Einer der beiden Hauptcharaktere im Kampf gegen einen Roboter
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Im Test! Binary Domain

Mit „Binary Domain“ wagt sich SEGA an ein Genre, was ausnahmslos vom Westen dominiert wird: Den Third-Person-Shooter! Namen wie „Gears of War“ oder „Mass Effect“ sind jedem Gamer ein Begriff – „Quantum Theory“ hingegen kennt so gut wie niemand. Warum auch? Das japanische Pendant zu Gears of War aus dem Hause Tecmo Koei ging Ende 2010 mit Pauken und Trompeten unter (Metascore: 38-43%). Doch davon lässt sich der Konzern rund um den blauen Igel nicht beirren und versucht in diesem Jahr sein eigenes Pendant an den Mann zu bringen. Inwieweit das geklappt hat erfahrt ihr jetzt!

Go, go, go!!

Die Handlung von „Binary Domain“ klingt zu Beginn des Spiels wenig vielversprechend. Ihr schlüpft in die Rolle des Amerikaners Dan Marshall, der zusammen mit seinem Squad, der sogenannten Rost Crew den Amada Roboter-Konzern infiltrieren soll. Ziel des ganzen Unterfanges ist es, den Kopf des Konzerns, Yoji Amada, festzunehmen, der mit seinen Robotern ganz offensichtlich gegen den 21. Paragraphen der neuen Genfer Konvention verstoßen hat: Den Bau von Seelenlosen.

Bei den Seelenlosen handelt es sich um Roboter mit Emotionen, die selbst gar nicht wissen, dass sie keine Menschen sind. Blasphemie in den Augen der Amerikaner. Und so erhaltet ihr zusätzlich den Befehl, sämtliche Seelenlose zu liquideren. Entgegen aller Erwartungen ist die Handlung komplexer und tiefsinniger als man zunächst denken könnte. Um ehrlich zu sein ist sie sogar eines der Highlights von „Binary Domain“ und das obwohl sie von äußerst blassen und klischeebehafteten Charakteren getragen wird. Denn abgesehen von Caine, einem französischen Roboter (mit passenden Akzent), wird man sich im Nachhinein an keinen der austauschbaren Protagonisten wirklich erinnern können, was zum Teil auch daran liegt, dass deren Hintergründe so gut wie gar nicht beleuchtet werden.

Zumindest Hauptcharakter Dan bekommt ein ein paar Flashbacks spendiert, die aber bis zum Ende hin wenig aufklärend sind. Umso schlimmer ist es eigentlich, dass Caine im Laufe der Handlung ohne Erklärung einfach verschwindet und auch nicht mehr auftaucht. So fällt es letztendlich auch ziemlich schwer, eine emotionale Bindung zu den Charakteren aufzubauen, was zur Folge hat, dass die emotionalen Parts von „Binary Domain“ uns relativ kalt lassen und das, obwohl sie gar nicht schlecht geschrieben sind.

Einer der beiden Hauptcharaktere im Kampf gegen einen Roboter
Ab durch die Mitte!

Natürlich ist auch die Handlung von „Binary Domain“ nicht komplett klischeefrei und beinhaltet so manche Szene, die man unter aller Garantie schon einmal in einem Film gesehen hat – dummerweise nur meist besser. Denn so kreativ die Handlung auch prinzipiell sein mag, so bescheiden wurde sie doch teilweise verpackt und präsentiert. Ohne Frage muss man sagen, dass das Spiel einige denkwürdige Szenen beinhaltet – doch auf der anderen Seite der Medaille gibt es auch eine Menge Schatten wie beispielsweise die Dialoge, welche zwischen „gewollt cool“ und „ziemlich peinlich“ qualitativ hin und her schwanken. Und das ist wiederum ziemlich schade, denn das Potenzial zu etwas ganz Großem wäre handlungstechnisch und auch Emotional im Bereich des Möglichen gewesen.

Ich wage sogar zu behaupten das mit etwas mehr Fokus auf die Handlung und der im Prinzip genialen Idee durchaus philosophische Tendenzen eines Metal Gears erreicht hätten werden können. In seiner jetzigen und endgültigen Form gehen diese wunderbaren Ansätze aber leider im Actionpart fast vollkommen unter und verschwenden so eine Unmenge Potenzial!

