Culture Slot: Nakano Broadway, Subkulturen-Paradies

Als heiliges Land der Subkulturen wird das Einkaufscenter Nakano Broadway in Tokyo in seinem japanischen Wikipedia-Artikel bezeichnet. Während...

Als „heiliges Land der Subkulturen“ wird das Einkaufscenter Nakano Broadway in Tokyo in seinem japanischen Wikipedia-Artikel bezeichnet. Während der Stadtteil Akihabara jedem Fan von japanischen Videospielen, Manga/Anime und angrenzenden Interessensgebieten ein Begriff ist, hat Nakano Broadway trotz steigender Popularität bei Touristen in den letzten Jahren noch ein wenig den Status eines Geheimtipps inne. Ich freue mich daher, Euch zu einer Reise zu einem meiner absoluten Lieblingsorte in Tokyo mitzunehmen: in den Nerd-Dungeon, wie ich ihn gerne nenne.

Eingang der Sun Mall

Wir erreichen Nakano, westlich von Tokyos größtem Bahnhof Shinjuku, wahlweise mit der Chûô- oder Tôzai-Linie. Am Nordausgang heraus stehen wir nun auf dem Bahnhofsplatz, an dessen gegenüberliegender Häuserfront sich eine Passage mit Glasdach wie eine Schlange tiefer in das Stadtviertel frisst. Das ist die Sun Mall. Hier ist noch alles normal: Modegeschäfte, Läden für traditionelles japanisches Gebäck, Cafés… eine Einkaufspassage in Tokyo. An ihrem Ende betreten wir nahtlos den riesigen Nakano Broadway-Komplex. Auch hier halten sich die Auffälligkeiten zunächst noch in Grenzen, gewöhnliche Geschäfte reihen sich aneinander.

Welcome to paradise

Ein paar Gänge weiter, und umso stärker ein Stockwerk höher, ändert sich das Bild schlagartig. An fensterlosen und verschlungenen Gängen entlang lockt eine beispiellose Vielfalt an mittelgroßen bis winzigen Läden mit äußerst spezialisierter Produktpalette den Besucher. Einen nicht geringen Anteil daran haben die vielen Filialen der Ladenkette Mandarake, die zumindest den Manga/Anime-Fans unter Euch ein Begriff sein dürfte. So findet sich auch eine Filiale mit einer gigantischen Auswahl japanischer Comickunst im dritten Stock (nach japanischer Zählweise, in der das Erdgeschoss der erste Stock ist).

Klein, aber fein: Mandarake Galaxy

Spielefans hingegen steuern Mandarake Galaxy an: auf kleiner Fläche reihen sich in den Regalen hunderte gebrauchte Spiele, die vor allem das Herz von Retrozockern höher schlagen lassen. Von Famicom-Spielen in Originalverpackung über Software für die 32-Bit-Konsolen bis zur Dreamcast und einigen aktuelleren Games: Alles mit strikter Bewertung des Zustands versehen. Die Preise variieren hier recht stark. Natürlich könnt Ihr nicht erwarten, gesuchte Raritäten hier für wenige Yen zu erstehen. Doch vor allem, wer kleine Schönheitsfehler am Objekt der Begierde verzeihen kann, findet dank Preisminderungen durch das strenge Grading hier einige tolle Angebote. Ein weiterer Spieleladen ist Tomato Land im dritten Stock, der sich eher auf aktuelle Konsolen konzentriert und eine kleine Retro-Auswahl führt. Hier sind erfahrungsgemäß eher selten Schnäppchen zu holen, doch ein Blick kann nicht schaden. Wer gleich eine Runde zocken will, findet praktischerweise eine Arcade vor Ort.

