Im Test! Lionheart

Mit dem Fantasy-Rollenspiel Lionheart hat sich Herausgeber Fruitbat Factory einen weiteren, relativ unbekannten Indie-Titel für den Westen ausgesucht...
Titel Lionheart
Japan 05. Mai 2015
Shiisanmei
Nordamerika 31. Juli 2017
Fruitbat Factory
Europa 31. Juli 2017
Fruitbat Factory
System PC (Steam)
Getestet für Steam
Entwickler Shiisanmei
Genres Indie-JRPG
Texte
Nordamerika 
Vertonung Japan

Mit dem Fantasy-Rollenspiel Lionheart hat sich Herausgeber Fruitbat Factory einen weiteren, relativ unbekannten Indie-Titel für den Westen ausgesucht, um diesen auf Steam zu veröffentlichen. Der japanische Indie-Entwickler Shiisanmei ist seit 2011 dabei seine eigenen Spiele ins Leben zu rufen und online sowie auf Veranstaltungen in Japan zu verkaufen. Ihr Erstlingswerk ist eine Battle-Visual-Novel ab 18 namens Nichiyoubi no Yaoya (Sonntagsgemüsehändler) und zuletzt haben sie Lionheart II veröffentlicht, was, wie der Name es schon andeutet, ein Nachfolger zu Lionheart darstellt. Um was es genau in Lionheart geht und wie es sich spielerisch so macht, erfahrt ihr in unserem Test!

Im Land der mutigen Abenteurer

Was darf in einem typischen Fantasy-Setting nicht fehlen? Natürlich die geheimnisvollen, gefährlichen Dungeons und Abenteurer, die es sich zum Ziel gesetzt haben, diese zu erobern. Nicht anders geht es dem vom Lande kommenden Leon Lionheart, der versucht seinem Vater nachzueifern. Sein Ziel ist die Erkundung des magischen Labyrinthes ‘Libra Corridor’. Allerdings steht er noch ziemlich am Anfang und braucht tatkräftige Unterstützung von seinem Ziehvater Orsin. Nicht nur um Kampferfahrung zu sammeln, sondern auch um überhaupt mit dem ungewohnten Stadtleben klarzukommen.

Als Leon das notwendige Ritual in der Kirche über sich ergehen lässt, um seine persönliche Fertigkeit zu erwecken, muss er schnell feststellen, dass nicht alles gleich nach seinen Wünschen verläuft. Denn seine neue, ungewöhnliche Fertigkeit bringt ihn als Krieger nicht wirklich weiter und wäre eher etwas für einen Magier. Dies erweckt allerdings die Neugier der Justiziarin Mariabell, die händeringend nach Gefährten sucht. So schließt sie sich mehr oder weniger ungefragt dem Zwei-Mann-Team an und übernimmt mal eben das Kommando.

Bei seinem Vorhaben stellen sich Leon immer wieder neue Hindernisse in den Weg, die es zu bewältigen gilt, und er trifft auf so einige seltsame Gestalten. Dabei kommen sowohl ernste Gesprächsthemen, als auch amüsante Interaktionen zwischen den Charakteren zum Einsatz, die Eigenarten und Macken zur Geltung bringen. Zwar wirkt es gerade anfangs so, als liege der Schwerpunkt auf Letzterem, aber es wird durchaus darauf geachtet die Welt und ihren Hintergrund zu erklären. Trotzdem zeigt sich die Handlung insgesamt nicht sehr anspruchsvoll und komplex.

Um in der Handlung voranzuschreiten, werden verfügbare Szenen auf einer Karte angeklickt. Auf die gleiche Art und Weise finden kleinere Unterhaltungen statt, die bei erfüllten Voraussetzungen zum Erlernen neuer Fertigkeiten führen. Beides lässt den Tag weiter voranschreiten. Ob die Anzahl an Tagen, die man für das Abenteuer braucht, von größerer Bedeutung ist, wird allerdings nicht ganz ersichtlich.

Dungeon erkunden leicht gemacht!

