Import Test! Rhythm Thief R

Seit gut einem Monat ist Segas Musik-Layton-Klon nun schon in Japan erhältlich. In Kürze auch in Europa. Wir haben uns die japanische Version schon einmal angesehen!

Nach fünf Teilen Professor Layton gibt es mittlerweile auch einige Nachahmer wie Konamis Doktor Lautrec oder Treasure Report von Namco. Doch keines scheint den Millionenerfolg von Layton auch nur ansatzweise wiederholen zu können. Das gelang zwar auch Segas Rhythm Thief R nicht, doch hat es beim japanischen Publikum einen besseren Eindruck hinterlassen als die anderen beiden Beispiele, was einerseits der Demo im eShop zu verdanken sein sollte, aber auch dem Wechsel von Rätseln zu Musik.

Professor Layton: Ein Genrestifter

Mit A springen und mit B sliden.

Wir erinnern uns, Professor Layton benutzt das Point&Click-Adventure als Gerüst für eine mit Anime-Optik und Sprachausgabe erzählte Geschichte, deren eigentliches Spiel aus einer Sammlung von für sich stehenden Knobelrätseln besteht. Das macht Layton auch wirklich gut, wozu also einen Nachahmer? Einerseits gibt es sicher ein Publikum, das gerne mehr anime-artige Spiele in dieser Form erleben will. Rhythm Thief R ersetzt außerdem die Rätsel durch Rhythmusspiele im Stil von Segas älteren Klassikern des Genres wie Space Channel 5 oder Samba de Amigo, die sich aber anders als die Layton-Rätsel auch fast alle sinnvoll in die Story einfügen und auch größtenteils verpflichtend zu lösen sind.

Der groovende Meisterdieb

Hier wird Hund Fondue mit Fleisch gefüttert.

Ähnlich wie bei Layton liegt der Reiz in der Abwechslung: Auch wenn einige der enthaltenen Rhythmusspiele „nur“ schwerere Fortsetzungen vorhergehender Spiele sind, mit knapp 50 einzelnen Spielen, davon etwa die Hälfte mit eigenständiger Spielmechanik und Steuerung, hat man immer wieder neue Herausforderungen. Allen gemein ist der Tension-Balken, der in Einheiten von E bis A reicht. Man beginnt bei E und füllt den Balken mit erfolgreich getimeten Moves langsam bis auf A, die Bestnote. Verpasst man seinen Einsatz, wird er aber deutlich schneller auch wieder geleert. Entleert er sich völlig, muss das Spiel wiederholt werden. Also immer im Rhythmus bleiben und die nötige Spannung beim Publikum aufbauen. Wird die Spannung gefährlich niedrig, beginnt das Bild zu kriseln, als stünde das Spiel kurz vor der Absetzung.

Mit dem Gyro-Sensor ausweichen.

Die Steuerung variiert hingegen, manchmal steuert man mit Touchpen-Streichbewegungen oder Antippen, manchmal mit Knöpfen, oder auch durch Neigen der 3DS-Konsole, je nachdem, was man im jeweiligen Spiel tun muss. Zum Tanzen passt natürlich der Touchpen, mit dem man in die verschiedene Richtungen Striche zeichnet oder auch einen Kreis malt für eine Pirouette. Beim Springen über Dächer hüpft man mit dem A-Knopf und rutscht mit B unter Hindernissen hindurch. In Kämpfen boxt man mit dem links gelegenen Steuerkreuz und dem rechts gelegenen A-Knopf in verschiedene Richtung oder schießt ebenso mit den R- und L-Tasten nach rechts und links.

Wenn man sich hinter Statuen mit der passenden Pose verstecken muss, kann man diese einfach durch Antippen auf dem unteren Touchscreen auswählen. Und in wieder anderen Spielen kann man sich durch Neigen des 3DS zur Seite wenden oder ducken, um Angriffen zu entgehen. Tatsächlich gibt es noch viele Varianten mehr und durch leichte Änderung in der Steuerung oder der Aufgabenstellung werden selbst bekannte Situationen wieder völlig neu. Dabei ist jedes Spiel für sich einfach zu verstehen und der Erfolg vor allem vom Rhythmusgefühl abhängig.

