Im Test! Dragon Star Varnir

Dragon Star Varnir schlägt hier, wie bereits Fairy Fencer, einen eher düsteren Ton an, bietet aber gewohnte Anime-Optik und klassisches JRPG-Gameplay...
Titel Dragon Star Varnir
Japan 11. Oktober 2018
Compile Heart
Nordamerika 11. Juni 2019
Idea Factory International
Europa 14. Juni 2019
Idea Factory International
System PlayStation 4
Getestet für PlayStation 4
Entwickler Compile Heart
Genres JRPG
Texte
Nordamerika
Vertonung Nordamerika Japan

Bildmaterial: Dragon Star Varnir, Idea Factory International / Compile Heart

Mit Dragon Star Varnir erschien nun schon das quasi fünfte Spiel unter dem Projekt namens “Galapagos RPG” des japanischen Entwicklerstudios Compile Heart. Unter Galapagos RPG wolle man vornehmlich JRPGs produzieren, die sich primär am japanischen Markt orientieren. Spiele, die bisher über die Ladentheken gingen, wären da zum Beispiel Fairy Fencer F und Omega Quintet.

Dragon Star Varnir schlägt hier, wie bereits Fairy Fencer, einen eher düsteren Ton an, bietet aber gewohnte Anime-Optik und klassisches JRPG-Gameplay. Compile Heart und Publisher Idea Factory International scheinen wahrlich Spielentwicklung automatisiert zu haben, denn irgendwie scheint gefühlt kein Jahr ohne mindestens vier bis fünf Titel von diesen beiden Studios zu Ende zu gehen.

In der Hoffnung, keinen „0815“-Massenproduktionsmüll aufgetischt zu bekommen, galt es für mich, einen genaueren Blick zu riskieren. Bedenkt man, dass auch dieser Titel bisher lediglich Schlagzeilen durch gewisse Anpassungen durch Sonys ethischen Einfluss erhalten haben soll, drängt sich der Gedanke auf, was das Spiel denn sonst so nennenswertes zu bieten hat.

Auch Männer dürfen Hexen sein

Die Geschichte dreht sich um den jungen Ritter Zephy, dessen Aufgabe und Berufung es ist, Hexen den Garaus zu machen. Als er bei einem Einsatz von seiner Truppe getrennt wird, gerät er allerdings in große Schwierigkeiten. Schwer verletzt droht er, von einem Drachen gefressen zu werden. In diesem Moment tauchen zwei Hexen auf und retten sein Leben.

Da die beiden Hexen nicht mit der menschlichen Anatomie vertraut sind, verabreichen sie dem verletzten Jungritter Drachenblut, um im besten Falle seine Verletzungen zu heilen. Was dann allerdings mit unserem Protagonisten geschieht, glaubt kaum einer der Beteiligten. Zephy erhält die Fähigkeiten einer Hexe und ist zudem als Mann ein extrem kurioses Exemplar, bedenkt man, dass es bisher ausschließlich weibliche Hexen gab.

Sowohl der designierte Held als auch die Hexen selbst vertreten natürlich wieder bereits eingefahrene Charakterzüge, die man aus einschlägigen japanischen Mainstream-Medien kennt. Allerdings gibt es viele Charaktere mit recht undurchsichtigen Hintergrundgeschichten, die es erst noch aufzudecken gilt.

Ein wahnsinniger Fluch

Von seinen vorherigen Kameraden, den Knights of Requiem, nun als Staatsfeind Nummer 1 gesehen und mit einer Gruppe verständlicherweise äußerst misstrauischer Hexen unterwegs, gilt es für Zephy, die Natur der Hexen zu verstehen und deren trauriges Schicksal abzuwenden. Hexen sind zu einem Leben in ständiger Angst verdammt. Verzehren sie Drachen, stillen sie ihren Wahnsinn, um nicht selbst zu Drachen zu werden. Nehmen sie allerdings zu viel zu sich, so erwecken sie hingegen den Drachen, der in ihnen schlummert.

