Kolumne: Warum Japan in den Westen schauen muss

Die Verkaufszahlen der PlayStation 4 sind etwas besser als die Verkaufszahlen der PlayStation 3 im gleichen Zeitraum. Nicht mithalten können allerdings...

Die Verkaufszahlen der PlayStation 4 sind etwas besser als die Verkaufszahlen der PlayStation 3 im gleichen Zeitraum. Nicht mithalten können allerdings die Software-Verkaufszahlen.

Deutlich wird das am Beispiel Final Fantasy XV: Während Final Fantasy XIII in der ersten Woche etwa 1,5 Millionen Einheiten verkaufte, erreichte Final Fantasy XV nur etwas mehr als die Hälfte dieser Menge.

Doch Final Fantasy XV ist bei Weitem nicht das einzige Konsolenspiel, das unter geringen Verkaufszahlen im Heimatland leidet. Der letzte Ableger des Yakuza-Franchises, Yakuza 6: The Song of Life, konnte in der ersten Verkaufswoche keine 300.000 Einheiten verkaufen, obwohl es aus technischer Hinsicht eindeutig an der Spitze der japanischen Videospielindustrie steht und auch von Kritikern positiv aufgenommen wurde.

Andere Entwickler wie Platinum Games und FromSoftware machen schon lange kein Geheimnis mehr daraus, dass ihr Hauptaugenmerk der westliche Markt ist. Doch selbst für urjapanische Konsolentitel wie Ni no Kuni II wäre der heimische Markt nicht mehr groß genug.

Beeindruckendes Gegner, doch simpler Bosskampf

Beeindruckendes Gegner, doch simpler Bosskampf

Bei einer Investorenversammlung im Dezember kündigte Falcom-Präsident Toshihiro Kondo an, dass The Legend of Heroes: Trails of Cold Steel III exklusiv für PlayStation 4 erscheinen würde. In Anbetracht der Tatsache, dass die Vorgänger sich in Japan für PlayStation Vita besser verkauften als für PlayStation 3, eine überraschende Entscheidung. Kurz darauf erklärte Kondo, dass diese Entscheidung in Anbetracht der Kundschaft aus Übersee (was insbesondere auch die asiatischen Länder einschließt, in denen die Serie sehr beliebt ist) getroffen wurde.

Zahlen lügen nicht, und die Zahlen zeigen, dass die Verkaufszahlen von Konsolenspielen in den letzten Jahren stetig zurückgegangen sind. Und nicht nur von Konsolenspielen: 2016 schafften es überhaupt nur zwei Spiele, mehr als eine Million Einheiten in Japan zu verkaufen, nämlich Pokémon Sonne/Mond (3,246 Mio.) und Yo-kai Watch Sushi/Tempura (1.397 Mio.) Im Jahr 2006 erreichten noch mindestens zehn Titel diese Zahlen, und fünf konnten mehr als zwei Millionen Exemplare verkaufen.

Das lässt nur einen (wenig überraschenden) Schluss zu: Der japanische Markt für Handheld- und Konsolenspiele ist stark geschrumpft. Das bedeutet für japanische Entwickler aber auch, dass aufwändige Titel nicht mehr ohne Weiteres finanziert werden können.

Während sich zu Zeiten der ersten PlayStation mittelständische Konsolenspiele von Squaresoft wie SaGa Frontier, die innerhalb eines Jahres von einer zweistelligen Personenzahl entwickelt werden konnten, gut und gerne mehr als eine halbe Million mal verkauften, gelingt das heute selbst den aufwändigsten Produktionen kaum.

Yakuza-6_2016_08-10-16_003Den Entwicklern bleiben also zwei Alternativen: Entweder sie senken die Produktionskosten, entwickeln weniger ambitionierte Spiele, bedienen ein Klientel an Gelegenheitsspielern, das Videospiele primär auf Smartphones konsumiert. Oder sie vertrauen auf den westlichen Markt, auf dem es Heimkonsolen nach wie vor gut geht und dessen PC-Markt enormes Absatzpotenzial birgt.