Die richtige Pose auswählen.

Eine besondere Attraktion für Fans ist natürlich die Rahmenhandlung, in der wir in Anime-Optik als Meisterdieb R Paris erkunden. Dieses Alterego von Ralf, der wie Clark Kent nur seine Brille abnehmen und sein Kostüm, einen schicken dunklen Anzug mit Hut und roter Krawatte, anziehen muss, um nicht mehr erkannt zu werden, hat seinen ganz besonderen Grund, warum er des Nachts Kunstschätze aus dem Louvre raubt und deswegen die Pariser Polizei an den Hacken hat. Begleitet wird er dabei von seinem treuen Hund Fondue. Bei seinen Raubzügen gerät er an eine Gruppe teuflischer Ritter, angeführt von einem Imperator, der behauptet, der wahrhaftige Napoleon zu sein. Auch freundet er sich mit der blonden Violinistin Maria an und schafft sich einen gleichaltrigen Rivalen mit Detektiv Claude.

Das Ganze wird uns diesmal, wie schon bei Doktor Lautrec und Layton 5 (noch nicht im Westen erschienen), in 3D präsentiert. Auf dem oberen Bildschirm gibt es eine 3D-Ansicht der Stadt oder der Gebäude, über die sich R mit dem Richtungspad durch die Straßen und Zimmer bewegen kann. Auf dem unteren sieht man in einzelnen bildschirmgroßen Ansichten den jeweiligen Ort, an dem sich R gerade befindet und kann dort mit Charakteren reden und Geräusche mit einem Rekorder aufzeichnen.

Mit Maria und Touchpen: Violine streichen.

Man kennt das ja aus klassischen Adventures, dass man sich ein Inventar von Gegenständen aufbaut, die am einen Ort aufgesammelt werden, um sie dann einem anderen zur Rätsellösung anzuwenden. In Rhythm Thief R besteht das Inventar aus Geräuschen. Ein Beispiel für deren Anwendung: Einmal blockiert ein schmächtiger Polizist namens Erik den Weg und R muss sich überlegen, wie er an ihm vorbeikommt. Erik hat offenbar Angst vor Bulldoggen, da er lieber nicht der älteren Dame helfen will, ihren entlaufenen Hund zu suchen. Also kann sich R selbst auf den Weg machen, die Dogge zu suchen und mit ihrem aufgenommenen Kläffen dann später den ängstlichen Erik zu verjagen.

Auch sollte man natürlich wie in Layton auf dem unteren Bildschirm alles antippen, was nur geht, um Münzen, CDs oder Fetzen eines Notenblatts zu finden. Die CDs schalten im Soundmenü Stücke des Soundtracks frei, der von zum Schauplatz Paris passender lokaler Musik über Jazz, Funk und Soul bis hin zu Hip Hop und Elektro reicht. Auch Notenblatt wie Geräuschsammlung lohnen sich zu vervollständigen, um damit zusätzliche Kapitel freizuschalten.

Sowohl der Guide wie die anderen Tänzer zeigen, was zu tun ist. Kreis und Rhythmus, wann.

Mit den Münzen kann man sich hilfreiche Items für die Rhythmusspiele kaufen, falls eines mal einfach unbezwingbar erscheint. Anders als die ebenso zu erwerbenden Hinweise bei Layton müssen die Hilfsitems bei einem trotzdem misslungenem Versuch aber erneut gekauft werden, dafür gibt es je nach Preis unterschiedliche Effekte. So kann man entweder den Tension-Balken schneller füllen lassen oder ihn vor zu schneller Abnahme bei falschem Timing schützen. Auch ein kleiner Schub zur Rettung beim Sinken auf Null ist im Angebot. Mit einem Item kann man sogar den umgekehrten Effekt herbeiführen und sich eine besondere Herausforderung auferlegen: Dann ist das Spiel schon beim ersten Fehler verloren.