Optisch hat man sich farbtechnisch auf jeden Fall kein Bein ausgerissen, so kann man „Binary Domain“ auch getrost als Traum in Grau bezeichnen, denn selten wird euch ein Spiel mit weniger Farbvielfalt begegnen. Ob nun auf der Straße, in einem Labor oder auch der Kanalisation – die Zukunft ist grau! Auch die Protagonisten der Rost Crew haben sich diesem scheinbaren Modetrend unterworfen und tragen, wie sollte es auch anders sein, grau! Einziger Hoffnungsschimmer sind eure Feinde, welche neben strahlendem Weiß auch mal etwas buntere Farben präsentieren.

Na dann mal los...

Manche Gegner sind rot und manche sind grün! Und was macht ihr mit diesen? Genau, ihr verwandelt sie in graue Klumpen Metall. Ähnlich eintönig ist auch das Leveldesign, das im Grunde ein einziger riesiger Schlauch ist. Hin und wieder betretet ihr zwar auch ein etwas größer ausgefallenes Areal, aber das dient ihr erster Linie nicht euch, sondern den abnorm großen Bossgegnern. Für die normalen Standardgegner gibt es meist nur eine möglich Route und zwar direkt auf sie zu! Ein paar alternative Wege wären definitiv schön gewesen, denn so spielen sich fast alle Feuergefechte gleich: Ihr auf der einen Seite und die Gegner exakt auf der anderen.

Die Wege sind dabei teilweise so eng, dass schon Platzmangel entsteht. Praktisch für Granaten – unpraktisch für ein abwechslungsreiches Kriegserlebnis. Wobei man ja an dieser Stelle zugeben muss, dass die engen Wege auch ihre atmosphärischen Vorteile haben, denn so wird manch ein Feuergefecht bei einer besonders großen Anzahl Gegner sehr intensiv. Was nicht zuletzt an dem wohl größten Highlight von „Binary Domain“ liegt, dem Treffer-Feedback der Feinde!

Wer schon immer mal seine Feinde so richtig zerlegen wollte, der kann dies hier wortwörtlich tun, denn die feindlich gesinnten Roboter zerbersten unter heftigen Beschuss regelrecht! Arme, Beine, Panzerung und auch Köpfe werden in Stücke gerissen – das sieht nicht nur sehr schön aus, nein, es lässt die Kämpfe auch sehr dynamisch wirken. Da es sich ja bei euren Feinden um Maschinen handelt sind abgeschossene Arme und Beine nicht unbedingt ein Problem und so versuchen euch die Roboter in bester Terminator-Manier den Gar aus zumachen, sprich sie kriechen auch ohne Beine noch auf euch zu und versuchen euch zu schaden.

Dabei bekommt ihr es im Verlauf der Handlung mit den unterschiedlichsten Roboter-Typen zu tun. Manche sind besonders schnell, andere treten nur in einer Horde auf und andere stecken besonders viel ein. In der Regel habt ihr es aber mit einer Mischung aus den verschieden Feindes-Typen zutun, was der Logik nach ein gewisses Maß an Taktik erfordert und dieses hält mit dem Dialog-System Einzug. Per Knopfdruck könnt ihr so vier verschiedene Befehle an eure Kameraden übermitteln.

Cover Me!

Wie gut der gewünschte Befehl ausgeführt wird hängt allerdings davon ab, wie loyal eure Teammitglieder sind. Schießt ihr ihnen beispielsweise während eines Gefechts in den Rücken, so dürft ihr euch nicht nur Hasstiraden anhören, sondern müsst auch damit Leben, dass der Loyalitätswert euch gegenüber sinkt. Bedauerlicherweise ist die KI eurer Mistreiter alles andere als intelligent, sodass ihr des öfteren völlig unbeabsichtigt den „Verräter“ spielt. Zugegebenermaßen ist das allerdings kein Verlust, denn ein Großteil aller Befehle wird ohnehin nicht nach eurer Vorstellung ausgeführt. Genau genommen könnt ihr überhaupt froh sein, wenn sich etwas tut, denn hin und wieder stehen eure ach so treuen Kameraden auch völlig teilnahmslos am Rand und beobachten still wie ihr beschossen werdet.

