Was London Detective Mysteria weitgehend gut zum Vorschein bringt, ist die Atmosphäre und Lebensweise im alten London mit all seinen positiven und negativen Aspekten, wobei es teils einen Hang zur Übertreibung aufweist. So muss Emily feststellen, dass man sie zu Recht vor dem Armenviertel East End gewarnt hat, denn treibt sich hier alles mögliche an Gesindel herum.

Dadurch, dass sich eine Route eingehender mit diesem Viertel beschäftigt, werden die harschen Lebensumstände ausführlich durchgegangen. Hier spielt auch das Thema Diskriminierung eine nicht ganz unwichtige Rolle, was gerade Akechi und Kobayashi, zwei Detektive aus dem Land der aufgehenden Sonne, am eigenen Leib zu spüren bekommen müssen.

Etwas unglücklich verläuft der Übergang von Common-Route zu einer Charakter-Route, denn da macht die gesamte Atmosphäre eine komplette Wendung in Richtung ernst und düster. Während ihr sonst in eher ungefährliche Angelegenheiten verwickelt worden seid und euren Alltag mit euren Klassenkameraden bei Picknick und Tee verbringt, geht es im Anschluss plötzlich um Morde, Anschuldigungen und Entführungen.

Jede Route beschäftigt sich mit anderen düsteren Themen, die mit dem Charakter in Verbindung stehen, den ihr gewählt habt. Holmes wird zum Beispiel in eine Falle gelockt und muss daraufhin mit eurer Hilfe seine Unschuld in einem Mordfall beweisen. Watson hingegen bekommt es mit Jack the Ripper zu tun. Dementsprechend sind hitzige Gefechte und Showdowns mit entsprechenden Grafikeffekten und recht verstörende, detaillierte Beschreibungen der Verletzungen der Mordopfer enthalten.

Schön zu sehen ist, welche Entwicklung die Charaktere im Verlauf der Ereignisse zeigen. Hier kommt eine gelungene Gestaltung zum Vorschein, die sich gerade bei Holmes und Jack sehr positiv auswirkt. Allgemein sind die wichtigen Figuren alle auf ihre Art und Weise liebenswert und wurden gut gehandhabt, aber auch die Gegenseite weiß zu gefallen.

Gerade nachdem man sich für einen Angebeteten entschieden hat, ist es wichtig, dass nicht von einer Sekunde auf die andere alle anderen Charaktere komplett unwichtig werden. Oder noch schlimmer: der Eifersucht verfallen und sich um die Protagonistin streiten. All das wurde hier erfolgreich vermieden. Ebenso nicht selbstverständlich und oft vernachlässigt wird die Einbringung von weiteren weiblichen Charakteren, die mit in den Mittelpunkt rücken, ohne der Protagonistin im Wege zu stehen. Mit Marple und Hudson hat man hier zwei positive Beispiele ins Leben gerufen, von denen eine sogar eine Freundschaft-Route erhalten hat.

Emily selbst ist ein etwas schwieriger Fall, der nicht immer unbedingt positiv betrachtet werden kann. Sie ist keine typische vornehme Dame, sondern ein unbändiger, von Neugier geprägter Wildfang, der nicht gut mit den Gesprächsthemen der Reichen, engen Kleidern und Formalitäten klar kommt. Nachvollziehbar ist es, da sie lange Zeit auf dem Lande gewohnt hat, dennoch bringen sie ihre Unwissenheit und Eigenarten ständig in Schwierigkeiten. Oder sie ist schon wieder mit den Gedanken woanders und stolpert über ihre eigenen Füße.

Sie hat zwar ihren eigenen Kopf, weiß ihre Meinung und Ratschläge klar und deutlich auszudrücken und hat definitiv keine Angst davor, gefährlichen Situationen entgegenzutreten, aber muss ständig von den männlichen Charakteren im Spiel gerettet werden. Leider lernt sie auch nicht dazu, was auf Dauer sehr nervig sein kann. Dies ist schade, da sie insgesamt gesehen keine schlechte Otome-Heldin ist.

