Im Test! Shadow of the Colossus für PS4

Ein junger Mann auf einem schwarzen Pferd. In den Armen hält er eine in weiße Laken gewickelte Gestalt. Er reitet über Stock und Stein, überquert...
Titel Shadow of the Colossus
Japan 08. Februar 2018
Sony Interactive Entertainment
Nordamerika 06. Februar 2018
Sony Interactive Entertainment
Europa 07. Februar 2018
Sony Interactive Entertainment
System PS4
Getestet für PS4
Entwickler Bluepoint Games
Genres Adventure
Texte
Japan
Vertonung

Einer gegen alle

Ein junger Mann auf einem schwarzen Pferd. In den Armen hält er eine in weiße Laken gewickelte Gestalt. Er reitet über Stock und Stein, überquert eine scheinbar endlose Brücke, bis er ein riesiges, steinernes Bauwerk erreicht. Dort angekommen entpuppt sich der verhüllte Körper als wunderschönes Mädchen, dessen regungsloser Leib vom Reiter auf einer Art Schrein abgelegt wird. Als aus dem Nichts eine dröhnende, körperlose Stimme ertönt und mit dem Jungen spricht, beginnen wir die Situation zu verstehen: Das Mädchen ist tot. Es gibt aber Hoffnung für sie, denn wenn alle 16 Kolosse fallen, kann sie zurückgeholt werden. Die Stimme warnt jedoch: Der Preis ist hoch.

Unbeirrt von allen Warnungen macht sich der junge Reiter, der übrigens Wander heißt, auf den Weg, um die Giganten zu erlegen und die holde Jungfrau wieder zum Leben zu erwecken. Ab jetzt übernimmt der Spieler die Kontrolle über ihn und wird auf die riesige Weltkarte losgelassen. Ein Titan nach dem anderen muss nun besiegt werden. Dabei existieren nie zwei oder mehr Kolosse gleichzeitig: Ein Koloss wird besiegt, der Protagonist wird ohnmächtig und wacht am Schrein wieder auf, der nächste Titan erwacht und muss besiegt werden. So geht es weiter, bis zum letzten Gegner.

Am Spielprinzip hat sich auch nach über zehn Jahren nichts verändert und doch erscheint Shadow of the Colossus in ganz neuem Gewand. Was Bluepoint Games aus dem Klassiker gemacht hat und ob es sich lohnt erneut auf Titanenjagd zu gehen, erfahrt ihr in diesem Test.

Im Schatten des Kolosses

Die 16 Kämpfe sind das Herzstück des Spiels und sind nicht nur abwechslungsreich, sondern auch ganz schön beeindruckend. Bei jedem Gigant braucht man eine eigene Taktik, um diesem Herr zu werden, denn kein Gegner ist wie der andere. Während der eine wie ein Pfeil durch die Luft schießt, schlängelt sich der andere langsam unter der Wasseroberfläche. Zugegeben, nicht alle Kolosse sind auch kolossal. Trotzdem ist jeder einzelne faszinierend und wunderschön anzusehen. Während die Wesen aussehen wie bewachsene Steine und Statuen, könnten Sie nicht lebendiger wirken. Wenn ihre roten Augen einen anfunkeln, während sie bebenden Schrittes auf die vergleichsweise zerbrechliche Spielfigur zustampfen. Wenn sie sich wild schütteln, um einen abzuwerfen oder schmerzerfüllt brüllen, wenn man sein Schwert in ihre Körper rammt – sie wirken auf ihre Weise so lebensecht, es bricht einem schon fast das Herz, wenn man wieder einen auslöscht.

Das Grundprinzip der Titanenkämpfe ist aber immer das gleiche, wenn man die jeweilige Taktik erst einmal geknackt hat. Ziel ist es letztendlich immer irgendwie auf den Koloss aufzusteigen und das Schwert wiederholt in seine Schwachstellen zu stechen, die aussehen wie leuchtende Siegel. Dabei schießt schwarze Flüssigkeit aus den Monstern, während sich ihre Lebensleiste immer weiter leert. Wie lange sich unser Held an einem Giganten festkrallen kann, hängt von seiner Ausdauer ab. Klettern und Festhalten kostet Kraft, ist diese verbraucht, lässt er los. Es ist also wichtig, sich seine Kräfte gut einzuteilen. Wenn sich die Möglichkeit bietet, muss man den Titanen auch einmal loslassen und auf ihm balancieren, damit sich die Energie wieder auffüllt. Aber Vorsicht – die Kolosse halten selten still!

Weiterhin hat der Protagonist auch Lebenspunkte, auf die man ein Auge haben sollte. Nimmt er zu viel Schaden, stirbt er. Der Held ist aber ganz schön zäh und er überlebt es auch, von haushohen Monstern zertreten zu werden oder einige Meter in die Tiefe zu stürzen. Gleichzeitig regeneriert er seine Lebensleiste auch noch. Man kann übrigens zwischen drei Schwierigkeitsgraden wählen – da ist sicherlich für jeden etwas dabei.

