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Kolumne: Braucht Final Fantasy den „Challenger“-Status?

Als Serienvater Hironobu Sakaguchi beim Uncovered-Event zu Final Fantasy XV die Bühne betrat, sprach er davon, dass Hajime Tabata die Serie zu ihren „Challenger“-Wurzeln zurückführe. Auch aus anderen Interviews mit verschiedenen Square-Enix-Mitarbeiten geht hervor, dass ein nummerierter Final-Fantasy-Teil als Flaggschiff der Firma immer „cutting edge“ sein und dem neusten Stand der Technik entsprechen muss.

Und es stimmt: Sowohl Final Fantasy XIII als auch Final Fantasy XV beeindrucken in vielerlei Hinsicht. Der allgemeine Tenor ist jedoch, dass beide Spiele fundamentale Schwächen haben, die sich ohne Zweifel auch auf die Ambitionen der Entwickler zurückführen lassen, immer an vorderster Front stehen zu wollen.

Vor einigen Jahren kommentierte Yoshinori Kitase, Produzent von Final Fantasy XV, die Kritik daran, dass es in Final Fantasy XIII keine Städte gibt, mit der Aussage, dass es nicht mögliche wäre, große Städte in HD-Grafik zu entwickeln. Dass diese Aussage Unsinn ist, beweist nicht nur die westliche Konkurrenz, sondern auch Square Enix selbst mit den Nachfolgern von Final Fantasy XIII und mit Final Fantasy XV.

Realistisches Essen in Final Fantasy XV
Realistisches Essen in Final Fantasy XV

Dennoch verdeutlicht diese Aussage ein großes Problem gut: Erstens erfordert es heutzutage erheblich mehr Ressourcen, ein Spiel auf dem neusten Stand der Technik zu entwickeln, als zu den Zeiten von SD-Videospielen, und zweitens steht Square Enix nicht mehr an der Spitze der Videospielindustrie, was den technischen Entwicklungsstand betrifft.

Final Fantasy XIII wurde neben anderen Problemen insbesondere für enorme Linearität, für Schlauchdungeons und einen Mangel an Abwechslungsreichtum kritisiert. Als Antwort darauf gestalteten Motomu Toriyama und sein Team Final Fantasy XIII und Lightning Returns: Final Fantasy XIII offener und freier – eine Änderung, die zeigte, dass Fortschritte durchaus möglich waren und sehr positiv aufgenommen wurde.

Final Fantasy XV jedoch ist eine neue Dimension. Die zehnjährige Entwicklungszeit des ursprünglich als Final Fantasy Versus XIII gestarteten Projekts ist nicht das einzige Anzeichen für Probleme während der Entwicklung. Vor und selbst nach dem Erscheinen des Spiels bemängelten viele Fans, dass sich das Spiel unfertig anfühlt.

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Unendliche Weiten: Zu groß, um sie zu Fuß zu durchqueren

Es kann nach wie vor nur spekuliert werden, warum die Entscheidung getroffen wurde, Tetsuya Nomura vom Projekt abzuziehen, das Konzept von Grund auf neu zu durchdenken und die Entwicklung an Hajime Tabata zu übergeben. Aber selbst, ohne Antworten auf diese Frage zu erhalten, kann man problemlos anhand älterer Trailer erkennen: Final Fantasy XV ist nicht das Spiel, das es einmal werden sollte – selbst wenn man das Material, das einst zu Final Fantasy Versus XIII gezeigt wurde, außen vor lässt.

Viele Szenen aus Trailern schafften es nicht ins Spiel, ein wichtiger Teil der Handlung wurde als zweistündiger CGI-Film ausgelagert, große Teile der Spielwelt sieht man nur durch Zugfenster und wirklich erkundbar sind nur zwei der ursprünglich vier angedachten Städte. Die Handlung, die in der ersten Spielhälfte quasi nicht existent ist, überschlägt sich in der zweiten Hälfte, lässt wichtige Informationen aus und beantwortet viele Fragen nur notdürftig oder gar nicht.

Doch wäre das das ganze Spiel, so wären Presse- und Fanstimmen nicht grundlegend positiv. Trotz der kritisierten Punkte beeindruckt Final Fantasy XV auch in vielerlei Hinsicht. Es bietet eine gigantische Welt, die frei erkundet werden kann, und Dungeons, wie sie die Reihe bisher noch nie gesehen hat. Trotz einiger visueller Unausgereiftheiten gibt es unzählige atemberaubende Panoramen, und es ist beachtlich, wie viel Detailverliebtheit sich in manchen Aspekten des Spiels wiederfindet.

Beeindruckendes Gegner, doch simpler Bosskampf
Beeindruckender Gegner, doch simpler Bosskampf

Fast jede Situation im Spiel wird von lebendigen Konversationen der vier Protagonisten begleitet, die ihre enge Beziehung zueinander natürlich erscheinen lässt. Zahlreiche Gegner haben interessante Verhaltensmuster, die sich der Spieler auf unterschiedliche Weise zunutze machen kann – bisweilen kämpfen sogar Feinde gegen andere Feinde. Unterschiedliche Tageszeiten und Wetterlagen lassen das Spiel in einem ganz neuen Licht erscheinen, und bei richtigem Sonnenlichteinfall sieht man sogar Schmutzspuren auf dem Lack des Autos. Auch, wenn die zweite Spielhälfte aus erzählerischer Hinsicht lückenhaft wirken mag, hat sie doch einige äußert beeindruckend inszenierte Segmente.

Dennoch fragt man sich als Spieler, ob es nicht besser gewesen wäre, die Prioritäten auf ein rundes, ausgewogenes Spielerlebnis auszurichten, statt die großen Ambitionen, die im Spiel stecken, oft unzufriedenstellend auszuführen. Final Fantasy XV beeindruckt mit unzähligen Details, doch es scheitert an vielen Grundlagen.

Natürlich ist es keine Option, ein Final Fantasy mit veralteter Technik zu entwickeln, nur um sich wieder dem anzunähern, was die Serie einst war. Doch ist es wichtig, dass die Entwickler ein Gefühl dafür bekommen, was möglich und umsetzbar ist, und welche grundlegenden Teile der Spielerfahrung unter keinen Umständen vernachlässigt werden sollten. Dass eine Balance durchaus möglich ist, zeigen zum Beispiel Final Fantasy XIII-2 und Lightning Returns: Final Fantasy XIII. Einige Designentscheidungen und die generelle Richtung der Geschichten mag man infragestellen, doch beide Spiele scheitern nicht an ihrem Umfang.

Altissa: Nur einer von vielen Augenöffnern
Altissa: Nur einer von vielen Augenöffnern

Die Zukunft der Serie ist noch ein unbeschriebenes Blatt. Die gigantische, offene, detailverliebte Welt, in der man sich als Spieler Dutzende Stunden verlieren kann, ist es, die Final Fantasy XV so beeindruckend macht – und durch seine Ausmaße und dem Streben nach Realismus anderen Aspekten des Spiels gleichzeitig das Genick bricht. Dass Final Fantasy XVI wieder den Open-World-Weg gehen wird, ist nicht gesagt. Doch hoffen wir, dass das Spiel den Visionen gerecht wird, die die Entwickler haben.

Was ist eure Meinung zu dem Thema? Wärt ihr bereit, in bestimmten Aspekten der Spielerfahrung Abstriche zu machen, damit das nächste Final Fantasy in anderen Aspekten umso mehr beeindrucken kann? Oder sollte Square Enix lieber nicht zu hoch pokern und ein vollständiges und ausgereiftes Spielerlebnis priorisieren, das dafür aber nicht versucht, neue Standards zu setzen?