Im Test! Ys VIII: Lacrimosa of Dana

Bereits seit Ys Seven befindet sich die Ys-Serie in einem Wandel: Vom konzentrierten Spielerlebnis der alten Teile, in denen man nur Adol spielt, hin zu einem...
Titel Ys VIII: Lacrimosa of Dana
Japan 21. Juli 2016
Nihon Falcom
Nordamerika 12. September 2017
NIS America
Europa 15. September 2017
NIS America
System PS4, Vita, PC
Getestet für PS4
Entwickler Nihon Falcom
Genres Action-RPG
Texte
 Nordamerika Frankreich
Vertonung  Nordamerika Japan

Bereits seit Ys Seven befindet sich die Ys-Serie in einem Wandel: Vom konzentrierten Spielerlebnis der alten Teile, in denen man nur Adol spielt, hin zu einem mehr und mehr klassischen RPG-Erlebnis mit einer ganzen Gruppe an spielbaren Hauptcharakteren, längeren Dialogen, mehr Zwischensequenzen und einem unbegrenzten Heilmittelvorrat in Kämpfen. Mehr Nebenaufgaben, mehr Micromanagement, größere Spielwelten, komplexere Spielsysteme – alles Aspekte, die Ys früher nie ausgemacht haben.

Als ich Ys Seven gespielt habe, war ich von diesen Änderungen an der bewährten Ys-Formel nicht sonderlich angetan. Ys VIII: Lacrimosa of Dana entfernt sich noch einen großen Schritt weiter von dem, was Ys mal war – umso erstaunlicher, dass es sich als das beste Spielerlebnis entpuppte, das ich mit der Serie hatte.

Gestrandet auf einer einsamen Insel

Die Prämisse von Ys VIII ist in dieser Form im JRPG-Bereich relativ unverbraucht: Adol und Dogi befinden sich mit einer Gruppe von Leuten auf einem Schiff, das in der Nähe der unter Seefahrern berüchtigten Insel Seiren von einem Seeungeheuer angegriffen und komplett zerstört wird. Adol wird am Strand angespült und stößt nach und nach auf andere Schiffbrüchige. Zusammen gründen die Überlebenden ein kleines Dorf, das zugleich als Basis für die Erkundung der gänzlich unerschlossenen Insel dient. Alle hoffen, auf diese Weise irgendwann einen Weg zu finden, von der komplett von der Außenwelt abgeschnittenen Insel zu entkommen.

Es ist ungewöhnlich, ein RPG zu spielen, das so auf einen Ort konzentriert ist – dazu noch einen, an dem es quasi keine lebendige Zivilisation gibt. Die Anzahl der Figuren ist entsprechend überschaubar – jeder NPC ist einzigartig und Statisten gibt es keine.

Das Konzept, eine unerschlossene Insel zu erkunden, klingt nicht nur in der Theorie ansprechend: Ys VIII lebt mehr als jedes andere Spiel der Serie von dem Erkundungsaspekt. Nicht nur storybedingt schlägt man sich mit Adol und seinen Freunden durch die Wildnis: Es gibt auch optionale Gebiete. Belohnt wird das Erkunden durch Schätze, Sehenswürdigkeiten und sogenannte Harvest Points, an denen man Essen und Materialien sammeln kann. Für jede erkundeten 10 Prozent der Welt gibt es zudem noch eine Extra-Belohnung. In der Wildnis findet man hin und wieder auch einen gestrandeten Schiffbrüchigen, aber abgesehen davon gibt es keine NPCs in der Welt, nur Monster.

»Ys VIII lebt mehr als jedes andere Spiel der Serie von dem Erkundungsaspekt.«

Je mehr NPCs ihr rettet, umso lebendiger wird das Dorf. Die NPCs bauen ihre eigenen Läden auf und haben hin und wieder auch Aufträge für Adol. Diese „Requests“ sind klassische Nebenaufgaben, die jedoch abwechslungsreich gestaltet sind und von der typischen Fetchquest über Erkundungstouren bis hin zu Eskortmissionen rangieren. Das Beste: Jede Nebenaufgabe erzählt eine kleine Geschichte und dient dazu, die Persönlichkeit des Auftraggebers zu vertiefen, weshalb man am Ende tatsächlich das Gefühl hat, die mehr als 20 Nebenfiguren im Dorf zu kennen.

Während die eigentliche Hauptgeschichte zunächst nicht über das „Gestrandet“-Konzept hinausgeht, stoßen Adol und die anderen beim Erkunden der Insel schnell auf einige Mysterien: Wieso leben ausgestorbene Dino- und Drachenspezies noch auf der Insel? Gibt es hier wirklich keine Zivilisation? Was war das für ein Monster, das das Schiff angegriffen hat? Je weiter das Spiel voranschreitet, umso stärker wird klar, dass die Insel eine bewegte Vergangenheit besitzt, die maßgeblich mit der namensgebenden Dana zu tun hat. Es ist sehr schön, wie Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen. Ys VIII gibt sich auch sehr viel Mühe, beide Zeiten gründlich zu beleuchten.