Neben den Event-Szenen zeigt die anklickbare Karte nach und nach weitere Orte an, die ihr besuchen könnt. Eure Möglichkeiten sind hierbei begrenzt und die Navigation sehr einfach gehalten. Wählt ihr den Objekteladen aus, öffnet sich ein neuer Bildschirm, der eine Liste mit dem vorhandenen Sortiment anzeigt. Per Knopfdruck wechselt man zum Punkt Verkaufen, sieht sich spezielle Angebote an oder guckt, ob der Händler Aufträge anbietet. Letztere muss man allerdings nicht einmal annehmen, um sie zu bewältigen, sondern es genügt, einfach die gefragten Materialien einzureichen, um eine Belohnung einzusacken.

Neue Ausrüstung wird jedoch nicht direkt zum Erwerb angeboten, sondern mittels Alchemie hergestellt. Um dies bewerkstelligen zu können, muss man erst einmal die nötigen Materialien sammeln, die es an verschiedenen Orten auf der Karte zu finden gibt. Sehr hilfreich ist es, dass jede Gegend einen Zusatz hinter dem Namen stehen hat, der anzeigt, was es hauptsächlich dort zu finden gibt. Häufig wird man auch erst einmal hochwertige Materialien herstellen müssen, um das gewünschte Zielprodukt zu erlangen. Vielleicht wird es anhand dieser Beschreibung schon ersichtlich, aber um sein Team bestmöglichst auf Vordermann zu bringen, wird farmen vorausgesetzt, zumal einige Materialien nur einmal pro Besuch des jeweiligen Ortes auffindbar sind.

Daneben kümmert sich die Alchemie um das Herstellen und Verstärken von sogenannten Emblemen. Diese magischen Objekte sind den Elementen zugeordnet und können Charakteren im Kampf zugewiesen werden, abhängig davon, ob sie eine damit verbundene Fertigkeit besitzen. Mariabells Stärke ist zum Beispiel Feuer, so schaltet sich mit einem Feueremblem ein Flächenangriff frei, der einmalig benutzt werden kann. Nach Gebrauch muss sich ein Emblem nämlich erst einmal wieder aufladen.

Es macht keinen Unterschied, ob ihr nun Gegenden oder Dungeons besucht, denn der Ablauf ist bei beiden der Gleiche. Euch wird ein festgelegter Hintergrund angezeigt, in dessen Mitte eine horizontale Linie verläuft. Darauf verteilt sind verschiedenfarbige Kreise, die euch zeigen, ob ein unausweichlicher Kampf ansteht, hier eine Event-Szene oder ein Gegenstand auf euch wartet, ihr eine Rast einlegen und eure Werte mit Proviant auffrischen könnt oder die Begegnung mit einem Endgegner bevorsteht. Euer momentaner Standpunkt wird ebenso als Punkt auf besagter Linie angezeigt. Wie schnell ihr euch, angefangen von links, zum Ziel fortbewegt, wird anhand von Entscheidungen bestimmt. Jedes Mal, nachdem ihr entweder ‘Schnell’, ‘Normal’ oder ‘Vorsichtig’ anklickt, geht es nicht nur ein Stück voran, sondern es passiert auch eines von zwei Ereignissen. Dies schließt Feindbegegnungen mit ein.

»Kämpfe werden auf eine recht einfache Art und Weise dargestellt, ähnlich wie in der Dragon-Quest-Reihe, und laufen rundenbasiert ab.«

Kämpfe werden auf eine recht einfache Art und Weise dargestellt, ähnlich wie in der Dragon-Quest-Reihe, und laufen rundenbasiert ab. Auf der oberen Hälfte des Kampfbildschirmes sind eure Gegner zu sehen, während eure drei aktiven Teammitglieder mittels einer Statusanzeige, inklusive Bild des jeweiligen Charakters, unten ihren Platz finden. Wer wann an der Reihe ist, lässt sich ebenfalls auf einen Blick erkennen. Bevor ihr euch dazu entscheidet anzugreifen, besteht die Möglichkeit Gebrauch von anderen Funktionen zu machen. So könnt ihr vor jeder Runde euer Team ändern, Objekte nutzen oder Embleme ausrüsten.