Es werden mehrfach Hinweise darauf gegeben, dass jemand im Hintergrund die Fäden zieht, der für die Untaten in London verantwortlich ist. So wird jede Route etwas mehr darüber ans Licht bringen lassen, so dass ihr nach Beendigung aller Enden der Wahrheit auf den Grund gehen könnt. Hierbei wird durchgehend eine gelungene Spannung gehalten, jedoch handelt es sich bei dem True End um ein offenes Ende, was für Enttäuschung sorgen könnte.

Angefangene Story-Punkte und so einige Fragen bleiben offen. Zudem werden zwei Charaktere zum Schluss kurz vorgestellt, die noch eine wichtige Rolle im Gesamtbild zu spielen scheinen, und Emilys Butler ist ein einziges Mysterium, hinter dem sicherlich etwas Bedeutendes steckt, aber mehr als Andeutungen erhält der Spieler nicht.

Ein neu hinzugefügter Epilog macht die Sache nicht unbedingt besser, da hier ein Nachfolger mittels Preview geteasert wird. Einen Nachfolger, der es höchstwahrscheinlich nie auf den Markt schaffen wird, da Karin Entertainment durch andere Projekte die Gelegenheit verpasst hat. Nach zwei Jahren befindet sich der Titel nämlich immer noch in der Planungsphase und laut einem Blogpost vom letzten Dezember müsse man zuerst einmal die gesamte Geschichte noch einmal überarbeiten, sollte man sich je wieder an den Titel setzen. Sehr schade, da London Detective Mysteria durchaus ein gelungenes Spiel ist, welches eine Fortsetzung verdient, die alle offenen Fragen beantwortet.

Ein farbenfrohes, aber sogleich düsteres London

Auf musikalischer Seite macht London Detective Mysteria so einiges her und kann viele schöne, zur Viktorianischen Zeit passende Tracks vorweisen. Auch das Intro mitsamt Lied sticht positiv hervor. Ein wahrer Blickfang sind die vielen verschiedenen Hintergründe, die sehr detailliert gestaltet worden sind und auch die meisten Artworks und Event-Bilder, gehalten in einem farbenfrohen, hübschen Stil, können sich sehen lassen.

Leider hat man für die neuen Inhalte der PlayStation-Vita-Version einen anderen Zeichner genommen, sodass die Bilder in den Epilogen sichtlich anders erscheinen. Warum man hierbei Watsons Sprites komplett geändert hat, obwohl alle anderen den alten Stil beibehalten haben, ist auch unverständlich.

Bis auf die etwas befremdliche Art und Weise, in der einige englische Begrifflichkeiten und gerade der Name “Miss Whiteley” ausgesprochen werden, weiß die japanische Sprachausgabe zu gefallen. Auffällig ist jedoch, dass für die unwichtigen Charaktere oftmals auf komplette Amateure zurückgegriffen wurde, die es nicht so mit der richtigen Aussprache haben und gerne monoton reden.

Untermalt wird London Detective Mysteria von einer exzellenten Lokalisierung, in der viel Mühe und Liebe steckt. Die Beschreibungen sind sehr ausführlich und informativ gestaltet, so dass oftmals zusätzliche Textboxen für die englische Version hinzugefügt werden mussten. Man merkt, dass XSEED Games sich ausgiebig mit der Thematik auseinandergesetzt hat und viel Recherche betrieben wurde.

Es wurde sogar versucht, die verschiedenen Sprachstile, zum Beispiel zwischen den vornehmen und armen Charakteren, wiederzugeben. Zwischendurch waren Jacks Dialoge etwas schwer zu lesen, aber der allgemeine Aufwand, die Viktorianische Zeit einzufangen, ist bemerkenswert. Allerdings muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass das, was im Japanischen gesagt wird, nicht diesen starken Kontrast aufweist und man sich gerne einmal Freiheiten genommen hat. Wer eine direkte Übersetzung sucht, wird sie an dieser Stelle vergeblich suchen. Insgesamt gesehen ist es aber bislang eine der besten Otome-Game-Lokalisierungen.