Die Geschichte selbst ist Standardkost und verbindet eine frische Prämisse mit der klassischen loregetriebenen Handlung eines Ys. Erfreulicherweise sind nicht alle Wendungen für Genrekenner vorhersehbar – bereits in der ersten Spielhälfte gibt es einige kleine, aber erfreuliche Überraschungen.

Die Charaktere im Spiel – insbesondere die spielbaren Hauptcharaktere – sind sowohl optisch als auch von ihren Persönlichkeiten deutlich modernen Anime-Stereotypen nachempfunden. Damit einher geht, dass sie stark überzeichnet sind und auch optisch teils sehr schrille, verrückte Outfits tragen. An dieser Entwicklung habe ich mich am meisten gestört, denn die Art und Weise, wie die Charaktere sich verhalten, wirkt oft arg schablonenhaft. Dennoch sind die Charaktere alle recht gut ausgearbeitet, auch wenn man einen Teil ihrer Vergangenheit nur dann aufdeckt, wenn man sich auch mit den optionalen Inhalten des Spiels beschäftigt.

Gameplay mit Suchtpotenzial

Herzstück des Spiels sind wie bei jedem Ys die Kämpfe und Ys VIII zeigt erneut, dass Nihon Falcom in puncto Action-RPGs so schnell niemand was vormacht. Die Kämpfe sind schnell, intuitiv, im Kern simpel und dennoch durchdacht. In Ys VIII spielt das Timing eine sehr große Rolle: Weicht man gegnerischen Angriffen im richtigen Augenblick aus („Flash Move“), wird die Zeit für einen Moment verlangsamt, was einem einen großen Vorteil verschafft. Wer das Kampfsystem in seiner vollen Tiefe erleben will, sollte auf einem der höheren Schwierigkeitsgrade spielen – dort wird man gezwungen, die Angriffsmuster der Gegner auch wirklich zu lernen und entsprechend darauf zu reagieren. Kämpfe auf „Easy“ sind wirklich trivial und auch auf „Normal“ größtenteils wenig fordernd. Ein Highlight sind wieder die Bosskämpfe, die viel Abwechslung bieten.

Das Spiel ist so aufgebaut, dass man schon früh vereinzelt sehr starken Gegnern begegnet, die man noch nicht besiegen kann, was die Erkundung zusätzlich reizvoller macht. Auch kann man die meisten Gebiete beim ersten Besuch noch nicht vollständig erkunden. Im Verlauf des Spiels erhält man eine Reihe von Tools, die einem Fähigkeiten verleihen (an Ranken hochklettern, unter Wasser atmen, Doppelsprung), mit denen man neue Teile der Welt erkunden kann. Zudem gibt es einige Hindernisse in der Welt, die erst beseitigt werden können, wenn das Dorf eine gewisse Bewohnerzahl erreicht hat.

»Die Kämpfe sind schnell, intuitiv, im Kern simpel und dennoch durchdacht.«

Es ist wirklich einfach, sich stundenlang am Stück in Ys VIII zu verlieren. Das Gameplay ist enorm kurzweilig und befriedigend und manchmal fällt es schwer, den Controller aus der Hand zu legen, weil man noch gern diese Nebenaufgabe erledigen oder jenes Gebiet erkunden will. Besonders gut gelingt es Ys VIII, den Spieler für jede Aktion zu belohnen, sei es durch neue Dialoge oder durch nützliche Gegenstände, was den Reiz der optionalen Aktivitäten noch erhöht.

Neben den gewöhnlichen Kämpfen und den NPC-Aufträgen gibt es noch drei weitere nennenswerte Gameplay-Elemente: Verteidigungsmissionen (Interceptions), bei denen man das Dorf mit leichten Simulationselementen, aber primär in normalen Kämpfen gegen Wellen von Gegnern verteidigen muss. Angriffsmissionen (Suppressions), bei denen man aktiv in Feindesgebiet vordringt, um eine Monsterplage zu eliminieren. Und etwas, das in einem JRPG nicht fehlen darf: Angeln. All diese Elemente gestalten das Gameplay abwechslungsreicher und sind auch in sich gut umgesetzt.

Nach dem Durchspielen steht ein New Game + sowie der bekannte Boss Rush zur Auswahl, bei dem man sich auf Zeit erneut allen Bossen im Spiel stellen kann. Insgesamt kann man in einem einzigen Durchgang mehr als 60 Stunden mit dem Spiel verbringen, wenn man viel erkundet und viele Nebenaufgaben erledigt.