Wer im Übrigen über ein PS3/X360-taugliches Headset verfügt kann die verschiedenen Befehle auch durch seine eigene Stimme ausführen. Abgesehen von Befehlen auf dem Schlachtfeld wird das Dialog-System auch für ganz normale Gespräche genutzt. So werdet ihr im Spielverlauf immer wieder etwas von euren Teamkameraden gefragt, worauf ihr unterschiedlich antworten könnt. Je nachdem wie nett ihr gewesen seid erhöht sich dann die Loyalität beidem jeweiligen Mitstreiter. Die Idee mit den Dialogen ist allerdings besser gemeint, als sie tatsächlich ist, denn ein nicht unerheblicher Teil aller Dialoge wirkt erzwungen oder unpassend. So werdet ihr beispielsweise nach einer Schlacht gefragt, ob ihr den gerne lest? Genauso merkwürdig ist die Möglichkeit auf die Frage „Du weiß wo wir hin müssen, oder?“ mit „Großartig!“ zu antworten. Hinzu kommt, dass eure Antworten nicht vertont sind, was irgendwie inkonsequent wirkt, denn der gesamte Rest des Spiels verfügt über Sprachausgabe. Apropos Sprachausgabe…

Die Qualität der Synchronisation schwankt, wie auch schon die Dialoge, gewaltig und zerstört viel von der ansonsten guten Atmosphäre. Die deutschen Sprecher sind „okay“, aber „okay“ reicht nun mal nicht mehr. Vor allem wenn man bedenkt, wie hervorragend manch ein Spiel heutzutage auch auf Deutsch synchronisiert wird. Ein interessanter Kniff war es im Übrigen, die japanischen Darsteller in der internationalen Fassung auch weiterhin japanisch sprechen zu lassen (mit deutschen Untertitel) – so wirkt das Gesamtbild deutlich authentischer.

Weniger authentisch wirkt es dagegen, dass scheinbar der gesamte Rest der Welt deutsch sprechen kann. So sprechen selbst der französische Roboter, als auch das chinesische Crewmitglied ein perfektes Hochdeutsch. Wo wir schon beim Thema Akustik sind, können wir auch gleich den Soundtrack erwähnen, welcher zwar „vorhanden“ ist, aber so unterschwellig präsentiert wird, dass man sich nach dem Spiel fragt, ob es überhaupt ein gegeben hat?

Was versucht er uns zu sagen?

Zum Schluss sollte man noch den Onlinepart von „Binary Domain“ erwähnen, welcher neben den obligatorischen Multiplayermodi (Deathmatch und so weiter), auch einen Modus mit sich bringt, der Inversion heißt und daraus besteht, dass man sich Welle für Welle Robotern erwehren muss. Einziges Ziel: Überleben! An sich bietet der Onlinepart also nichts Neues, kann aber durchaus Spaß machen, wenn da nicht ein folgenschweres Problem wäre. Kaum jemand das Spiel online! So werdet ihr in den Online-Lobbys die meiste Zeit eine gähnende Leere vorfinden, die es euch fast unmöglich macht, ein anständiges Match auf die Beine zu stellen. Selbst die verzweifelte Schnellsuche fördert nur die Erkenntnis zu Tage, dass dieses Spiel von so gut wie niemanden gespielt wird.

Alles in Allem ist „Binary Domain“ aber besser als gedacht und trumpft mit einer sehr interessanten, wenn auch (zu) wenig genutzten Thematik auf! Wer auf Action im Stil von „Gears of War“ steht,wird sich sofort heimisch fühlen, da die Steuerungsmechanismen quasi 1 zu 1 aus bekannten Third-Person-Shootern aus dem Westen übernommen wurden. Das Spiel bietet zwar deutlich weniger „Epic“, aber dafür bekommt man ein bisher einmaliges Treffer-Feedback seiner Feinde geboten, dass einem sicherlich, wie auch manch eine Szene, im Gedächtnis bleiben wird.

Dementsprechend kann man „Binary Domain“ auch nur als einen gelungenen Versuch Japans auf fremden Boden zu landen bezeichnen. Technisch wäre zwar bei weitem mehr drin gewesen (die Wassereffekte sind wirklich furchtbar), aber was nicht ist, kann ja noch werden. In diesem Sinne sollte man dieses Spiel mehr als einen ersten Testlauf betrachten, der im zweiten Anlauf durchaus das Potenzial hätte, zu den ganz Großen zu gehören.

Story: Verschenkt eine menge Potenzial, ist aber nichtsdestotrotz ein Hingucker!

Gameplay: Die Steuerung ist etwas schwammig, aber ansonsten hat man den Westen hervorragend kopiert. Das Deckungssystem ist auch nach all den Jahren eine Klasse für sich.

Grafik: Alles andere als schön, aber sie geht in Ordnung – wären da nicht überall diese Grautöne! Das Highlight ist wie gesagt das Verhalten der Gegner auf Treffer!

Soundtrack: Völlig belanglos, wenn auch nicht nervend.

Sonstiges: Sechs Kapitel bieten eine durchschnittliche Spielzeit von gut 8+ Stunden! Den Onlinemodus kann man aufgrund fehlender Mitspieler leider fast komplett vergessen.

 

von Nero