Kolumnen News TOP

Wir brauchen keine neuen Farming-Games

Ich liebe Farming-Games. Bereits im Alter von elf Jahren habe ich zahlreiche Stunden und Batterien in die Game-Boy-Version von Harvest Moon gesteckt. Später folgten der zweite Teil für den Game Boy Color und die Super-Nintendo-Variante. Harvest Moon: Back to Nature zählt bis heute zu einem meiner liebsten Spiele aller Zeiten. Ich verbinde mit dem Titel warme Abende in den Sommerferien, die meine Liebe zu dem Genre für immer festigen sollten.

Doch warum erzähle ich euch das überhaupt? Aktuell werden wir regelmäßig mit Farming-Games oder Titeln mit einem starken Bezug zu dem Genre beworfen. Aktuell veröffentlichte zum Beispiel Square Enix Harvestella. Und auch wenn ich mich mit jeder Ankündigung darüber hätte freuen können, dass ich mehr Genre-Futter bekomme, wurde mir lediglich eines klar: Wir brauchen keine neuen Farming-Games.

Das falsche Harvest Moon

Doch bevor ich auf dieses Statement eingehe, möchte ich kurz abschweifen. Wusstet ihr, dass Harvest Moon nicht „Harvest Moon“ ist? Es erscheinen zwar immer noch Spiele, die diesen Namen tragen, diese haben aber mit den früheren Teilen der Reihe nichts mehr zu tun. Seit 2014 tragen die Harvest-Moon-Spiele im Westen den Titel Story of Seasons. Dies ist nah am Original-Namen der Reihe, welche in Japan als Bokujō Monogatari (Farming Story) bekannt ist.

Nun könnte man sich fragen, warum dann trotz einer Reihe neuer Story-of-Seasons-Spiele auch noch immer Harvest-Moon-Titel erscheinen. Diese sind nicht länger von Marvelous entwickelt. Stattdessen werden diese Spiele von dem früheren Publisher, Natsume, veröffentlicht, welche immer noch die Rechte an dem Namen haben.

Qualitativ sind die Harvest-Moon-Ableger auch wesentlich schwächer als die Spiele der Story-of-Seasons-Reihe. Die beiden aktuellen Titel sind Pioneers of Olive Town und das Remake des Game-Boy-Advance-Spiels Friends of Mineral Town. Gerade Letzteres ist eine Empfehlung für SpielerInnen, welche die alten, simpleren Zeiten des Genres vermissen.

Alte Hunde lernen keine neuen Tricks

Was ist jetzt aber das Problem mit dem Genre? Es gibt einen ganz klaren König in Form von Stardew Valley. Ein mittlerweile sechs Jahre alter Titel, welcher von einer einzigen Person über den Zeitraum von vier Jahren entwickelt wurde. Der Mann hinter Stardew Valley ist Eric Barone. Eric liebt, genau wie ich, Harvest Moon: Back to Nature. Und für lange Zeit wünschte er sich, dass es ein Spiel gibt, das an die Qualitäten des PlayStation-Games herankommt. Darum setzte er sich daran, Stardew Valley zu entwickeln. Ein Projekt, in dem seine ganze Leidenschaft für jenes Spiel seiner Jugend steckt.

Zu seiner Veröffentlichung war Stardew Valley bereits allen anderen Spielen des Farming-Genres überlegen. Es nahm alle Aspekte, welche Back to Nature so besonders gemacht hatten und drehte die Regler dafür auf elf: In seinem Kern bietet das Spiel gemütliches Farming-Gameplay mit wichtigen, ökonomischen Entscheidungen. Doch das ist nicht alles.

Wie in Back to Nature liegt auch ein großer Fokus auf den sozialen Aspekten des Farmlebens. Ihr könnt eine Beziehung mit NPCs eingehen, diese besser kennenlernen und sogar den Bund der Ehe eingehen. Und in den vergangenen Jahren wurde Stardew Valley nur noch besser. Kostenlose Updates fügten laufend neue Inhalte hinzu. Darunter sogar die Möglichkeit, den Titel kooperativ zu spielen.

