Im Test! Life is Strange 2 – Episode 1: Roads

Wir haben uns die erste Episode von Life is Strange 2 mit dem Untertitel „Roads“ angesehen und erklären euch nun, ob wir Max und Chloe bereits vermissen oder...
Titel Life is Strange 2 – Ep. 1
Nordamerika 27. September 2018
Square Enix
Europa 27. September 2018
Square Enix
System PS4, Xbox One, PC
Getestet für PS4
Entwickler Dontnod Entertainment
Genre Adventure
Texte
Deutschland Nordamerika
Vertonung Nordamerika

Verteilt über das Jahr 2015 erschien die erste Staffel von Life is Strange, welche sich schon bald zu einem Projekt mit vielen Theorien und einer treuen Anhängerschaft entwickelte. Nun legt Dontnod Entertainment mit Life is Strange 2 nach, wobei die Veröffentlichung wiederum zunächst rein digital in fünf einzelnen Episoden erfolgt. Seit wenigen Tagen ist der Einstieg in den mit Spannung erwarteten zweiten Teil nun erhältlich, wobei man dem Grundkonzept treu bleibt, jedoch die Protagonisten und Schauplätze komplett auswechselt.

Allerdings spielt sich die Geschichte immer noch im selben Universum ab, was sich alleine daran zeigt, dass der Spieler zu Beginn nach seiner Endwahl aus der ersten Staffel gefragt wird, wobei durch die veränderte Ausgangslage keine Vorkenntnisse nötig sind. Wir haben uns die erste Episode von Life is Strange 2 mit dem Untertitel „Roads“ angesehen und erklären euch nun, ob wir Max und Chloe bereits vermissen oder uns die neue Konstellation bisher überzeugen konnte.

Eine Erzählung zweier Brüder

In Life is Strange 2 schlüpfen wir in die Rolle von Sean Diaz, einem 16-jährigen Teenager, der in Seattle ein ziemlich gewöhnliches Leben führt. Er lebt zusammen mit seinem Vater und Daniel, seinem jüngeren Bruder, welcher neun Jahre alt ist. Sein Vater arbeitet hart als Automechaniker, das Geschäft scheint zu laufen, wodurch seine beiden Söhne eine unbeschwerte Jugend genießen können. Seans beste Freundin Lyla ist gerade dabei, ihn mit Jenn zu verkuppeln, auf welche er ein Auge geworfen hat. In Liebesdingen ist er jedoch unerfahren und unbeholfen, weswegen Lyla kurzerhand die Initiative ergreift und der potentiellen Liebe auf die Sprünge zu helfen versucht. Dies soll bei einer abendlichen Party geschehen, also gilt es für Sean, die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

Sean und Daniel, die beiden Protagonisten.

Doch leider bricht über die Familie Diaz eine Katastrophe herein und ab sofort ist für Sean und Daniel nichts mehr so, wie es war. Gezwungen zur Flucht ist das Brüderpaar fortan ganz auf sich alleine gestellt. Wir erleben somit den Beginn eines abenteuerlichen und gefährlichen Roadtrips, wobei Sean und Daniel an verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Absichten geraten. Während Sean versucht, die harte Realität für Daniel zu beschönigen, ist ihm selbst klar, dass dies nicht lange so bleiben kann.

Während sich der Spieler mit einer neuen Situation und neuen Charakteren vertraut machen muss, gibt es ansonsten viele Parallelen zur ersten Staffel. Auch Life is Strange 2 wird stark von der Narrative und den Protagonisten getragen, welche mit einer Situation zurechtkommen müssen, von welcher sie heillos überfordert sind. Zudem kehrt der Comic-Grafikstil zurück und lizenzierte Musik sorgt für den akustischen Rahmen.

»Das Treffen von Entscheidungen ist allgegenwärtig. Dem Spieler steht die Wahl offen, wie er gewisse Aufgaben angehen will – es gibt fast immer verschiedene Herangehensweisen.«

Die beiden wichtigsten Elemente, nämlich übernatürliche Kräfte und das Treffen von Entscheidungen, bilden wiederum den Kern des Spiels. Um welche übernatürliche Kraft es sich dabei genau handelt, soll an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden. Diese manifestiert sich erst gegen Ende von Episode 1 klar, obwohl man als Spieler natürlich schon zuvor einige Vermutungen anstellen kann. Zuerst müssen die beiden Brüder aber selbst verstehen, was genau eigentlich vor sich geht, wodurch in Episode 1 die übernatürliche Kraft noch nicht als Gameplay-Element genutzt werden kann, sondern nur zu festgelegten Punkten in der Geschichte auftritt.