Technisch ausgereift und voller Ohrwürmer

Optisch kann sich Ys VIII wie alle modernen Falcom-Spiele nicht unbedingt mit den teureren Spielen der Industrie messen. Den teils matschigen Texturen und schlicht präsentierten Zwischensequenzen steht jedoch ein schönes Umgebungsdesign und eine ansprechende Farbgebung gegenüber. Ein sehr großes Lob verdient das fantastische Gegnerdesign – insbesondere bei den Dino- und Drachenkreaturen.

Die Musik ist ein großes Highlight. Der Soundtrack von Ys VIII hat alles, was einen Ys-Soundtrack ausmacht, und noch viel mehr. Die rockigen Feld- und Kampfmusiken sind zahlreich vertreten. Einige ähneln stilistisch bereits bekannten Stücken vielleicht etwas zu sehr, aber viele Stücke haben auch deutliche Alleinstellungsmerkmale. Doch nicht nur die actionreiche Musik überzeugt, auch die besinnlichen und emotionalen Stücke tragen – vielleicht mehr als in anderen Ys-Teilen – sehr viel zur Atmosphäre bei. In dieser Hinsicht hat das Falcom Sound Team j.d.k. wieder nicht enttäuscht – der Soundtrack ist wirklich exzellent geworden.

Das Spiel kommt mit englischer und japanischer Sprachausgabe. Beide Fassungen liefern gewohnte Kost – Sprecher, die größtenteils überzeugen, aber nicht unbedingt überraschen. Eben Vertonungen wie bei den meisten Spielen im Anime-Stil. In der japanischen Fassung sind alle Figuren passend besetzt, in der englischen Fassung gibt es zwei, drei Figuren, bei denen man sich erst mal an die Stimme gewöhnen muss.

Während die letzten Ys-Spiele alle von XSEED mit viel Liebe zum Detail übersetzt und lokalisiert wurden, hat NIS America sich Ys VIII angenommen. Leider merkt man das dem Spiel an, denn die Übersetzung wirkt eher funktional als sprachlich ansprechend. Viele Stellen wirken recht steif, als hätte man sich zu sehr an der japanischen Wortwahl orientiert, und man muss kein englischer Muttersprachler sein, um das zu merken. Die englische Textfassung ist nicht dramatisch schlecht, aber es ist schade, dass das Erbe der lebendigen und kreativen XSEED-Übersetzungen nicht respektiert wurde, wenn NIS America sich schon so aggressiv um die Lizenz bemüht hat.

Die PlayStation-4-Version von Ys VIII läuft größtenteils mit 60 Frames pro Sekunde und das meist sehr stabil. An wenigen Stellen und in sehr hektischen Kämpfen mit vielen Gegnern kommt es zu gelegentlichen Einbrüchen, die aber alle verkraftbar sind. Positiv hervorzuheben sind die äußerst kurzen Ladezeiten. In beiden Aspekten soll die Vita-Version ein bisschen schlechter laufen. Die Windows-Version wurde kurzfristig verschoben und wird erst noch erscheinen.

Fesselndes Inselabenteuer

»Ys VIII: Lacrimosa of Dana entfernt sich weiter vom klassischen Ys-Erlebnis, überzeugt aber durch eine große Spielwelt, spannende Erkundungen, einen herausragenden Soundtrack und die bekannten kurzweiligen Action-Kämpfe, die zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat. Die extrem schablonenhaften Charaktere sind das einzige große Manko am Spiel, ändern aber nichts daran, dass Falcom erneut ein unglaublich spaßiges und gut designtes Spiel entwickelt hat, das definitiv eine Empfehlung verdient.«

 

Immersive Welt und herausragendes Gameplay

Gestrandet-Szenario mit klassischer Ys-Geschichte verbunden. Teils frisch, teils bewährt. Charaktere bedienen stark bekannte Anime-Klischees. Schön ausgearbeitete Spielwelt.
Flotte Actionkämpfe und abwechslungsreiche Nebenaufgaben machen Ys VIII von Anfang bis Ende zu einem extrem kurzweiligen und spaßigen Spiel. Motivierende Erkundungen.
Teils schrille Charakterdesigns, matschige Bodentexturen, aber generell schönes Umgebungsdesign und gute Farbwahl.
Ob friedlich oder rockig: Das Falcom Sound Team j.d.k. überzeugt mal wieder vollends. Ein echtes Highlight.
Meist stabile 60 FPS. Kurze Ladezeiten. 30 Stunden Hauptgeschichte, mit allen optionalen Inhalten locker 60+ Stunden.