Im Test! Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs

Es gibt nur wenige RPGs, die sich wahrhaft märchenhaft anfühlen. Als Ni no Kuni: Der Fluch der weißen Königin 2013 im Westen erschien, lockte das Spiel...
Titel Ni no Kuni II: Schicksal eines Königreichs
Japan 23. März 2018
Level-5
Nordamerika 23. März 2018
Bandai Namco Games
Europa 23. März 2018
Bandai Namco Games
System PS4, PC
Getestet für PS4
Entwickler Level-5
Genres Action-JRPG
Texte
Japan Nordamerika Japan
Vertonung Nordamerika Japan

Es gibt nur wenige RPGs, die sich wahrhaft märchenhaft anfühlen. Als Ni no Kuni: Der Fluch der weißen Königin 2013 im Westen erschien, lockte das Spiel zahlreiche Leute an die Konsole, die sonst wenig mit aktuellen JRPGs am Hut hatten. Fünf Jahre sind seitdem vergangen und der heiß erwartete Nachfolger, Ni no Kuni: Schicksal eines Königreichs, ist nach mehreren Verschiebungen endlich erhältlich. Wir verraten euch, ob sich die Wartezeit gelohnt hat.

Ein König ohne Königreich

Als Roland, der Präsident eines Landes in unserer Welt, auf dem Weg zu einer Friedenskonferenz ist, muss er mit eigenen Augen ansehen, wie sein Land zerstört wird. Als er wieder zu sich kommt, findet er sich deutlich jünger in einer anderen Welt wieder – im Schloss von König Evan von Katzbuckel, einem kleinen Jungen mit Katzenohren, der den Thron jüngst nach dem plötzlichen Tod seines Vaters übernommen hat. Bevor er Zeit hat, sich zu akklimatisieren, muss er bereits aus dem Schloss fliehen, den gerade findet ein Putsch im Schloss statt.

Evan ist fortan ein König ohne Königreich, doch er hat eine große Vision: Er will alle Länder der Welt unter einem Banner vereinen, damit alle Völker gemeinsam in Frieden und Wohlstand leben können. Diese Mission zieht sich durch das ganze Spiel und ist das Hauptthema von Ni no Kuni II.

Zwar steht Evan zunächst allein da, doch nach und nach findet er Freunde, gewinnt Mitstreiter und gründet ein neues Land. Der größte Teil des Spiels dreht sich darum, Beziehungen zu den vier großen Nationen der Welt aufzubauen, die alle auf die eine oder andere Weise unter dem Einfluss einer dunklen Macht stehen.

Die Geschichte ist nicht nur auf dem Papier recht simpel, doch die liebevolle Präsentation der gesamten Welt machen das Spiel zweifelsohne zu einem besonderen Erlebnis. Exzentrische Figuren, fantasievolle Designs und ulkige Ideen ziehen sich durch das ganze Spiel und sorgen für das unverkennbare Ni-no-Kuni-Gefühl, das Ghibli-Ästhetik mit dem Witz und Charme von Level-5-Spielen verbindet.

Der schönste Teil des Spiels sind zweifelsohne die bezaubernden Städte, in denen sich Bewohner verschiedenster Rassen tummeln und ihre Leben leben. Die Designs der vier großen Städte sind abwechslungsreich und absolut einzigartig – kaum ein anderes JRPG hat so schöne Städte zu bieten.

Dennoch fällt nach einer Weile auf, dass man sich in der Handlung von Fetchquest zu Fetchquest hangelt und es nur wenige dramatische Höhepunkte gibt. Bis zum Ende des Spiels ist man primär damit beschäftigt, von A nach B zu laufen, um XYZ zu beschaffen. Gerade das Thema des Spiels – das Errichten eines Königreichs und die diplomatischen Beziehungen zu anderen Ländern – hätten viel Potenzial für interessante Gedankenspiele und mögliche (zwischen)gesellschaftliche Probleme geboten, doch das Spiel entscheidet sich gänzlich für einen idealistisch-naiven Ansatz, der Evan und seine Mission, die Welt zu einen, stets als gut und rechtschaffen darstellt. Zwar sind die lokalen Geschichten der vier Reiche schön in Szene gesetzt und tragen zusammen mit den Dialogen und der wunderschönen Welt die Geschichte zu einem Teil, doch eine stringentere Erzählung hätte dem Spiel dennoch gut getan.