Entscheidungen am laufenden Band

Das Treffen von Entscheidungen ist hingegen allgegenwärtig. Dem Spieler steht die Wahl offen, wie er gewisse Aufgaben angehen will – es gibt fast immer verschiedene Herangehensweisen. Dabei gibt es in Schlüsselszenen Momente, welche einen größeren Einfluss haben und entsprechend in einem Standbild getroffen werden können. So bleibt genug Zeit, welche auch nötig ist, da man sich oft in einem Dilemma befindet und die Konsequenzen abzuwägen versucht. Aber auch in Dialogen hat man Antwortoptionen zur Verfügung und die Erkundung der Umgebung kann ebenfalls neue Möglichkeiten eröffnen.

Kaufen oder klauen? Oder nur gucken wie die Geschäftsinhaberin?

Die Auswirkungen all dieser Entscheidungen halten sich jedoch noch in engen Grenzen, ein Dialog oder eine Szene kann natürlich leicht anders ablaufen, im Großen und Ganzen bleibt das Ergebnis jedoch identisch. Vermutlich wäre eine stark verästelte Struktur in einer ersten Episode auch zu viel verlangt. Zudem dürften sich gewisse Entscheidungen erst in späteren Episoden auswirken. Dafür kommen kleinere, eigentlich im Grunde belanglose Dinge plötzlich in einem Gespräch wieder auf. Die Art und Weise, wie man mit verschiedenen untersuchbaren Objekten interagiert, erinnert an ein Point-and-Click-Adventure. Neben wichtigen Informationen gibt es auch lustige Sprüche zu hören. Es können zudem ganze Dialoge entstehen.

»Grafisch bleibt man dem Comic-Stil treu, welcher die an sich realistisch gestalteten Umgebungen und Charaktere leicht abstrahiert. Bei der Qualität hat man allerdings eine große Schippe nachgelegt.«

Life is Strange 2 nimmt sich in der ersten Episode viel Zeit, die beiden Protagonisten zu beleuchten und einzuführen. Dabei obliegt es dem Spieler, in der Rolle von Sean auf den kleinen Bruder einzuwirken. Daniel wird ebenfalls die Gegend erkunden und Sean auf Dinge aufmerksam machen, manchmal Hilfe benötigen, eine Frage stellen oder andere Anliegen haben. Oder auch einfach mal andere Charaktere anquatschen, wo man dann je nach Situation einschreiten kann. Viele dieser Interaktionen sind optional, helfen jedoch dabei, ihre Beziehung zu vertiefen. Es ist ebenfalls möglich, ein gutes oder schlechtes Vorbild zu sein.

Wie genau euer Verhalten Daniels langfristige Entwicklung beeinflussen wird, bleibt jedoch abzuwarten. Es kann aber sicherlich nicht schaden, den kleinen Bruder nicht einfach nur zu ignorieren und hin und wieder sein Selbstvertrauen ein wenig zu stärken. Die Angst vor einer Eskort-Mission in Überlänge ist übrigens unbegründet. Man sollte zwar immer ein Auge auf Daniel haben – wie es sich für einen verantwortungsvollen großen Bruder gehört –, aber dies geschieht in einem angemessenen Rahmen. Zunächst hat Sean jedoch alle Hände voll damit zu tun, grundlegende Dinge wie einen Schlafplatz oder Essen zu organisieren. Dabei haben wir aber nur sehr beschränkte Ressourcen zur Verfügung.

Augen und Ohren auf!

Grafisch bleibt man dem Comic-Stil treu, welcher die an sich realistisch gestalteten Umgebungen und Charaktere leicht abstrahiert. Bei der Qualität hat man allerdings eine große Schippe nachgelegt. Die Umgebungen bieten viele Details und schöne Kulissen, am meisten hat sich aber im Vergleich zur ersten Staffel in den Gesichtern der Charaktere getan. Diese wirken nun deutlich lebendiger und Emotionen werden dadurch viel besser transportiert. Auch die Animationen wirken natürlich.

