Im Test! My Brother Rabbit

Alles läuft super in eurem Leben. Ihr habt zwei wundervolle Kinder, gute Jobs und genießt den Alltag mit der Familie. Doch dann ereilt euch ein schwerer Schicksalsschlag.
Titel My Brother Rabbit
Europa 21. September 2018
Artifex Mundi
System Nintendo Switch, PS4, Xbox One, PCs
Getestet für Nintendo Switch
Entwickler Artifex Mundi
Genres Wimmelbild, Adventure, Puzzles
Texte
Deutschland Nordamerika 

Alles läuft super in eurem Leben. Ihr habt zwei wundervolle Kinder, gute Jobs und genießt den Alltag mit der Familie. Doch dann ereilt euch ein schwerer Schicksalsschlag. Eure Tochter wird schwer krank, ihr bangt um ihr Leben. Ihr macht alles, um ihr zu helfen, es gibt kein anderes Thema mehr. Ärzte, Krankenhäuser und Behandlungen bestimmen jeden Tag. Das ist das Szenario von My Brother Rabbit.

My Brother Rabbit

In die Hauptrolle des Spiels schlüpft aber nicht ihr, sondern euer kleiner Sohn, der in dieser schweren Zeit vermutlich längst nicht mehr die Zuwendung erfährt, die er verdient. Stattdessen bestimmen seinen kindlichen Tag Behandlungszimmer und das schmerzverzerrte Gesicht seiner lieben Schwester, denn auch er ist natürlich immer bei der Familie.

Um diese Hintergrundgeschichte wissend, habt ihr vielleicht wie ich schon einen Kloß im Hals, wenn ihr nur den Startbildschirm von My Brother Rabbit seht und das melancholische Titel-Thema von Arkadiusz Reikowski einsetzt.

Der Einstieg in diese Geschichte wird euch natürlich erst nach dem Start des Spiel erzählt. Auf eine interessante Art und Weise, nämlich ganz ohne Worte. Auch zwischen den Kapiteln gibt es lediglich handgezeichnete Bilder, deren Pinselstriche langsam erstarken und dann wieder verblassen, um in das nächste Motiv überzugehen. Wie in einer Art Trance- oder (Alp)traumzustand erleben wir so die Geschichte. Zusammen mit der melancholischen Hintergrundmusik funktioniert das beeindruckend gut. Auf diese Weise erleben wir die Geschichte der Eltern.

Spielen werden wir in den fünf Kapiteln von My Brother Rabbit jedoch die Geschichte der Kinder. Wir schlüpfen in die Rolle eines kleinen Stofftier-Hasen, der durch die Vorstellungskraft des Jungen und seiner kranken Schwester zum Leben erweckt wird. Dieser kleine Hase soll der Schwester nicht nur Trost spenden, sondern er will ihr auch helfen. Denn warum sie nicht einfach wieder gesund werden sollte, das will in den Kopf des (großen) kleinen Bruders natürlich nicht hinein. Gemeinsam flüchten die Kinder in eine Fantasiewelt, in der sie sich ganz einfach von der Krankheit befreien möchten. In dieser Fantasiewelt wird die Schwester durch eine erkrankte, kraftlose Blume dargestellt.

Kindliche Lösungen für ganz weltliche Probleme

My Brother Rabbit

Hier helfen euch Ballons!

Gleich zu Beginn gilt es beispielsweise, die Blume aus den Zwängen eines boshaften, verwachsenen Strauchs zu befreien. Der violettfarbene Strauch ist eine der vielen Manifestierungen der Krankheit in der Fantasiewelt der Kinder. Die kindliche Lösung ist denkbar einfach: Die Blume soll einfach mit Luftballons aus dem Strauch herausfliegen. Hier kommt nun auch der Spieler aktiv ins Spiel. In den liebevoll gezeichneten Wimmelbildern verstecken sich unzählige Gegenstände, die es zu finden gilt. Darunter natürlich auch die gesuchten Luftballons. Eine Anzeige auf der ansonsten glücklicherweise sehr sparsamen Benutzeroberfläche zeigt euch an, welche Gegenstände ihr braucht und ob sich noch welche davon am aktuellen Ort befinden. Durch simples Antippen sammelt ihr sie ein.