Leider läuft es mit einigen Funktionen des Spiels nicht ganz so gut. Die sehr praktische Möglichkeit, ganze Szenen zu überspringen, kann oftmals zu Abstürzen führen. So muss man stellenweise die normale, um einiges langsamere Skip-Funktion nutzen. Wer sich gezielt Speicherstände setzt, muss zudem bedenken, dass das Spiel sich nicht den aktuellen Speicherstand merkt oder diesen als neu markiert. Das heißt nach dem Start steht der Cursor auf “New Game” und klickt man auf “Load”, wird man jedes Mal zum allerersten Speicherstand in der Liste geschickt. Zum Glück ist zumindest alles mit Datum, Bild, Szenentitel und Route versehen.

Ansonsten sind so einige brauchbare Funktionen und Einstellungen vorhanden, wie ein Nachrichtenverlauf, Quicksave und Quickload, die Möglichkeit das Gesagte von Charakteren zu speichern, um es sich jederzeit wieder anhören zu können und so einiges mehr. Die Extras sind zudem wirklich hübsch in Szene gesetzt und neben den Event-Bildern werden auch alle Hintergründe, Szenentitel, Sequenzen und die Musik gesammelt. Ein besonderes Lob gilt übrigens der Gestaltung der digitalen Anleitung. Es lohnt sich, diese zu lesen!

Fazit

»London Detective Mysteria ist eine halbwegs gelungene Detektivgeschichte mit romantischen Elementen. Fans des Otome-Genre müssen sich jedoch darauf einstellen, dass die Liebe nur eine zweitrangige Position einnimmt und sich über einen kurzen Zeitraum entwickelt. Die Charaktere, die auf fiktionalen Persönlichkeiten (oder deren Söhnen) basieren, sind allesamt gut gestaltet und es ist eine gewisse, nötige Entwicklung innerhalb der spannend gestalteten Routen zu erkennen. Leider kann die Protagonistin auf Dauer etwas nervig erscheinen und der Wechsel zwischen leichtlebigen Szenen und düsterer Thematik geschieht oftmals viel zu plötzlich. Sowohl die Common-Route als auch die Charakter-Routen sind recht ausführlich gestaltet, was insgesamt einer Spielzeit von 40 bis 50 Stunden entspricht.

Der größte Kritikpunkt, der das Spiel, je nachdem welche Schwerpunkte man sich setzt, deutlich herunterziehen kann, sind offene Fragen und ungelöste Story-Punkte: Die Wahrheit hinter der ganzen Geschichte wird nur angeschnitten und im Epilog ist von einem Nachfolger die Rede, der wohl nie erscheinen wird.

Empfehlenswert ist London Detective Mysteria für Lesefreudige, denen das Zusammenspiel zwischen den Charakteren und der Handlung wichtiger ist als eine ausführliche, realistische Romanze. Auch wer Interesse an der Viktorianischen Zeit oder einer etwas anderen Interpretation von bekannten fiktiven Figuren hat, kann hier gerne einmal einen Blick wagen. Es sei jedoch gesagt, dass es sich hierbei um einen Titel handelt, der in erster Linie an eine weibliche Spielerschaft gerichtet ist. Zudem ist das Spiel nur digital im PlayStation-Store erhältlich und niemand weiß, wie es mit der angekündigten PC-Version für Steam aussieht.«

 

Detektivgeschichte im London der Viktorianischen Zeit mit etwas zu kurz kommenden romantischen Elementen; humorvolle, gelungene Charakter-Interaktionen, vermischt mit actionreichen und spannenden Szenen; weitgehend zufriedenstellende Routen.
Besteht aus Lesen und Entscheidungen treffen.
Hübsches, farbenfrohes Artwork und eine Vielzahl an detaillierten Hintergründen; Zeichnerwechsel lässt einige Event-Bilder und Watsons Charakter-Sprites im Epilog leider etwas befremdlich wirken.
Gelungene musikalische Untermalung, die gut zum Zeitalter passt; japanische Synchronisation kann sich weitgehend hören lassen, man hört aber deutlich, dass für unwichtige Charaktere Amateure genommen wurden.
Exzellente Lokalisierung, in der viel Mühe und Liebe steckt; offenes Ende, bei dem die ganze Wahrheit nur angeschnitten wird; der angedeutete Nachfolger wird wohl nie erscheinen.