Retro-Flashback – Geschichtsstunde #15: Fire Emblem

Da das SPRG-Genre zumeist mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu den klassischen rundenbasierten RPGs aufweist, ist es schwierig, Fire Emblem mit den...

Da das SPRG-Genre zumeist mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu den klassischen rundenbasierten RPGs aufweist, ist es schwierig, Fire Emblem mit den bisher dagewesenen Spielen zu vergleichen. Doch eines ist offensichtlich: Sonderlich strategisch ausgereift waren die meisten RPGs zu dieser Zeit nicht, doch mit Fire Emblem wurde ein Spiel geschaffen, bei dem man durchaus nachdenken und vorausplanen musste.

 

Hintergründe & Entwicklung

Das erste Fire Emblem erschien am 20. April 1990 unter dem vollen Titel Fire Emblem: Ankoku Ryuu to Hikaru no Tsurugi (etwa: Fire Emblem: Der Schattendrache und die Klinge des Lichts) in Japan. Lokalisiert wurde das Spiel damals nicht, und überhaupt schwappte die Serie erst mit dem siebten Teil in den Westen.

Fire Emblem wurde vom Entwicklerteam Intelligent Systems entwickelt, der davor Hardware für das Nintendo Entertainment System und das Famicom Disc System herstellten, sich nun aber auf Simulationsspiele konzentrieren wollte.

Fire Emblem war nicht das erste Spiele dieser Art. Bereits vorher entwickelte Intelligent Systems ein Spiel namens Famicom Wars, das spielerisch große Ähnlichkeit zu Fire Emblem besitzt. Fire Emblem unterschied sich jedoch dadurch, dass es RPG-Elemente bekannter Spiele wie Dragon Quest übernahm und somit der Wegbereiter von dem wurde, was wir heute SRPG (Strategie-Rollenspiel) nennen.

Fire Emblem wurde nur von einem kleinen Team entwickelt. Da das Spiel mehr Arbeitsspeicher benötigte als die Konsole zur Verfügung stellte, musst ein Teil des Speichers verwendet werden, der eigentlich zur Sicherung des Spielstands verwendet werden sollte.

 

Das Spiel

Wer ein modernes Fire Emblem gespielt hat, wird möglicherweise erstaunt sein, dass das erste Spiel der Reihe sich kaum anders spielt. Natürlich gab es im Laufe der Zeit einige Veränderungen, Ergänzungen und vor allen Dingen Verbesserungen in Sachen Komfort, aber das grundlegende Spielprinzip der Serie ist bereits im ersten Teil vollständig implementiert.

Die Geschichte des Spiels findet in der fiktiven Welt Akaneia (oder Archanea) statt. Als Prinz Marth von Altea, Nachfahre des legendären Anri, der den Schattendrachen Medeus niederstreckte, muss sich der Spieler durch viele Schlachten kämpfen. Die Geschichte ist im Kern eine typische epische Geschichte über einen Prinzen auf der Flucht, der zwischen die Fronten verschiedener Nationen gerät, während sich am Horizont ein noch größerer Schatten abzeichnet.

Abgesehen von kurzen Dialogen und Erzählpassagen vor und nach einem Kapitel besteht Fire Emblem gänzlich aus Kämpfen und der Vorbereitung auf diese. Die Kämpfe selbst finden auf einem großen Schlachtfeld statt, das sich von Kapitel zu Kapitel ändert. Insgesamt gibt es 25 Kapitel und die Zahl der Einheiten auf dem Spielfeld wird stetig größer, wobei die Zahl der eigenen Einheiten später erheblich niedriger als die Zahl der gegnerischen Einheiten ist. Neue Einheiten treten der Gruppe automatisch bei oder werden (meistens) durch Marth auf dem Schlachtfeld oder in Dörfern rekrutiert.

 

Ziel eines Kapitels ist es, entweder alle Gegner zu besiegen oder mit Marth einen bestimmten Ort zu erreichen. Kämpfe erfordern keinen Eingriff durch den Spieler, müssen aber durch diesen (oder den Gegner) initiiert werden, wenn zwei Einheiten nebeneinanderstehen. Im Kampf greift der Initiator stets zuerst an und anschließend erfolgt ein Gegenschlag, falls der Verteidiger den Kampf überlebt hat und der Angreifer sich nicht außerhalb der Reichweite befindet (z.B. wenn er ein Fernkämpfer ist).

