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Im Test! Botanicula

Der Publisher von Botanicula dürfte dem ein oder anderen noch ein Begriff sein. Kürzlich hatten wir ein Review zu Deponia aus dem Hause Daedalic Entertainment veröffentlicht. Neben eigenen Produkten, wie Edna bricht aus oder Harveys neue Augen, publisht Daedalic neben Machinarium, Tales of Monkey Island und Torchlight II nun auch Botanicula. Wir finden dieses Line-Up so beeindruckend, dass wir uns nicht einmal genau sicher sind, ob „publisht“ ein legitimes Wort ist und wann der unweigerliche Tippfehler im Publishernamen auftreten wird (dieses A und E am Anfang ist auch einfach nur verflixt).

Schwarze Spinnen zerstören das Leben des Baumes

Botanicula wurde von Amanita Design (viele A’s und nur ein E, so loben wir uns das) entwickelt, einer Spieleschmiede aus der Tschechischen Republik. Amanita kann auf ganz besondere Games zurückblicken, u.a. Machinarium und Samorost 1 und 2. All diesen Spielen ist gemeinsam, dass mit minimalistischen Mitteln erzählt wird und man explorativ die Welt in einem Point-and-Click Adventure erkundet. Demselben Muster folgt nun Botanicula und wir berichten euch, ob die Schuhe zu groß für das Spiel ware, oder ob aus dem Keim einer Idee ein gewaltiger Baum erwachsen ist, den so schnell niemand umstürzen wird.

Nicht nur der Mana-Baum ist etwas Besonderes

Was es in dieser Umgebung wohl alles zu entdecken gibt?

Den von Amanita Design entwickelten Baum „Botanicula“ wird niemand so schnell umwerfen, da das Spiel phantastisch ist. So, das war das Review. Natürlich nicht.

Ihr merkt sicher schon, dass das Review mit viel Humor angereichert ist; dies passt sehr gut zu Botanicula, doch wir wollen uns zuerst der Story widmen. Wobei hier gleich gesagt sei: Es ist empfehlenswert, sich so frisch, neu und spoilerfrei wie möglich zu halten, auch wenn es kaum etwas zu spoilern gibt. Botanicula erzählt die Story so charmant ohne Worte, dass es viel interessanter ist, blauäugig an das Spiel heranzugehen. Wenn ihr das wollt, überspringt einfach den folgenden Absatz und husch husch zum Nächsten!

Für alle, die jetzt noch da sind, sei gesagt, dass Botanicula auf einem ganz besonderen Baum spielt. Eventuell sind alle Bäume im Spiel besonders, aber egal. Jedoch wird dieser Baum von schwarzen, spinnenartigen Wesen angegriffen, die sein Leben aussaugen. Gut, solche Achtbeiner müssen auch essen und überleben, Nahrungskette und so, dennoch werden sie im Spiel eher als die Bösewichte dargestellt. Der Baum droht zu sterben, doch da gruppieren sich unsere fünf Helden und schmieden den Plan, einen Samen des Baumes nach unten zu tragen und in fruchtbarer Erde kurzerhand einen neuen Baum zu gründen. Diese überaus liberale Einstellung, den Spinnenwesen ihr Futter zu lassen und einfach weiterzuziehen, wird das ganze Spiel hindurch verfolgt.

Fünf knuffige Freunde auf ihrer Reise

Ihr spielt Mr. Lantern, eine Art blätterner Hohlkopf, Mr. Poppy Head, eine Art Blatt, Mr. Feather, eine fliegende Feder oder so, Mr. Twig, ein Zweig und last but not least Mrs. Mushroom, eine waschechte Pilzin. Ihr steuert die fünf nicht direkt, sondern wechselt zum Beispiel Bildschirme oder Ebenen anhand von angezeigten Pfeilen. Mit der Umgebung interagiert ihr nur mit der linken Maustaste. Ihr klickt, klickt nochmal, klickt nochmal, klickt und haltet und zieht, stößt an, schwebt über Gegenständen und so weiter. Die kreative Anwendung dieser simplen Steuerung in zahlreichen, abwechslungsreichen Situationen ist einfach erstaunlich. Ihr werdet eure Maus wohl nachher mit ganz anderen Augen betrachten. Findet ihr interessante Gegenstände, wandern sie schnurstracks in euer bescheidenes Inventar, in dem auch derzeitige zu suchenden Gegenstände angezeigt werden.

Hab ich die falsche Pflanze inhaliert oder…?

Pff, GPS. Wir haben ein Blatt und einen Sonnenstrahl

Die Umgebung als „Umgebung“ zu betiteln verdient 20 Peitschenhiebe mit PlayStation 3- und Xbox 360-Controllerkabeln. Der Baum im Spiel, jeder einzelne Bildschirm, jedes einzelne Lebewesen, sehen einfach nur unglaublich phantastisch aus. Die Menge an Kreativität, die Amanita Design in alle der vielen, vielen besuchbaren Orte gesteckt hat, ist kaum zu fassen. Das ist kein schnöder Baum, das ist ein riesiges, pulsierendes, stark bewohntes, wunderschönes Lebewesen.