Durchaus Stoff für eine düstere Erzählung, leider hapert es dank minimalistischem Stil etwas an der Inszenierung. Gerade zum Ende hin werden die durch eigene Entscheidungen teils erschreckenden Ereignisse nur mit den üblichen Charaktermodellen im „Visual Novel“-Stil dargeboten, wo eine extra gezeichnete Event-Szene durchaus mehr zum Geschehen beigetragen hätte. Nichtsdestotrotz nimmt die Geschichte dennoch den ein oder anderen düsteren Schwenker und bleibt somit dem Thema treu.

Das durch die Story gegebene Dilemma findet recht viel Beachtung im Spielverlauf. So hat man eine zusätzliche Anzeige im Menü, die den derzeitigen Geisteszustand widerspiegelt. Je nach Dialogentscheidungen und wenn man im Kampf stirbt, steigt dieser Wahnsinnsmeter. Erreicht man hier einen bestimmten Prozentsatz, so kommt es zu zusätzlichen Szenen jeweils nach dem Beenden eines Kapitels.

Fressen oder gefressen werden

»Die Geschichte von Dragon Star Varnir bietet durchaus Stoff für eine düstere Erzählung.«

Zephy und die anderen bereits ausgewachsenen Hexen ziehen in den Kampf, allerdings gibt es noch die jungen Hexen, welche im heimischen Hexenhäuschen zurückgelassen werden müssen. Da diese noch im Wachstum sind, sind sie leider besonders für Wahnsinn anfällig. In einer Art Minigame gilt es, diese stets mit Drachenteilen zu versorgen, um deren bitteres Schicksal zu verhindern. Dieses Spiel gestaltet sich zu einem Rennen mit der Zeit, denn beide Varianten führen ja leider zum gleichen Ergebnis. Beim ersten Durchgang wird man also höchstwahrscheinlich ein, zwei Hexenmädchen verlieren und in den Dungeons besiegen müssen.

Ein weiteres essentielles Gameplay-Element ist das Fressen der besiegten Drachen, um neue Skills und Statusboni zu erhalten. In Kämpfen ist es jederzeit möglich, sich mit gewissen Attacken einen Drachen einzuverleiben. Über das Menü lassen sich dann neue Fähigkeiten gegen bestimmte Skillpunkte freischalten. Der Haken daran ist hier, dass nur der Charakter, welcher den Drachen letztendlich verspeist, auch Zugang zu den Boni bekommt. Bosse werden zwar jeweils für alle Beteiligten freigeschaltet, möchte man aber zusätzlich Zauber, Angriffe und zusätzliche Statuserhöhungen erhalten, so kann man sich schon leicht im Sammelwahn verlieren.

Das Spiel zeigt hier auch seine etwas dem Grind zugewandte Art, den man aber hier eher unterbewusst macht. Prinzipiell reichen auch die Skills, welche man über Bosskämpfe bekommt, doch gerade im späteren Verlauf ziehen sich Kämpfe dadurch einfach nur ewig in die Länge. Eine gefühlte Ewigkeit kann man durchaus an einer normalen Gegnergruppe hängen, wenn man nicht gerade drei, vier Mal einen alten Dungeon noch einmal durchlaufen hat, um wirklich alle Drachen für jeden Charakter freizuschalten.

Schwierig sind die Kämpfe dennoch nur in den seltensten Fällen. Abhilfe verschaffen hier aber auch mehrere Schwierigkeitsgrade, mit weiteren, die nach dem Durchspielen freigeschaltet werden. Nach einem erfolgreichen ersten Durchgang werden dazu noch so gut wie alle Gegenstände, Skills und Erfahrungslevel ins New Game+ übertragen, was das Freispielen der anderen Enden um einiges erleichtert und angenehmer gestaltet.

Auch wenn es hier und da etwas an der Umsetzung hapert, ist es durchaus schön zu sehen, wie viele der eigentlichen Plotpunkte in das Gameplay geflossen sind. Die Gefahr durch die Drachen in Form von Gegnern ist genauso präsent wie die Gefahr, Freunde durch den Fluch der Hexen zu verlieren.