Anders als in manchen anderen Spielen des Genres haben in Fire Emblem beide Spieler abwechselnd einen Zug, in dem jede Einheit genau einmal agiert. Diese Verteilung ist absolut und die Mobilität der Einheiten entscheidet sich nur durch die Zahl der Felder, die sie sich bewegen können.

Hinter jeder nichtfeindlichen Einheit steckt ein einzigartiger Charakter. Das erste Fire Emblem hatte bereits mehr als zwanzig verschiedene Klassen mit unterschiedlichen Attributen. Ein Waffendreieck oder Beziehungen zwischen Charakteren gibt es hier noch nicht, ebenso kann eine Einheit nicht durch eine andere gerettet werden. Klassenaufstiege gibt es allerdings schon, und diese werden wie auch in vielen der späteren Spiele durch bestimmte Items initiiert. Ebenso sind Waffen und Items bereits im ersten Teil begrenzt und können zerstört beziehungsweise verbraucht werden.

 

Charaktertode gab es ebenfalls schon im ersten Teil der Serie. Jeder Charaktertod im Spiel ist permanent, allerdings hat man im späteren Spielverlauf einmal die Möglichkeit, einen beliebigen Charakter wiederzubeleben. Stirbt Marth, ist das Spiel vorbei und das Kapitel muss neu gestartet werden.

Ein zentrales Element des Spiels ist das Wachstumssystem. Wie in klassischen RPGs erhalten Charaktere in Fire Emblem durch Kämpfe Erfahrungspunkte und steigen Level auf. Levelanstiege führen zu einer halbzufälligen Erhöhung der Statuswerte. Viele Charaktere sind unweigerlich schlechter als andere, weshalb es vorkommen kann, dass man sich das Spiel verbaut, indem man viele schwache Charaktere trainiert, die anfangs stark erscheinen.

Abgesehen davon gibt es natürlich auch noch weitere Zufallselemente im Spiel – etwa kritische Treffer. Diese Zufallselemente können nur schwierig in die Taktik miteinbezogen werden und auch den Verlauf eines Kapitels kann man nicht immer vorhersehen, weshalb man unter Umständen mehrere Anläufe benötigt, um zum Beispiel zu lernen, an welchen Stellen zu welcher Zeit neue Gegner erscheinen.

Fire Emblem hat eine Geschichte, aber die wird mit nur wenigen Worten erzählt. Charakterrekrutierungen umfassen selten mehr als zwei bis drei Textboxen und auch zwischen den Kapiteln wird im Gegensatz zu den späteren Spielen mit Worten gespart.

 

Mein Spielerlebnis

Dadurch, dass sich Fire Emblem im Laufe der Zeit nicht allzu stark verändert hat, ist es einfach, sich an das System des ersten Teils zu gewöhnen. Die Steuerung ist recht intuitiv, das System leicht durchschaubar. Leider ist das Spiel ziemlich langsam. Es gibt viele Einheiten und alle agieren jeden Zug, wobei das generelle Spieltempo recht niedrig ist, weshalb man eine gewisse Geduld braucht.

Das, was an den späteren Spielen der Serie Spaß macht, macht auch hier Spaß: Man führt taktisch eine kleine Armee von Charakteren zum Sieg und kümmert sich dabei um das Charakterwachstum. Man hat als Spieler viel Freiheit, was die Gruppenzusammenstellung angeht, welche Charaktere man trainieren will und wie man in den Kapiteln vorgeht. In vielerlei Hinsicht ist Fire Emblem recht fair. Die künstliche Intelligenz der Gegner ist recht rudimentär, aber gut genug, um eine gewisse Herausforderung zu bieten.

Was jedoch etwas frustrierend sein kann, sind die Elemente, die außerhalb der Gewalt des Spielers liegen. Dazu zählen kritische Treffer in ungünstigen Situationen, die ein ungeplantes Game Over nach sich führen, oder das plötzliche Auftauchen von Gegnern an unerwarteten Orten. Letzterem kann man durch Erfahrung entgegenwirken, aber vor kritischen Treffern kann man sich kaum schützen.