Ganz ohne Rätsel kommt ein Adventure natürlich nicht aus. Wie oben bereits erwähnt, nimmt man Geräusche auf und spielt sie wieder ab, um Rätsel zu lösen. Allerdings ist der Pfad zum nächsten Aktionsort immer schon rot markiert, sodass diese Rätsel keine wirkliche Herausforderung darstellen. Das Spiel führt einen dahingehend ziemlich an der Hand und ist eher linear, mit kleinen optionalen Ablenkungen auf dem Weg. Es gibt aber noch eine Art von Musikrätseln, in denen man z. B. mit Rhythmusgefühl ausgefallene Schlösser knacken muss. Dabei gilt es meist, gut zuzuhören und Töne nachzuspielen oder Tonfolgen zu vervollständigen. Auch andere musik- und rhythmusbasierte Rätsel gilt es zu lösen.

2 Fenster in die Spielwelt: eins 3D, eins Touch

Die Animesequenzen sind ebenfalls auf dem oberen Bildschirm in 3D dargestellt, was im ersten Moment keine gute Mischung zu sein scheint, da die Zeichnungen natürlich platt sind. Aber schon etwas Tiefenunterscheidung in den Ebenen, in denen die Charaktere stehen, sorgt bereits für einen realistischeren Eindruck. Auch macht sich die mittlerweile verbreitete Vermischung von 2D-Handzeichnungen und in deren Stil gerenderter 3D-Grafik bezahlt, wodurch die Hintergründe sehr plastisch und dementsprechend beeindruckend aussehen. Die Figuren hingegen sind nur in den ebenfalls auf dem oberen Schirm dargestellten Rhythmusspielen plastisch, wenn sie nicht handgezeichnet sind, sondern in Spielegrafik in Echtzeit gerendert werden.

Auch Fußballduelle gibt es.

Die meiste Zeit über liest man aber Dialoge auf dem unteren Touchscreen oder interagiert dort mit den Umgebungen. Wer die 3D-Darstellung eher ermüdend oder anstrengend für die Augen empfindet, wird daher sehr geschont. In den gelegentlichen Rhythmusspielen ist sie aber doch wieder hilfreich, wenn z. B. Gegner im Rhythmus aus dem Hintergrund angelaufen kommen und man sie boxen muss, gerade wenn sie in Reichweite sind. Sowieso ergeben Grafik und Musik eine perfekte Symbiose und man kann fast jedes Spiel nur durch Beobachten der Grafik und durch Hören des Rhythmus der Musik schaffen. Trotzdem gibt es einen (abschaltbaren) Guide, der zeigt, welchen Knopf man drücken oder welche Bewegung man ausführen muss, sobald ein enger werdende Kreis sich um ihn herum geschlossen hat. Aber gerade, wenn man zwei Seiten koordinieren muss, ist es manchmal einfacher, der Grafik im Gesamten zu folgen, als zwei Guides auf zwei gegenüberliegenden Seiten gleichzeitig im Auge zu behalten.

Jedenfalls hat man dank Guide und Items viele Möglichkeiten, den Schwierigkeitsgrad für sich individuell nach unten oder oben anzupassen. Auch der Wiederspielwert ist sehr hoch: Bis man alle Spiele mit Bestwertung abgeschlossen hat, wird viel Zeit vergehen. Doch es lohnt sich, da auch dadurch ein weiteres Kapitel nach Abschluss der eigentlichen Geschichte freigeschaltet wird.

Die Story

Ayame Gōriki und Maria, ihre Rolle in Rhythm Thief R

Ähnlich wie Layton hat die Story den europäischen Flair, der auf Japaner exotisch wirkt und ihnen das Gefühl gibt, auf eine Reise in die Ferne gegangen zu sein. Auch für den westlichen Spieler sind die Anime-Interpretationen unserer Länder exotisch und irgendwie an einer unwirklichen Vergangenheit orientiert. Statt London und England scheinen die Layton-Nachahmer aber Paris und Frankreich zu favorisieren, so auch Rhythm Thief R.