Auf in den Kampf!

Ni no Kuni II besitzt ein ähnliches Action-Kampfsystem wie der erste Teil, mit dem großen Unterschied, dass man nun keine Monster mehr steuert, sondern ausschließlich die Protagonisten. In Dungeons finden die Kämpfe übergangslos statt, auf der Weltkarte nach einer kleinen Animation. Unterstützt werden die Kämpfer von bis zu vier niedlichen, kleinen Wesen namens Gnuffis, von denen es hundert Stück gibt. Diese handeln größtenteils autonom und können je nach Gnuffi die Gruppenmitglieder heilen, stärken oder den Gegner angreifen.

»Die Mitstreiter handeln nun so klug, dass die meisten Kämpfe selbst ohne eigenes Eingreifen siegreich enden.«

Die vielfach kritisierte KI des Vorgängers wurde durch eine deutlich intelligentere ersetzt. Die Mitstreiter handeln nun so klug, dass die meisten Kämpfe selbst ohne eigenes Eingreifen siegreich enden. Generell ist der Schwierigkeitsgrad von No no Kuni II sehr niedrig angesetzt. Gerade Bossgegner sind teilweise geradezu lächerlich einfach – kaum stärker als normale Monster, denen man im freien Feld begegnet. Zwar nimmt die Herausforderung in der zweiten Spielhälfte etwas zu, aber dafür, dass es ein relativ komplexes Kampf- und Micromanagement-System mit Dutzenden Fähigkeiten, Ausrüstungsgegenständen und Unterstützern gibt, wird enttäuschend wenig Anreiz zum Tüfteln gegeben.

Trotzdem sind die Kämpfe durchaus spaßig und definitiv sehr kurzweilig. Zwar sind selbst die optionalen Gegner im Spiel meist keine große Herausforderung, doch da man sich bereits früh in Gebiete mit Gegnern deutlich höherer Stufen wagen kann, trifft man durchaus auch auf Feinde, gegen die man etwas vorsichtiger agieren muss.

Ein Spiel für Weltenbummler

Ni no Kuni II verfügt über eine waschechte Weltkarte im alten Stil, die wirklich zum Erkunden einlädt. Zwar besitzt das Spiel eine überschaubare Anzahl von besiedelten Orten und größere Teile der Weltkarte müssen gänzlich ohne Zivilisation auskommen, doch an versteckten Höhlen, Wäldern und Schreinen mangelt es nicht. Überall lassen sich geheime Eingänge finden und mit dem Schiff und später dem Flugschiff vervielfachen sich die Erkundungsmöglichkeiten noch.

Dieser Aspekt an Ni no Kuni II macht wirklich sehr viel Spaß, doch leider kann das Spiel trotz einiger Versuche, Variation zu schaffen, nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten optionalen Orte sich visuell und spielerisch sehr ähneln, ja, oft sogar identische Abschnitte besitzen.

Eine ähnliche Mischung aus erfreulichem Umfang und enttäuschender Vielfalt lassen in anderen Aspekten des Gameplays finden. Zahlreiche optionale Bosse, sogenannte „besessene Monster“, finden sich auf der Weltkarte und in Dungeons wieder, doch wie alle Monster im Spiel lassen sie sich auf eine Handvoll Grundarten mit leicht variiertem Aussehen und sehr ähnlichen Angriffsmustern zurückführen. Von den zahlreichen NPC-Aufträgen (175 Stück!) erzählen viele sehr charmante, kleine Geschichten, doch spielerisch gibt es nur sehr wenige, die mehr als generische Fetchquests sind. Es gibt zudem zehn optionale, zufallsgenerierte Dungeons, die durchaus reizvoll und voller nützlicher Schätze sind, doch auch sie wiederholen sich strukturell sehr schnell.