Kämpfe nur auf fliegendem Besen

Beim Kampfsystem hat man sich ebenfalls bei einem beliebten Hexenvorurteil bedient. Kämpfe finden ausschließlich auf fliegenden Besen statt. Durch den Aspekt des Luftkampfs sind Gegner auf drei Ebenen angeordnet, die man frei ansteuern kann. Angriffe haben demnach auch einen gewissen Wirkungsraum, wobei stärkere Zauber sogar über mehrere Ebenen mit einer Attacke hinausgehen. Um den taktischen Gedanken dahinter noch etwas auszubauen, gibt es zudem noch verschiedene Kampfformationen mit den dazugehörigen Angriffsboni je nach Ebene, wo man sich gerade mit seinem Charakter aufhält.

Taktischer Gedanke hin oder her, letztendlich bleibt irgendwie alles nur Spielerei, denn wirklich merklichen Einfluss scheinen weder Formationen noch Position im Raum zu haben. Am Ende geht es schlichtweg nur darum, Schwachpunkte ausfindig zu machen und ununterbrochen mit diesen anzugreifen. Auf die immer wieder gleichen Angriffe von der Seite der Hexen folgen dann obendrein noch eine Unmenge an Angriffen der gegnerischen Seite, die gerne mal drei bis vier Runden hintereinander angreift.

Mit etwas Durchhaltevermögen schafft man es aber, auch einen der Hexenmitstreiter in einen besonders starken Spezialzustand zu bringen. Hier wird man nicht nur komplett geheilt, sondern wird auch merklich stärker, was dem zähen Kämpfen durchaus zugutekommt. Alle, die ihre Lebenszeit für andere Dinge nutzen möchten, können Angriffsanimationen mit einem Knopfdruck überspringen. Auch wenn die Kämpfe oft zäh sind, bleibt zumindest immer noch eine gewisse Spannung, wer zum Schluss einen der begehrten Drachen abgreifen kann.

Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon

»Auch wenn es hier und da etwas an der Umsetzung hapert, ist es schön, wie viele der eigentlichen Plotpunkte der Story in das Gameplay geflossen sind.«

Dragon Star Varnir ist recht schlicht in Bezug auf dessen Welt aufgebaut. Jedes Kapitel spiegelt einen Abschnitt auf der Karte wider. Diese sind dann als recht überschaubare Dungeons gestaltet. Auf dem Weg von A nach B findet man allerdings hier und da ein paar Abzweigungen, die zu obligatorischen Schätzen führen. Jeder Charakter hat zudem eine besondere Fähigkeit in den jeweiligen Abschnitten, um gewisse Hürden zu überwinden oder besondere Schätze zu finden. Prinzipiell eine gute Sache, doch auf Dauer kann das ständige Wechseln des Gruppenführers nur für einen besonderen Skill schon auf die Nerven gehen.

Um die Wege noch kürzer zu halten, kann man auch hier auf den Hexenbesen zurückgreifen. Ein Knopfdruck lässt den jeweiligen Charakter fliegen und somit den Abschnitt recht fix überbrücken. Vorsicht ist nur vor einigen Gegnern geboten, die direkt auf einen zustürmen können, sobald man in deren Sichtfeld ist. Zum Ende eines jeden Abschnitts findet sich ein Speicherpunkt, der gleichzeitig die ganze Gruppe heilt. Äußerst praktisch – zudem lädt dieser ein, den zurückgelegten Abschnitt noch einmal genauer zu durchforsten.

Verlässt man die Kartenabschnitte, so landet man immer wieder in der geheimen Hexenbasis. Hier kann man sich mit Items und Ausrüstungsgegenständen eindecken. Ebenfalls kann man die Mitstreiter in ihren Privaträumen besuchen und Geschenke verteilen. Schafft man es, die Zuneigung zu steigern, so winken weitere Szenen und besondere charakterbezogene Enden. Ein wenig fies ist allerdings, dass ein Geschenk, welches den Geschmack verfehlt, die erreichte Zuneigungsstufe komplett heruntersetzt. Dadurch, dass man für jede neue Stufe Extraszenen zu sehen bekommt, ist diese Option recht nett und ebenso motivierend hier weiter am Ball zu bleiben.

Die letzte nennenswerte Option wäre das Erstellen von besonderen Elixieren, welche besondere Drachen zum Bekämpfen beschwören. Je nach Level des erstellten Elixiers erhält man eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass einer dieser Drachen einen Ausrüstungsgegenstand zurücklässt. Irgendwie wirkt dieses Feature mehr, als wäre es nur zur Hälfte umgesetzt worden, denn auch hier wird extrem viel Zeit durch Einstellungen verschwendet, nur damit man am Ende womöglich leer ausgeht. Obendrein werden alte Rezepte im späteren Verlauf komplett hinfällig, da einfach viel zu schwache Gegenstände dabei herumkommen – insofern man überhaupt etwas erhält, natürlich.