Einmal einen Zug begonnen, wird die Maus dafür genutzt Entscheidungen zu treffen. Geht ihr auf einen Feind, so könnt ihr einen normalen oder einen stärkeren Angriff ausführen, wobei Letzterer einen festgelegten Wert eurer Aktionspunkte in Anspruch nimmt. Magier hingegen sind nur dann in der Lage Magie zu wirken, wenn noch genügend Aktionspunkte vorhanden sind. Ansonsten müssen sie die Runde aussetzen, um sich zu regenerieren. Aktionen wie Heilung, das Verwenden von starker Magie durch Embleme und bestimmte Spezialangriffe benötigen einige Zeit, bis sie ausgeführt werden können, deswegen wird der jeweilige Charakter erst einmal in der Angriffsreihenfolge zurückgesetzt. Wenn besagter Magier allerdings zu sehr unter Beschuss steht, dann wird der zu wirkende Zauber abgebrochen und muss in der nächsten Runde neu eingestellt werden.

Ob ein Charakter lieber vorne mitmischt oder sich eher im hinteren Feld aufhält, hängt von seiner Klasse ab. Zudem gilt es zu beachten, was für Gegnern ihr gegenübersteht. Fernkämpfer wie Bogenschützen haben es zum Beispiel gerne auf Magier abgesehen. Da diese relativ ungeschützt und mit einem geringeren HP-Wert ausgestattet sind, ist es ratsam, besagte Feinde zuerst ins Jenseits zu befördern. Es kann aber vorkommen, dass gegnerische Nahkämpfer ihre Kameraden beschützen und den Schaden für sie einstecken. Dies lässt sich nur mit Magie oder Waffen umgehen, die auf entferntere Ziele ausgelegt sind.

Lionheart geht Kämpfe eher in einem gemütlichen Tempo an, ohne eine Möglichkeit die Schnelligkeit zu beeinflussen oder das Geschehen automatisch ablaufen zu lassen. Schuld daran sind die Magie-Animationen. Auch die Kommentare der Charaktere tragen ihren Teil dazu bei, da das Spiel immer abwartet, bis zu Ende geredet wurde. Dies ist nicht unbedingt als negativ anzusehen, fällt jedoch störend auf, wenn man viele Kämpfe hintereinander bestreitet.

Schlichte Fantasy-Welt

Im grafischen Bereich hat Lionheart nicht viel zu bieten, zumal sich alles über Menüs abspielt, die im schlichten Design präsentiert werden. Hintergründen fehlt ein gewisses Etwas und es lässt sich schnell erkennen, dass hier keine Profis am Werk waren. Dagegen sind die Artworks der Charaktere und Feinde sowie die Event-Bilder hübsch mitanzusehen.

Findet ein Gespräch statt, sieht man meist einen Charakter auf dem Bildschirm, während der Text in einem dafür vorgesehenen Feld platziert ist. Links daneben wird bildlich, mit jeweils passenden Gesichtsausdrücken, angezeigt, wer gerade am Sprechen ist. Da nötige Übergänge bei einem Schauplatzwechsel und zu Beginn und Ende einer Szene komplett fehlen und auch sonst die Darstellung eher einfach gestaltet ist, braucht man ein wenig, um sich daran zu gewöhnen. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist die Gestaltung der Textfeldinhalte, was für zusätzliche Verwirrung sorgt. So verzichtet man auf normale Beschreibungen und packt lieber, in bestimmten Situationen, ein Pfeilsymbol in das Feld, welches auf das Charakterportrait zeigt, und schreibt direkt dahinter, was der jeweilige Charakter tut oder plant. Dies sind Stilmittel, die eigentlich kaum bis gar keine Verwendung in Videospielen finden sollten, weil sie die Qualität der Gespräche herunterziehen können.