Ni no Kuni II bietet also eine Menge Content, der das Spiel sehr kurzweilig gestaltet und für Abwechslung sorgt, doch innerhalb jeder dieser Aktivitäten wiederholen sich die Inhalte sehr, sehr häufig und sind zudem so anspruchslos, dass weder spielerisch noch inhaltlich ein richtiges Belohnungsgefühl einsetzt. Die Ziele der meisten Aufträge werden beispielsweise direkt auf der Karte markiert, weshalb man als Spieler kaum Eigeninitiative mitbringen muss – den Pfeilen folgen reicht in der Regel. Trotz dieser Unzulänglichkeiten macht Ni no Kuni II einfach Spaß und kann dank seiner enormen Kurzweiligkeit problemlos stundenlang am Stück vor den Fernseher fesseln – und das ist schließlich das Wichtigste.

Ich baue mir mein Königreich

Ein zentraler spielerischer Aspekt blieb bisher noch unerwähnt: die Königreich-Simulation. Angelehnt an diverse Aufbauspiele kann der Spieler in Ni no Kuni II helfen, Evans Königreich groß zu machen. Durch Nebenaufgaben können Charaktere als Bürger gewonnen werden, was sehr an die Suikoden-Reihe erinnert, zumal man auch in Ni no Kuni II etwa hundert Mitstreiter gewinnen kann. Jeder Charakter hat dabei seine eigenen Talente.

Die Simulation besteht aus drei Aspekten: Aufbauen, Items erwirtschaften und durch Forschungen neue Vorteile erschließen – darunter auch für die Erkundung und Kämpfe relevant Fähigkeiten. All dies kostet Geld, das ebenfalls nach und nach abhängig von der Größe des Königreichs automatisch erwirtschaftet wird, und ist mit Wartezeit verbunden. Während Evan und seine Mitstreiter also die Welt erkunden oder die Geschichte vorantreiben, laufen die Prozesse im Königreich im Hintergrund weiter.

Kampftaugliche Bürger kann man zudem in Massenschlachten anführen, in denen man gegen kleinere gegnerische Streitmächte antritt und die nichts mit den normalen Kämpfen im Spiel zu tun haben. Das System erinnert an Echtzeit-Strategiespiele, ist aber dank simpler Schere-Stein-Papier-Mechanik weit weniger komplex, als es zunächst scheint. Man benötigt eine gewisse Eingewöhnungszeit, um die Kniffe des Systems zu lernen, aber auch diese Schlachten sind letztlich wenig herausfordernd.

Die Aufbau-Simulation besitzt durchaus Suchtpotenzial und es ist ein schönes Gefühl, dass im Hintergrund permanent etwas weiterwächst, während man selbst in der Welt unterwegs ist und anderen Aktivitäten nachgeht. Auch dieser Teil trägt enorm zur Kurzweiligkeit des Spiels bei.

Malerische Kulissen und traumhafte Klänge

Dass Ni no Kuni II wie sein Vorgänger ein wunderschönes Spiel wird, war bereits aus den Trailern erkennbar. Während die Charaktermodelle noch verfeinert wurden und zu den schönsten Anime-3D-Modellen in der gesamten Industrie gehören, wurde bei den Umgebungen ein etwas realistischerer Ansatz gewählt als beim Vorgänger. Alle Orte des Spiels sind durchaus ansehnlich, doch die Städte geradezu traumhaft schön. Zusammen mit der mal pompösen, mal verträumten Orchestermusik von Großmeister Joe Hisaishi lädt das dazu ein, einfach mal innezuhalten und sich umzusehen. Dass das zugegebenermaßen wunderschöne Hauptthema des Vorgängers so prominent wiederverwendet wird, verhindert allerdings etwas, dass das Spiel eine eigene musikalische Identität entfalten kann.