Den wenigsten dürfte entgangen sein, dass viele japanische Entwickler ihre Spiele für die westliche Lokalisierung direkt auf Steam portieren. Namco Bandai tut das beispielsweise mit der Tales-of-Reihe sowie den Naruto- und Dragonball-Spielen. Square Enix macht fleißig alte Klassiker und neue Titel wie I am Setsuna. und NieR: Automata PC-Spielern zugänglich. Selbst kleinere Titel wie der neuste Teil der Atelier-Serie sollen für PC erscheinen. Und Serien wie Hyperdimension Neptunia, die japanischer nicht sein könnten, sind im Westen tatsächlich erfolgreicher als in Japan selbst.

Die Mehrheit der japanischen Spiele sind im Westen Nischentitel, das wird wohl kaum jemand infrage stellen. Diese Titel werden von Spielern gemocht, weil sie so japanisch sind. Ebenfalls scheinen die Japaner nach mehr als zwei Jahrzehnten vergeblicher Aufschreie der Fans endlich eingesehen zu haben, dass ihre Interpretation dessen, was westliche Spieler spielen wollen, nicht immer korrekt ist und erst recht keine besseren Spiele macht.

Der japanische Konsolenmarkt 1987-2016

Der japanische Konsolenmarkt 1987-2016 (Quelle: Twitter)

Dennoch können AAA-Produktionen wie Final Fantasy XV, die darauf angewiesen sind, dass sie sich mehrere Millionen mal verkaufen und Spieler über Genre-Grenzen und etablierte Nischen hinaus ansprechen, nicht darauf verlassen, dass sie Selbstläufer sind. An der stilistischen Ausrichtung und dem Marketing ist schnell ersichtlich, dass man insbesondere den westlichen Mainstream-Spieler ansprechen will.

Was heißt das für die Zukunft der Final-Fantasy-Serie? Entweder wird sie sich in puncto Ästhetik weiterhin an den Geschmäckern westlicher Spieler orientieren, oder sie wird aufgeben müssen, an vorderster Front der Industrie mitspielen zu wollen. Auf den japanischen Markt allein kann sich Square Enix jedenfalls nicht verlassen.

bloodborne-multi-5Doch was ist mit Serien wie Yakuza, deren Hauptzielgruppe nach wie vor die Japaner sind? Nun, es ist nicht ganz abwegig, dass Yakuza 6 nicht nur das Ende der Geschichte von Kazuma Kiryu darstellt, sondern auch das Ende der Serie. Dass jedoch sowohl Yakuza Kiwami als auch Yakuza 6 lokalisiert und physisch im Westen erscheinen sollen, legt nahe, dass Sega die Hoffnung hat, dass die Serie außerhalb Japans aufblühen kann. Dass sie eine deutlich größere Spielerschaft im Westen verdient, wird jeder Yakuza-Fan bestätigen können. Doch auch in anderen asiatischen Ländern besitzt das Spiel viele Fans.

Diese Marktentwicklung muss jedoch nicht nur negativ sein. Erst kürzlich sagte ein Atlus-Produzent beispielsweise, dass sich der Videospielmarkt in letzter Zeit im Vergleich zu den letzten Jahren stabilisiert habe. Dass das stimmt, werden auch andere Publisher bestätigen, denn nicht umsonst würden sonst so viele japanische Spiele für PlayStation 4 entwickelt werden.

Es ist absehbar, dass der westliche in Zukunft eine noch größere Rolle für japanische Entwickler spielen wird, und auch der asiatische Markt außerhalb Japans – insbesondere China – wird an Bedeutung gewinnen. Die Japaner müssen dabei lernen, sich diesen Marktbedingungen anzupassen – ohne dabei ihre Identität zu verlieren.