Auf ausnahmslos jeden Bildschirm bewegt sich etwas im Wind, kriecht herum, leuchtet, blinkt und alles so harmonisch zusammengefügt, dass man kaum weitergehen will, einfach, um an diesem Ort zu verharren. Durch Klickaktionen werden Objekte oder Lebewesen zu Aktionen animiert, die nicht immer zur Lösung der derzeitigen Lage beitragen, sondern manchmal einfach nur unterhaltsam sind. Vielleicht mag euch dieser Absatz über die tolle Umgebung und Belebtheit dieser zu viel Schwärmerei vorkommen, aber wer so viel Liebe und Detail in scheinbar simple Sachen steckt, verdient solch einen Absatz. Ihr erkundet keinen Baum, sondern einen lebendig gewordenen Traum.

Ich glaub da piept’s, pfeift’s und keucht’s!

Kommen wir zum Sound. Jeglicher Soundeffekt besteht hauptsächlich aus von Menschen erzeugten Geräuschen. Tritt irgendwo Luft aus, hören wir ein fffffffffffffffffff, freut sich unsere Gruppe, ein einfach unglaublich süßes Hurrrrrra!, Bienen bzzzzz`en durch die Gegend und so weiter. Die Wahl, den Sound mit menschlichen Stimmen nachzumachen, und dies dabei so gut und ebenfalls charmant hinzubekommen, passt wunderbar zur optischen Gestaltung des Baumes. Die Musik des Spiels stammt von DVA. Stellt euch einfach eine Mischung aus Sigur Rós, Weezer und jeglichen Glücksgefühlen, die euch einfallen, vor. Der Soundtrack trägt viel zur Atmosphäre des Spiels bei und Amanita Design hätte niemand Besseres für den Job finden können als DVA. Verspielte, träumerische, bedrohliche musikalische Untermalung bringen euch immer in die richtige Stimmung.

Kein Adventure ohne Puzzles

Ohje, wie kommen wir bloß an dem Ding vorbei?

Puzzles sind der Kern eines Adventures und auch hier glänzt Botanicula. Jegliches Fehlen von Befehlen wie Benutze, Öffne usw. stören nicht, sondern lassen das Puzzeln in Botanicula zu einer wahren Entdeckungsreise voller Staunen werden. Sind die Puzzle zu Anfang natürlich noch simpler, werden diese immer kniffliger, bis man am Ende fast schon verzweifelt teilweise…aber dennoch nie aufgeben will, da das Spiel einen immer im Bann seines Charmes hält. Frustmomente wird es nie geben, alles ist logisch, gut durchdacht und viele Aktionen, seien sie sinnvoll oder sinnlos bezüglich Lösung des Spiels, bringen auch die hartgesottensten unter uns zum herzhaften Lachen. Blätter dienen uns zudem als Karten für weitläufigere Umgebungen und viele Tiere lassen sich als Karten zum späteren Betrachten sammeln.

Grünes Licht für ein geniales Spiel

Was Amanita Design hier auf die Beine gestellt und tief im Boden wurzeln hat lassen, ist ein außergewöhnliches und überaus beachtenswertes Spiel. Schande, Pech und Schwefel über jeden, der sich nun zumindest nicht einmal einen Trailer des Spiels ansieht! Das Spiel ist in Sachen Storyerzählweise, Musik, Soundeffekte, Design, Kreativität und Steuerung nicht nur überaus herausragend, sondern teilweise auch wegweisend. Denn genau so etwas wollen wir in Zukunft wieder sehen: Spieleentwickler, die einfach mit ihrem ganzen Herzblut ein tolles Produkt, nicht des Geldes wegen (okay, wohl doch etwas), aber der Liebe zum Spiel wegen abliefern. Ein Produkt, das die ganze Familie spielen kann und jeder hat etwas davon. Ein Produkt, das man einfach noch einmal spielen will, um wieder in diese Welt eintauchen zu dürfen.

Wir sparen uns diesmal eine Aufteilung und Einzelbewertung von Story, Gameplay und so weiter. Alles bekommt 10 Sterne. Lediglich ist das Spiel leider mit einigen Spielstunden etwas kurz, wenn auch dafür preisgünstig anschaffbar, und leider kann man nach Beendigung des Spiels den Baum nicht mehr besuchen, auch, wenn man das gerne würde. Ein Free Roaming Modus wäre bei solch einer tollen Umgebungsgestaltung sehr schön gewesen. Deshalb „bloß“ 9,5 Sterne.

von Alhym