Gemeinsam einsam

Obwohl der Ablauf festgelegt ist, ist die Welt von Anfang an frei erkundbar. Man kann die ganze Landschaft auskundschaften, ohne auch nur einen Titanen bekämpft zu haben. Viel mehr als Sightseeing wird aber nicht geboten, denn es gibt keine Dörfer mit NPCs, Sidequests oder sonstige Gegner und Herausforderungen. Es ist jedoch möglich orange Früchte von Bäumen zu schießen, um die maximale Ausdauer oder Lebenspunkte zu erhöhen. Mancherorts gibt es auch glitzernde Münzen zu finden. Unterm Strich ist die Umgebung aber ziemlich verlassen: Man ist umgeben von Wäldern, Wiesen, Seen, Wüsten und Bergen. Ab und zu fliegt mal ein Vogel vorbei oder eine Eidechse huscht euch über die Füße. Alles in allem ziemlich einsam. Nur du, dein treues Reittier und ein Koloss irgendwo auf der Weltkarte.

Kolossale Probleme

Damit sich unser Held keine Blasen läuft und zügig reisen kann, setzt man ihn auf sein treues Ross und galoppiert los. Ganz orientierungslos muss man sich zum Glück aber nicht auf die Suche nach dem nächsten Koloss machen, denn euer Schwert dient euch als Wegweiser. Hält man es gegen das Sonnenlicht, zeigt ein heller Strahl die richtige Richtung an. Mehr Tipps erhaltet ihr jedoch nicht – meist stellt das aber kein Problem dar. Bis auf ganz wenige Ausnahmen findet ihr die Wesen ohne Umstände.

Was allerdings ein Problem ist, ist die Steuerung. Das fängt bereits beim Reiten des Pferdes an: Treibt man es ein bisschen zu sehr an, bremst es ab. Dreht man die Kamera, bremst es auch manchmal ab. Möchte man es in bestimmte Richtungen lenken, ist die Übertragung zwischen Controller und Gaul sehr indirekt und ihr werdet euch, besonders an engen Stellen, oft vor einer Wand wiederfinden. Vielleicht wollte man, dass die Reise auf dem Pferderücken sich echt anfühlt. Dass das Tier seinen eigenen Kopf hat und, wie Lebewesen halt so sind, etwas Zeit braucht, um zu reagieren. So sehr mir der Vierbeiner gegen Ende des Spiels ans Herz gewachsen ist, so sehr hätte ich mir gewünscht, schnörkellos und fließend durch die weitläufigen Landschaften von Shadow of the Colossus zu rasen und mich richtig frei zu fühlen. Leider ist das Reiten aber eher ein nerviges Muss, wenn man halbwegs schnell vorankommen will.

Auch die Steuerung während der Kämpfe ist ernüchternd und lässt sich wohl am besten mit dem Wort „krakelig“ beschreiben. Das Klettern ist ein elementarer Bestandteil des Kampfsystems, denn jeder Titan muss früher oder später erklommen werden. Dabei kann man sich an deren Fell festhalten, manchmal auch an den Kanten ihrer steinernen Rüstung. Ausgerechnet hier ist die Steuerung aber fummelig und ungenau. Manchmal hält sich der junge Held nicht fest, oder verfängt sich zitternd und zuckelnd an einer Beuge oder Spalte des Titans. Ein andermal hält er sich fest und wird ruckartig ein paar Zentimeter „weitergebeamt“. Ärgerlich ist es auch, wenn der Protagonist, der ansonsten fix und wendig unterwegs ist, scheinbar in Zeitlupe springt. Das hat auch zur Folge, dass er eine kleine Ewigkeit in der Luft hängt, wenn ein Koloss ihn abzuschütteln versucht und er den Halt verliert. Überhaupt reagiert die Figur oft sehr sensibel auf die Bewegungen des Monsters und legt auch bei kleinen Schüttlern einen Purzelbaum hin oder rutscht schnell ab, ohne die Möglichkeit sich festzuhalten.

Die Kamera ist weit weniger problematisch, hat jedoch auch ihre Macken. Insbesondere wenn etwas Großes in der Nähe ist, sprich ein Titan oder eine Felswand, fängt die Kamera an zu haken. Das kann dazu führen, dass man völlig die Orientierung verliert und anstatt Wander etwas anderes den Bildschirm komplett ausfüllt.

So schlimm das jetzt auch klingt, die Kämpfe sind trotzdem ein Spaß und das Gefühl auf den Schultern eines 20-Meter-Riesen zu stehen ist unvergleichlich. Auch das Reiten auf offenem Feld fühlt sich teilweise schnell und befreiend an. Es ist auch nicht so, als würde die Steuerung in diesen Situationen permanent bocken. Trotzdem kann sie wirklich frustrierend sein und man hat einfach das Gefühl keine Kontrolle zu haben.