»Ein besonderes Lob verdient die Akustik des Spiels. Neben Serien-Komponist Jonathan Morali, welcher mit ruhigen und melancholischen Klängen die Schlüsselszenen stimmig untermalt, kommt auch lizenzierte Musik zum Einsatz.«

Ein besonderes Lob verdient die Akustik des Spiels. Neben Serien-Komponist Jonathan Morali, welcher mit ruhigen und melancholischen Klängen die Schlüsselszenen stimmig untermalt, kommt wiederum lizenzierte Musik zum Einsatz, welche in jenen Momenten zum Zug kommt, wo die Charaktere im Spiel Musik hören. Mit dabei sind namhafte Bands wie The Streets, Phoenix und Bloc Party.

Zusätzlich können die englischen Sprecher überzeugen, allen voran Gonzalo Martin (Sean) und Roman George (Daniel) haben mit viel Text die Aufgabe, das Spiel in einigen emotionalen Szenen zu tragen. Dies gelingt mit Bravour! Vor allem die Besetzung des jungen Daniel hätte potentiell ein Stolperstein sein können, aber die Chemie zwischen den beiden Spiel-Brüdern wurde sehr gut eingefangen und bleibt positiv in Erinnerung.

Die deutschen Texte sind mehrheitlich gelungen, einige Schnitzer haben sich jedoch leider eingeschlichen. Dies betrifft vor allem einige Chat-Nachrichten auf Seans Smartphone, welche teilweise hölzern und unbeholfen wirken. So wird auf einen „Papawitz“ schon einmal mit einer „Gesichtspalme“ reagiert, was nun nicht gerade gängigem deutschen Sprachgebrauch entspricht. Das englische Original wirkt hier mit Slang und dem einen oder anderen Meme jedoch definitiv stimmiger.

Es gibt einige sehenswerte Orte zu entdecken!

Als zusätzliche Features besitzt Sean ein Tagebuch, welches er selbstständig führt und immer wieder aufdatiert wird. Dieses ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet und mit vielen Skizzen versehen. Sean besitzt nämlich eine künstlerische Ader und auch während des Spiels können an festgelegten Punkten neue Zeichnungen für das Tagebuch angefertigt werden. Dies ist vergleichbar mit den Fotografien aus dem Erstling. Zudem kann man ältere und aktuelle Chat-Nachrichten auf Seans Smartphone lesen, womit die Beziehungen zwischen den Charakteren genauer herausgearbeitet werden.

Auch sonst hat man sich viel Mühe gegeben, der Welt Leben einzuhauchen. So singt Sean auch mal bei einem Lied mit, wenn man in seinem Zimmer die Musik aufdreht. Ein paar wenige Sammelgegenstände runden das Ganze noch ab. Die Spielzeit von Episode 1 beläuft sich auf ungefähr vier Stunden, wenn man nicht einfach alles links und rechts ignoriert und durchrast. Nimmt man sich Zeit, alles zu untersuchen und zu erkunden, kann man jedoch auch etwas mehr Zeit mit Sean und Daniel verbringen.

Der Beginn einer emotionalen Reise

»Die erste Episode von Life is Strange 2 nimmt den Spieler auf eine emotionale Achterbahnfahrt mit. Dramatische und schockierende Szenen wechseln sich mit ruhigen, lustigen und herzerwärmenden Momenten ab, wobei Sean und Daniel dem Spieler schnell ans Herz wachsen. Wo die Reise der Brüder hinführt, das müssen die weiteren Episoden erst noch klären. Der Anfang reißt auf jeden Fall bereits mit und durch das übernatürliche Element des Spiels kann man sich von der Fortsetzung einiges erhoffen. Wann es genau weitergeht, ist jedoch noch unbekannt.«

 

Sean und Daniel werden aus ihrem behüteten Leben gerissen und begeben sich auf einen gefährlichen Roadtrip. Emotional mitreißend.
Entscheidungen treffen, Erkundung, Dialog-Optionen und Interaktionen mit anderen Charakteren. Fokus liegt auf der Narrative.
Comic-Look mit schönen und detaillierten Umgebungen. Gelungene Charakter-Animationen und Gesichtsausdrücke.
Bekannte Stücke wechseln sich mit guten Eigenkompositionen ab. Absolut hörenswert! Tolle Leistung der Synchronsprecher.
Einige wenige Sammelgegenstände, gelungene Tagebucheinträge und allgemein viel Liebe zum Detail. Kleine Schnitzer bei den deutschen Texten.