Mindestens genauso gelungen ist die englische Vertonung, die nicht nur von sehr talentierten Sprechern und Dialogschreibern profitiert, sondern auch durch die Verwendung zahlreicher Dialekte, die den unterschiedlichen Verschrobenheiten der Charaktere erst richtig Ausdruck verleihen. Gerade deshalb ist es aber enorm schade, dass nur ein sehr kleiner Teil des Spiels vertont ist. Die sparsam verwendeten Zwischensequenzen machen wirklich viel her, doch selbst viele der wichtigen Szenen werden in schmucklosen Text-Dialogen präsentiert und sind weder vertont noch besonders in Szene gesetzt – bei einem Spiel dieses Kalibers eigentlich unverständlich.

»Bei der Lokalisierung hat man sich wie beim Vorgänger ausgetobt und sowohl die englischen als auch die deutschen Texte sind unheimlich kreativ.«

Bei der Lokalisierung hat man sich wie beim Vorgänger ausgetobt und sowohl die englischen als auch die deutschen Texte sind unheimlich kreativ und voller lustiger Wortspiele, sprachlicher Eigenheiten und fantasievoller Namen – etwas, wo im JRPG-Bereich nur die Dragon-Quest-Serie mithalten kann. Leider ergibt sich daraus ein Problem: Die Namen in den verschiedenen Sprachfassungen unterscheiden sich fast durch die Bank und die englische Vertonung weicht – mehr noch, als es beispielsweise in Final Fantasy X der Fall war – so sehr von den deutschen Texten ab, dass es manchmal sehr irritierend ist. Für O-Ton-Fanatiker steht übrigens erfreulicherweise die japanische Vertonung zur Auswahl – und das direkt auf der Disc.

In den meisten Aspekten wirkt Ni no Kuni II sehr ausgereift und bietet ein hohes Maß an Spielkomfort. An dieser Stelle müssen aber explizit die automatisch weiterspulenden, unvertonten Texte kritisiert werden, die wegen der winzigen Schrift oft nicht schnell genug zu lesen sind. Dies betrifft nicht die normalen Dialoge – für die gibt es nicht einmal eine Option zum automatischen Weiterspulen –, aber dennoch hätte ein solch offensichtlicher Makel definitiv spätestens bei der Qualitätskontrolle ausgemerzt werden müssen.

Ein bezauberndes Märchen

»Ni no Kuni II bietet ein außerordentlich umfangreiches und motivierendes Rollenspiel-Erlebnis der alten Schule. Zwar ist es spielerisch fast durchgängig anspruchslos und wiederholt sich in einigen Aspekten, doch die verschiedenen Spielsysteme machen alle sehr viel Spaß. Die Geschichte mit ihrer interessanten Prämisse ist in der Umsetzung weder ambitioniert noch überraschend, doch der einzigartige Charme wiegt diesen Umstand etwas auf. Letztlich ist Ni no Kuni II genau das, was es sein will: Ein bezauberndes Märchen.«

 

Ein Abenteuer voller Charme und Magie.

Charmante Geschichte über einen kleinen König, die Gründung eines Königreichs und die Einung aller Nationen. Sehr liebevoll erzählt, aber kann sich durch die fetchquestlastige Struktur nicht gänzlich entfalten.
Flotte Kämpfe und zahlreiche Nebenaktivitäten sorgen für ein äußerst kurzweiliges, wenn auch sehr anspruchsloses Spielerlebnis, in dem sich ähnliche Inhalte vielfach wiederholen. Königreich-Simulation mit Suchtpotenzial.
Wunderschöne Städte und bezaubernde Anime-Charaktermodelle machen Ni no Kuni II zu einem der schönsten japanischen Spiele auf PS4. Umgebungsgrafik realistischer als beim malerischen Vorgänger.
Joe Hisaishi zaubert einen weiteren gelungenen Orchester-Soundtrack. Erstklassige englische Vertonung.
Die kreativen Lokalisierungen sind eine große Freude, allerdings mit eklatanten Abweichungen unter den verschiedenen Sprachfassungen. Etwa 25-30 Stunden Hauptgeschichte, mit allen Nebenaufgaben gut 70-90 Stunden.