Grafische Wiedergeburt, atmosphärischer Meilenstein

Dieses Spiel ist auf jeden Fall etwas fürs Auge. Wogende Gräser, tosende Wasserfälle und bröckelnde Ruinen – Shadow of the Colossus bietet eine lebende und atmende Welt mit idyllischer Natur und abwechslungsreicher Umgebung. Verschlägt es euch für den einen Titanen in eine sandige Einöde mit speienden Geysiren, müsst ihr für den nächsten durch ein satt-grünes Tal mit kristallklaren Bächen. Viele Orte laden zum Verweilen ein und ihr werdet euch bestimmt einmal dabei ertappen, wie ihr langsam durch bestimmte Areale schlendert, um alle Eindrücke aufzusaugen.

Im ursprünglichen Spiel hatte man noch den Eindruck, es läge ein trüber Filter auf der Welt. Jetzt wirkt die Umgebung sehr viel knackiger und hat wesentlich intensivere Farben. Licht und Schatten tun ihr Übriges, der Welt Leben einzuhauchen. Auch Menschen, Kolosse und Pferd sehen super aus und strotzen nur so vor Details. Wanders Gesicht ist kaum wiederzuerkennen! Es wirkt jetzt viel plastischer und menschlicher. Welches Design einem nun besser gefällt, bleibt Geschmackssache. Auch die 16 Bosse schinden Eindruck mit ihren flüssigen Animationen und einem atemberaubenden Erscheinungsbild. Die Spielwelt und ihre wenigen Bewohner fügen sich wunderbar zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen und tragen stark zur dichten und mysteriösen Atmosphäre des Titels bei.

Schöne Stille

Ebenfalls verantwortlich für die gelungene Atmosphäre von Shadow of the Colossus ist die akustische Kulisse des Spiels. Musik wird zwar nur während bestimmten Schlüsselszenen gespielt, oder wenn man sich einem der Giganten stellt, doch ist gerade dieser sporadische Einsatz von Liedern eine gute Entscheidung. Abgesehen davon, dass die orchestralen Stücke wunderschön sind und die jeweilige Situation perfekt untermalen, so ist die Stille im restlichen Spiel mindestens genauso wichtig für das Spielgefühl. Man streift durch die weitläufigen Areale mit nichts als dem Geräusch des Windes, dem Ruf der Vögel und dem bröckelnden Ton des erodierenden Gesteins – man kommt sich vor wie der einzige Mensch auf der ganzen Welt.

Riesen Remake

Shadow of the Colossus hat eine erstaunliche Frischzellenkur hingelegt, teilweise ist dieses Remake kaum wiederzuerkennen. Klar, der Sprung von PlayStation 2 auf PlayStation 4 ist riesig, aber die Kapazitäten muss man nutzen und das wurde gemacht. Schade ist, dass elementare Dinge wie Steuerung und Kamera altbacken und unhandlich bleiben. Das mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass so wenig vom ursprünglichen Spiel verändert werden sollte wie möglich. Es sollte sich anfühlen wie damals. Man ist heutzutage aber einfach Besseres gewöhnt. Das hat jetzt nicht damit zu tun, dass Klettereinlagen für eine neue Generation von Spielern vereinfacht und ausgedünnt werden sollen. Die Bewegungen deines verlängerten Armes, deiner Spielfigur, sollten sich vielmehr intuitiv, gewollt und direkt anfühlen. Alles andere ist unhandlich und schadet der Immersion.

Besonders damals, als das Angebot an sehr ungewöhnlichen Indie-Games noch nicht so hoch war, war das Konzept erfrischend anders und ungewöhnlich. Shadow of the Colossus hat sich noch viel von seiner Faszination erhalten und kann bedenkenlos noch als außergewöhnliche Perle der Videospielewelt bezeichnet werden. Gerade durch seinen Minimalismus regt dieser Titel zum Mitdenken an. Vieles bleibt offen zur Interpretation, nichts wird auf dem Silbertablett serviert: Was sind Wanders genaue Beweggründe? Ist es moralisch vertretbar diese riesigen Wesen abzuschlachten, um ein einzelnes Leben zu retten?

Das Spiel ist aber ein Erlebnis, auf das man sich einlassen muss; man muss auf diese Art von Videospiel einfach Lust haben. Bricht man es nämlich auf das reine, rohe Spiel herunter, ist da nicht allzu viel: Kaum Sequenzen, Handlung, Loot, Rätsel, Interaktion. Mit etwa sechs bis acht Stunden dauert Shadow of the Colossus auch nicht allzu lange. Und ja, es ist wirklich verdammt einsam. Wer einem ungewöhnlichen Konzept nicht völlig abgeneigt ist, greift aber unbedingt zu.

Ein Mann namens Wander muss 16 Kolosse erlegen, um eine junge Frau ins Leben zurückzuholen. Es gibt nicht viel eigentliche Story, einiges wird der eigenen Vorstellungskraft überlassen.
Die Weiten der Natur durchstreifen und immer wieder einmal überwältigende Titanen besiegen. Einige Macken bei Steuerung und Kamera trüben den Spaß jedoch.
Atemberaubende Kulissen und noch tollere Kolosse!
Ein paar zielgenau ausgewählte Orchesterstücke und ansonsten nur die Klänge der Natur.
Es gibt Sammelgegenstände freizuschalten und einige goldene Münzen zu finden.