Und so zieht ihr von Gegend zu Gegend. Ab und an gibt es klitzekleine Adventure-Einlagen, wenn es gilt, Gegenstände auf dem Bildschirm zu kombinieren. Doch hauptsächlich sammelt ihr. Das Sammeln der Gegenstände (manchmal braucht es bis zu zehn von einer Sorte) kann sich strecken und mitunter vielleicht sogar ermüdend sein. My Brother Rabbit ist in dieser Hinsicht sicher ein Spiel für ein paar Minuten Ruhe und Entschleunigung am Abend, das sollte man sich vor einem Kauf auf jeden Fall vor Augen halten. Aber die Wimmelbildmechanik lädt natürlich auch dazu ein, die Landschaften kennenzulernen – und das lohnt sich.

Landschaften voller Details und Geschichten

Die Landschaften sind voller Details und erzählen ihre eigenen Geschichten. Die Fantasiewelt ist inspiriert von Märchen und einer Welt, wie sie eben Kinder sehen. Laut Entwicklerangaben haben die Kinder der Entwickler auch tatsächlich bei der Erschaffung der Spielwelt mitgeholfen. Durchzogen sind sie auch von der immer präsenten Krankheit, die sich ganz unterschiedlich in der Welt zeigt, mal offensiv, mal im Hintergrund, aber immer da. Immer wieder holt die Realität auch die Kinder ein. Ihr besucht im Spielverlauf zum Beispiel eine Art Behandlungszimmer. Der Arzt, ein Bär im Arztkittel, schläft ständig. Wer schläft, kann freilich nichts tun. Eine kindliche Metapher für die Untätigkeit oder Ratlosigkeit der Ärzte wohl. Der kleine Hase kümmert sich also wieder selbst um seine Schwester und reist mit ihr weiter.

Wirklich gute Rätsel- und Puzzleeinlagen

Aufgelockert werden die beschriebenen Mechaniken durch wirklich gute Rätsel- und Puzzleeinlagen. Auf diesem Gebiet scheinen die polnischen Entwickler von Artifex Mundi durchaus geübt zu sein. Die Rätsel und Puzzles sind nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern auch enorm gut mit der Fantasiewelt und zu suchenden Gegenständen abgestimmt. Sie wirken nicht erzwungen oder wie Lückenfüller, sondern sind thematisch wie spielerisch gut platziert. In jeder Landschaft gibt es ein bis zwei solcher Rätsel und man freut sich regelrecht darauf. Auch in Sachen Schwierigkeitsgrad variieren sie. Das ist den Entwicklern wirklich gelungen.

Entschleunigend und herzergreifend

»Mit My Brother Rabbit erwartet euch ein entschleunigendes Puzzle-Adventure mit einer herzergreifenden Geschichte, die ohne Worte auch dank eines sehr atmosphärischen Soundtracks gut erzählt wird. Ihr müsst viele, viele Gegenstände sammeln – wenn ihr der stellenweise doch ausufernden Wimmelbildmechanik grundsätzlich abgeneigt seid, solltet ihr die Finger vom Spiel lassen. Doch die Mechanik ist kein Zufall, dank ihr taucht ihr tief in die Fantasiewelt der Kinder ein und erkennt jedes liebevolle oder traurige Detail. Ein Sonderlob haben sich die Rätseldesigner verdient. In etwa drei bis fünf Spielstunden ist das nachdenkliche Abenteuer der Kinder beendet, das in meinen Augen durchaus 14,99 Euro wert war.«

 

Story: Eine traurige Geschichte, erzählt mit Bildern und Musik, aber ohne Worte.
Viel Wimmelbild, wenig Adventure-Einlagen, tolle Rätsel.
Toll gezeichnete Hintergründe mit viel Liebe zum Detail.
Melancholischer, gut abgestimmter Soundtrack aus der Feder von Arkadiusz Reikowski (Layers of Fear, Seven: The Days Long Gone) und Emi Evans (NieR: Automata, Dark Souls).
Deutsche Untertitel – aber der Übersetzungsaufwand war auch wirklich gering.