Unter dem Strich nahm Stardew Valley das System, welches Harvest Moon in den frühen 2000ern aufgebaut hatte, und perfektionierte es. All das, während sowohl Harvest Moon als auch Story of Seasons damit beschäftigt sind, auch nur aufzuholen. Die Reihe, welche früher das Genre definiert hat, ist qualitativ und innovativ so weit hinter dem, was der neue Standard ist, dass hier fast jede Relevanz verloren wurde.

Und das wirkt sich auch auf andere Spiele aus. Ich muss mich mittlerweile mit der Ankündigung eines neuen Spiels im Farming-Genre fragen: Und was macht dieses nun besser als Stardew Valley? Oftmals ist die Antwort einfach: nichts. Die Konkurrenz ist so damit beschäftigt, an den neuen Genre-König anzuschließen, dass nicht einmal daran zu denken ist, dass wir mit etwas Frischem, etwas Neuem, überrascht werden können.

Die Ausnahmen der Regel

Das heißt nicht, dass ich nicht dennoch andere Spiele in der Vergangenheit genossen habe, welche in dieselbe Kerbe wie Story of Seasons und Stardew Valley schlagen. Oft braucht es hier aber einen Twist, der den Titel von diesen abhebt, um interessant zu sein. Das Remaster von Rune Factory 4 auf der Nintendo Switch war ein Titel, den ich sehr genossen habe. Darum hatte ich mich sehr auf den fünften Teil der Reihe gefreut, dieser litt aber auf dem Nintendo-Hybrid am Switch-Syndrom und war technisch leider ungenießbar.

Ein weiteres Spiel, womit ich aktuell viel Spaß habe und spirituell in eine ähnliche Kerbe schlägt, ist Potion Permit. Hier lebt ihr als Alchemist in einer Stadt, um die Leiden seiner Bewohner zu lindern und andere Tränke herzustellen. Dafür nutzt ihr Zutaten, die ihr in der Wildnis sammelt. Das Spiel hat mich von seiner Seele sehr an Stardew Valley erinnert. Es ist dadurch, dass es auch Kampfeinlagen bietet, etwas involvierter als das Farming-Game, bietet aber ein ähnliches Maß an Liebe zum Detail.

Letztendlich ist es nicht so, dass ich mir nicht wünsche, dass dieser eine Titel erscheint, welcher Stardew Valley vom Thron stößt. Jedoch wird sich jedes Spiel dieser Art bis dahin mit dem aktuellen König messen müssen. Und dieser Thron steht auf einem hohen Berg aus Leidenschaft und Feinschliff, der für viele nicht so einfach zu erklimmen sein wird.

Bildmaterial: Harvest Moon: One World, Rising Star Games, Nintendo, Natsume

10 Kommentare

  1. Eine super Zusammenfassung der aktuellen Situation in diesem Genre

    Ich spiele auch schon über viele Jahre farming Simulationen, wobei mir immer wichtig ist das es Bund und eher kindlich ist, die real spiele mag ich nicht.

    Harvest moon fand ich so lange gut wie die beiden Formen noch zusammengearbeitet haben wobei die letzten teile mich schon nicht mehr so in den Bann gezogen haben. Die Story of season teile sind ganz nett aber irgendwie fehlt denen etwas. Die neuen harvest moon Teile sind einfach nur lieblos gemacht und machen ansich nur den Namen der Serie kaputt wie ich finde.