Generell wird es umso schwieriger, den genauen Verlauf der nächsten Runde zu kalkulieren je mehr Einheiten der Gegner kontrolliert. Daher ist es ratsam, später so vorsichtig wie möglich zu agieren. Andererseits sollte man auch nicht zu lange zögern, denn sonst kommen die eigenen Einheiten möglicherweise zu sehr von unbedeutenden Kämpfen geschwächt am Zielpunkt an, wo meistens noch ein starker Gegner besiegt werden muss – sozusagen ein Bossgegner.

Abgesehen vom Gameplay hat Fire Emblem leider nicht viel zu bieten. Die Musik ist nett und einige bekannte Stücke entstammen dem ersten Spiel, darunter zum Beispiel die Rekrutierungsmusik und die Titelmelodie. Grafisch ist das Spiel NES-Standard mit einigen netten Animeportraits. Die Geschichte wird leider so knapp erzählt, dass sie weder sonderlich interessant ist noch stark bewegen kann. Am Ende des Spiels erfährt man aber von der Zukunft der Charaktere – eine nette Idee, die sich zum Beispiel später in Suikoden wiederfinden lässt.

 

Fazit: Das erste Fire Emblem ähnelt vom grundlegenden System den späteren Spielen sehr, spielt sich jedoch deutlich zäher. Taktisch agieren muss man in der Tat, jedoch fehlen in dem Spiel Elemente, die dem System noch mehr Tiefe verleihen, wie etwa das Waffendreieck. Hinzu kommen bisweilen frustrierende Momente, auf die man als Spieler scheinbar nur geringen Einfluss hat. Dennoch ist Fire Emblem gerade für seine Zeit durchaus ein solides und herausforderndes Spiel, das auch heute noch spielbar wäre, wenn es sich etwas flotter spielen würde.

 

Vermächtnis

Als erstes großes rundenbasiertes Stategiespiel mit RPG-Elementen hat Fire Emblem das Genre geprägt wie kein anderes Spiel. Bald folgten weitere Spiele dieser Art, darunter die Langrisser-Serie und die Shining-Reihe ab dem zweiten Teil, die das System auf ihre Weise weiterentwickelt und verändert haben, aber grundlegend auf den gleichen Mechaniken aufbauen.

Es ist also nicht übertrieben, das erste Fire Emblem als Wegbereiter des SRPG-Genres zu bezeichnen, das zwar selbst „nur“ bisher dagewesene Spielsysteme kombiniert und ergänzt, aber daraus ein Spielsystem entwickelte, das sich noch heute großer Popularität erfolgt.

Im Jahr 2008 erschien in Japan ein Remake des Spiels für Nintendo DS, das auch den Weg nach Europa fand. Das Spiel enthält viele zusätzliche Inhalte und Spielmechaniken, die sich im Original nicht finden. Bereits der dritte Teil der Serie enthielt aber seinerzeit schon eine Art Remake des ersten Teils. Unter dem Titel Fire Emblem Gaiden erschien zudem 1992 ein NES-Ableger zum ersten Fire Emblem.

 

Trivia
  • Don’t Use Jeigan!
  • Auch der dritte Teil, der bereits ein Remake des ersten Teils enthält, erhielt ein Remake für Nintendo DS. Das erste Spiel der Serie hat von den Entwicklern also zweifelsohne die größte Aufmerksamkeit erfahren.
  • Marth tritt als Charakter in der Spieleserie Super Smash Bros. auf.
  • Anfängliche Verkäufe des Spiels sollen schwach gewesen sein, verbesserten sich jedoch nach zwei Monaten durch mündliche Verbreitungen.
Ausblick

Niemals in der Urform lokalisiert erschien dieses Spiel erst viele Jahr später im Westen – und zwar als 3D-Remake. Wir hingegen wollen zurückreisen und schauen, was das Spiel damals besonders gemacht hat. Final Fantasy III erzählt sicherlich keine Geschichte, mit der man Preise gewinnen kann, aber dafür ist es durch das umfangreiche Job-System das erste japanische RPG mit komplexeren Gameplaymöglichkeiten. Auf dieses Spiel richten wir nächstes Mal unser Augenmerk.