Designtechnisch – Luft nach oben

Auch wenn Dragon Star Varnir teilweise ansprechende Designentscheidungen bei Charakteren wählt, bleibt das gesamte Spiel eher auf „Compile Heart“-Standardniveau. Zu wenig ausgearbeitete Umgebungsdesigns und ein allgemein recht ordinär anmutender Gesamteindruck werden Grafik-affine Spieler kaum abholen. Nennenswert ist zwar, dass Nihon Falcom für die Designs der Drachen zuständig war, aber auch diese wirken auf den Gesamteindruck bezogen nur wenig imposant.

Gespräche werden durch Charakter-Artworks dargestellt, die nur ein Minimum an Mimik und Gestik aufweisen. Kein großes Problem eigentlich, nur fehlt es an aussagekräftigen Event-Szenen, um dramatische Ereignisse ein wenig besser inszenieren zu können. Insgesamt kommt das Spiel gerade einmal auf eine Handvoll Bilder dieser Art, wenn man einen Blick in die Galerie wirft.

Musikalisch verrät die interne Aufzählung der Songs zwar einen recht soliden Umfang, die Lieder, die man letztendlich hört und die in Erinnerung bleiben, sind dann aber auch an einer Hand abgezählt. Wirklich positiv im Gedächtnis bleibt hier eigentlich nur der Titelsong, während die anderen Lieder ein mehr oder minder unauffälliges Beiwerk sind.

Die Leistung der Sprecher auf japanischer Seite ist hingegen wieder recht gut gelungen. Auf der englischen Tonspur findet man ebenso solides Material. Mit beiden Tonspuren kann man demnach nur wenig falsch machen, je nach eigenem Geschmack.

Weck‘ den Drachen in dir

»Dragon Star Varnir weiß mit seiner allgemein düsteren Geschichte zu überzeugen, leider fehlt es hier und da noch an der richtigen Inszenierung. Ein paar mehr gezeichnete Event-Szenen hätten der Erzählung durchaus gut getan. Die Charaktere erfüllen zwar die bekannten Schemata, einige haben allerdings noch das ein oder andere Geheimnis, das es aufzuklären gilt.

Gameplay-technisch hält sich das Spiel eher klassisch mit rundenbasiertem Kampfsystem. Interessant und zu begrüßen ist aber die ständige Verbindung zwischen Story und Gameplay-Elementen. Das eher auf Grinding und Sammeln der Skills ausgelegte Kampfgeschehen führt oftmals zu extrem zähen Auseinandersetzungen, die trotz des Versuchs, taktische Entscheidungen einfließen zu lassen, immer nach dem gleichen Muster ablaufen.

Alles in allem bekommt man recht solide JRPG-Kost aus dem Hause Compile Heart beziehungsweise dem Galapagos-RPG-Team geboten. Ähnlich wie die erwähnten Fairy Fencer und Konsorten, bekommt man auch mit Dragon Star Varnir eine interessante, düstere Story in ausreichend ansprechendem Gewand geboten.«

 

Düster, tragisch und mit verschiedenen Enden. Dialogentscheidungen und Kampfleistung machen den Unterschied.
Der Versuch, auf taktische Elemente zu setzen, hat leider später nur recht zähe, anspruchslose Kämpfe zum Ergebnis. Abseits davon spiegeln sich immer wieder wichtige Story-Elemente im Gameplay wider.
Ausreichend ansehnlicher Anime-Stil mit Visual-Novel-Aufbau. Mehr Event-Szenen hätten der Inszenierung nicht geschadet.
Soundtrack bleibt nicht wirklich im Kopf, während manche Lieder zum immer wiederkehrenden Fluch werden. Die Synchronisation kann sich in beiden Sprachen hören lassen.
Bildergalerie und Soundtrack. New Game+ erlaubt die Mitnahme von so gut wie allen Gegenständen, Skills und erreichten Erfahrungsleveln.