    Stardew valley ist für mich super, so sehr das ich es auf dem PC, der playstation und der switch habe ich könnte damit Stunden zubringen und finde es super das es dort verschiedene Möglichkeiten gibt die Geschichte zu spielen, z. B. Jojo Markt oder im Bezug auf die ehe... Ich find es gut das dort auch mal eine Scheidung möglich ist . Auch die pixel Grafik macht das Spiel zu etwas besonderen. Das setting der Charakter ist hier auch einmalig, nicht nur eitel Sonnenschein oder offensichtlich. Je mehr man die Charakter kennenlernt umso mehr erzählen sie einem aus ihren nicht immer schönen Leben. Für ein Spiel dieses Genre sehr selten. Man merkt einfach das der kopf hinter dem Spiel es wirklich liebt und mit herzblut bei der Sache ist ❤️

    Das einzige spiel welches mich sonst in den letzten Jahren so in den Bann gezogen hat war fantasy life für den 3 DS, aber auch das ist gefühlt schon ewig her.

    Hoffen wir also das der neue Titel von Eric Barone genauso gut wird.
  2. @Retrohexe
    Stimmt, Fantasy Life für den 3DS fand ich auch super! Ever Oasis gefiel mir auf dem 3DS auch sehr gut, aber soweit ich mich erinnere, war das kein klassisches Farming-Spiel.
  3. „Letztendlich ist es nicht so, dass ich mir nicht wünsche, dass dieser eine Titel erscheint, welcher Stardew Valley vom Thron stößt. Jedoch wird sich jedes Spiel dieser Art bis dahin mit dem aktuellen König messen müssen“

    ist natürlich alles subjektiv, aber Stardew V hat schon vor Jahren seinen Meister gefunden:

    Graveyard Keeper!

    Das Game kopiert nicht nur die guten spielerischen Aspekte, sondern erweitert sie um Zombies, Leichenfledderei und absurden Humor! Womit sich die Daseinsberechtigung von SV für mich vollständig erledigt hat :D
  4. Ich persönlich habe NIE verstanden, warum Stardew Valley dermaßen in die höchsten Höhen gehoben wird und scheinbar die neue Vorzeige-Referenz für das Spielgenre Farming sein soll. Es ist ein gutes und solides Farmspiel, das will ich gar nicht kleinreden. Aber es ist in meinen Augen keineswegs besser als andere Titel, allen voran nicht besser als die alten Harvest Moon-Teile. Den Hype um Stardew Valley konnte ich nie so wirklich nachvollziehen und dementsprechend finde ich auch definitiv nicht, dass sich andere Vertreter des Genres an diesem Titel messen müssen.

    Die alten Teile der Harvest Moon-Reihe (bevor das Ganze von Natsume praktisch komplett vergewaltigt wurde) hatten Charme und Atmosphäre, klar gabs auch da ein paar Fehltritte (z.B. Sunshine Islands), aber gerade die früheren Titel für Konsole (Tree of Tranquility, Animal Parade) waren super gelungene Spiele. Danach wurde es eher durchschnittlich und die neueren Teile unter dem Titel Story of Seasons sind eher schlecht durchdachte Durchschnittsware - vor allem der letzte Teil Pioneers of Olive Town war im Grundgedanken zwar gut, aber einfach vom Handling her schrecklich umgesetzt. Von den neuen Natsume-Machwerken fange ich lieber erst gar nicht an.

    Generell finde ich, dass sich das Genre leider einfach zu wenig weiterentwickelt. Das Grundgerüst ist natürlich immer gleich bzw. ähnlich, aber gerade die Story of Seasons/Bokujou Monogatari-Reihe macht evolutionär mittlerweile so gar nichts mehr her. Mit Farmingspielen auf dem Handy kann ich hingegen gar nichts anfangen, weil es da immer nur ums Pay to win geht.
  5. Spiritfarer hatte z.B. noch einen ganz eigenen Ansatz. Weniger in den Mechaniken, aber bei Perspektive, Artstyle und Stimmung.
    "A cozy management game about dying. " - muss man auch erstmal auf sowas kommen :D
An dieser Stelle siehst du nur die letzten 5 Kommentare. Besuche das Forum um die komplette Diskussion zu diesem Thema zu sehen.