Genau wie das Gameplay erinnert die Hintergrundmusik an Rollenspiele aus Super-Nintendo- und alten PC-Zeiten. Während die Kampfmusik zur leichten Ohrwurmgefahr führen kann, bleibt ansonsten leider kaum ein Track im Kopf hängen. Zudem hält sich die Auswahl an verschiedenen Liedern in Grenzen. So wird zum Beispiel die Musik auf der Weltkarte auch für so einige Event-Szenen verwendet, für Endgegner wird weitgehend die normale Kampfmusik gespielt und für Dungeons gibt es meist nur einen festgelegten Track.

Zwischendurch sind Szenen mit einer japanischen Sprachausgabe versehen, die sich von der Qualität her eher im Mittelfeld bewegt. Zuerst einmal ist es nicht einfach, die Lautstärke zwischen Musik, Sound und Stimmen so einzustellen, dass ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt wird, und dann wäre da noch das Problem, dass die Aufnahmen je nach Charakter mal lauter und mal leiser ausfallen. Orsin ist zum Beispiel durchgehend sehr schlecht zu verstehen und man merkt deutlich, dass die Sprecher nicht so viel Erfahrung in diesem Bereich haben. Es ist allerdings lobenswert, dass überhaupt eine Sprachausgabe vorhanden ist, denn dies ist bei einem Indie-Spiel keine Selbstverständlichkeit.

Lionheart stellt unterschiedliche Bildschirmauflösungen (640×512, 800×640, 960×768 und 1280×1024) zur Auswahl, wobei die Benutzung von Vollbild schwarze Balken an beiden Seiten verursacht. Vorhanden ist zudem ein sehr einfacher Message Log, der geführte Gespräche und Kampfaktionen festhält, und es besteht die Möglichkeit zwischen drei Schwierigkeitsgraden zu wählen.

Fazit

»Lionheart sieht man sofort an, dass es aus der Indie-Szene stammt und dass kein professionelles Team dahintersteckt. Es wurde sich viel Mühe gegeben, um dieses Fantasy-Rollenspiel ins Leben zu rufen, allerdings besteht in so gut wie allen Bereichen Verbesserungsbedarf. Die Gestaltung, die Art der Spielmechaniken und die musikalische Untermalung vermitteln ein gewisses Retro-Gefühl und erinnern demnach eher an alte PC- und Konsolen-Spiele. Seinen Teil dazu bei trägt das Tempo der rundenbasierten Kämpfe und dass die Herstellung von Ausrüstung mit viel Gefarme verbunden ist. Die Handlung hebt sich nicht besonders hervor und lebt mehr von den humorvollen Interaktionen zwischen den Charakteren als von seinen ernsteren Themen.

Wer ein etwas weniger anspruchsvolles Rollenspiel im Anime-Stil sucht und dem Farmen und Grinden nichts ausmacht, der wird sicherlich Gefallen an Lionheart finden. Insgesamt siedelt es sich, in Sachen Qualität und der genannten Kritikpunkte, eindeutig im mittelmäßigen Bereich an, selbst wenn man seine Herkunft berücksichtigt. Der angegebene Preis ist, in Anbetracht der Länge des Spiels und der rein digitalen Version, noch in einem annehmbaren Rahmen. Dennoch ist es empfehlenswert lieber auf einen Sale zu warten, wenn man mit dem Gedanken spielt, Lionheart eine Chance zu geben.«

 

Nette, aber typische Fantasy-Geschichte, ohne wirkliche Höhen und Tiefen, oftmals amüsant gestaltete Charakter-Interaktionen.
Wird über Menüs und Bildschirme durch Anklicken mit der Maus gespielt, rundenbasiertes Kampfsystem, interessantes Alchemiesystem, welches Farmen von Materialien voraussetzt.
Recht einfache Darstellung ohne aufwendige Grafiken, hübsches Charakterdesign und Artwork.
Musik erinnert an Super-Nintendo- und alte PC-Zeiten, keine große Auswahl an Liedern, was zur öfteren Wiederverwendung führt, mittelmäßige, japanische Sprachausgabe.
Drei unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, schwarze Balken bei Vollbild, nur englische Bildschirmtexte.