Ebenso ist die Story actiongeladen und apokalyptisch fantastisch, worin sie dem dritten Teil von Layton in nichts nachsteht. Die Layton-Formel ist tatsächlich ebenso gut geeignet, Story und Musikspiel miteinander zu verbinden wie mit Knobelrätseln. Die Charaktere sind sympathisch bis diabolisch und die Sprecher verleihen ihnen den nötigen emotionalen Tiefgang. Ayame Gōriki, die Sprecherin der weiblichen Hauptfigur Maria, hat angenehmerweise keine übertrieben hohe Quietschstimme und durfte ihre Ausstrahlung zu Promozwecken in einer vierseitigen Fotostrecke des japanischen Videospielmagazins Famitsu demonstrieren. In Vor- und Abspann gibt’s gefälligen Jpop: die in Japan bekannten Sängerinnen Miwa und AI steuern die Songs Clair De Lune und Story bei. Die Eingangspassage von Miwas Clair De Lune klingt etwas wie eine schnellere Version von Beautiful von Christina Aguilera, womit das Titellied passend zum Helden auch ein würdiger Rhythmusdieb ist.

Ein gehaltvolles musikalisches Abenteuer

Ein Spieldurchgang ist in etwa 10 bis 20 Stunden zu bewältigen, je nachdem, wie erfahren man mit Musikspielen bereits ist und wie komplett man die Spielwelt nach Nebenmissionen absucht. Dank freier Anwahl aller gefundenen Rhythmusspiele, drei Zusatzkapiteln mit zusätzlichen Rhythmusspielen, einem Endlosmodus für vier der verschiedenen Rhythmusspiele und diversen Multiplayermodi kann das Spiel aber auch über diese Spielzeit hinaus begeistern. Im Endlosmodus spielt man ein bestimmtes Spiel in Endlosschleife um Punkte, bis man dreimal einen Fehler macht. Der Tension-Balken wird hier also durch drei Lebenseinheiten ersetzt.

Mit Downloadplay kann man sich auch mit nur einem Modul mit anderen 3DS-Besitzern musikalisch messen und dank StreetPass kann man sich sein virtuelles Paris mit Abbildern auf der Straße passierter anderer Meisterdiebe bevölkern und dort mit ihnen um Highscores wetteifern. Wer den höheren Highscore erzielt, kann dann den anderen als seinen Fan zählen.

 

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Sound: Abwechslungsreich und perfekt produziert. Der Soundtrack ist zwar größtenteils instrumental, muss sich aber ansonsten kaum vor Nichtspielemusik verstecken. Natürlich auch der wichtigste Bestandteil eines Musikspiels, muss also stimmen und Sega geben sich hier keine Blöße.

Grafik: Natürlich gibt es Aufwendigeres als Zeichentrick und Celshading, aber die filmmäßige Inszenierung überzeugt und der Stil wird Fans auf jeden Fall ansprechen. Wer’s nicht mag, wird diese Sorte Spiel sowieso meiden. Guter Einsatz der 3D-Darstellung.

Story: Starke Charaktere und Dramaturgie. Nicht ganz so komplex wie Layton und ebenso wie Layton voller Anime-Klischees. Aber schön erzählt und actiongeladen. Auf keinen Fall langweilig.

Gameplay: Ein überzeugendes, wenn auch anspruchsloses Point&Click-Adventure als Rahmen mit äußerst abwechslungreichen Rhythmus-Minispielen als Kern. Der Schwierigkeitsgrad gründet sich eher auf Geschicklichkeit und steigert sich langsam aber stetig. Er fordert Anfänger wie Profis, für die es neben der Punktewertung auch noch einen Hardmode gibt.

Sonstiges: Gute Multiplayerfunktionen und Wiederspielwert. Der Umfang ist für ein Spiel dieser Sorte gut, aber manchen vielleicht zu kurz.

Rhythm Thief & der Schatz des Kaisers erscheint am 28.02.2012 in den USA und am 05.04.2012 in Deutschland. In Japan ist es seit dem 19.01.2012 erhältlich. Der Review basiert auf der japanischen Fassung. Einige der Namen werden in der deutschen Fassung geändert, beispielsweise heißt Ralf dort Raphael.

von Kay