Auch Fans von Figuren kommen auf ihre Kosten. Da dies nicht mein Spezialgebiet ist, vertraue ich hier dem Urteil unseres Redakteurs raz0rback2. Zwischen unverschämt hohen Preisen und einigen günstigen Gelegenheiten scheint hier je nach Händler eine große Spanne zu herrschen. Empfehlenswert ist ein Blick in die vielen Bring and Buy-Läden. Die Gebrauchtwaren sind dort in einer stattlichen Ansammlung von Glaskästen ausgestellt und beherbergen wohl auch manch seltenes Stück zu fairem Preis. Daneben existieren auch einige Läden, die Sammelfiguren (etwa Gashapons), Schlüsselanhänger und sonstigen Kleinkram dieser Art einzeln verkaufen. So muss man keinen ganzen Gashaponautomaten leeren, um zum Beispiel an Toji aus Neon Genesis Evangelion zu kommen.

Spielzeugsammlern gehen die Augen über.

Doch nicht nur für diese recht verbreiteten Interessen stellt dieser Ort ein Mekka dar. Die Rede war schließlich von Subkulturen. Und so finden wir, einmal um die Ecke gebogen, Spezialläden für Militärausrüstung, alte Filmposter, sammelbare Telefonkarten mit Idol-Motiven, aus Europa importierte Tarotkarten, Wrestling-Merchandise… die „Hobby“-Kategorie der offiziellen japanischen Homepage listet aktuell 104 Läden. Beliebt ist der Buchladen des Indie-Verlags TACO Ché im dritten Stock. Auf wenigen Quadratmetern, die meist von Avantgarde-Musik beschallt werden, finden sich Bücher zu Theatertheorie nebst Erwachsenen-Literatur, obskuren Fanzines und Underground-Manga. Muss man gesehen haben! Daneben kann man ewig in den Läden mit altem Spielzeug und Novelty-Zeug stöbern, die fast wie ein Museum mit kaufbaren Exponaten anmuten. Am auffälligsten ist hier wohl die Mandarake-Filiale Hen’ya, die ihre kostbaren Kuriositäten in einem Ambiente ausstellt, das einer Höhle gleicht.

Eine Erfolgsgeschichte

Diese geballte Ansammlung von spezialisierten Läden für jede Otakusorte war dabei nicht immer das Markenzeichen des Broadway-Komplexes. 1966 eröffnet, sollte der Bereich vom Keller bis zum vierten Stock die Einkaufspassage weiterführen; mit den üblichen Buchläden, Lebensmittelhändlern, Arztpraxen und dergleichen mehr. Aufgrund des geschäftlichen Aufblühens benachbarter Bezirke wie Shinjuku, Ikebukuro und Kichijôji, sowie gesellschaftlichen Verschiebungen wie zurückgehenden Geburtenzahlen mit ihren wirtschaftlichen Folgen, rentierte sich die Miete aber ab Mitte der 80er Jahre bis in die 90er Jahre für immer weniger ansässige Ladenbesitzer. Ein Großteil dieser war zudem auch nicht mehr ganz jung und an Nachfolgern für die Ladenflächen mangelte es in Folge des ausgedünnten Kundenstroms ebenfalls.

Als große Chance, den Ort von Grund auf umzukrempeln, sahen das die Manager von Mandarake. Bereits seit 1980 hatte die Firma ein knappe sieben Quadratmeter kleines Geschäft für gebrauchte Manga in dem Gebäude, expandierte aber vor allem ab der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1987 in weitere Produktbereiche wie etwa Anime-Cells, von Autoren signierte Illustrationen, oder auch Merchandise zu alten Superhelden-Serien. Als angesichts der wirtschaftlichen Depression 1990 noch mehr alte Läden aus der Broadway verschwanden, mietete Mandarake die freien Flächen nach und nach günstig an, um die eigene Produktpalette weiter auszubauen. Es etablierte sich ein neuer Ruf des Orts als Otaku-Paradies, der wiederum andere Besitzer von hochspezialisierten Geschäften anlockte. Trotz einiger verbleibender Läden für Mode oder Haushaltswaren hat sich das Image von Nakano Broadway seither grundlegend geändert. Heute zieht das Einkaufszentrum einheimische Enthusiasten ebenso an, wie Touristen aus aller Welt.

Der letztes Jahr beim Carlsen Verlag erschienene Manga Der geheime Garten vom Nakano Broadway (Originaltitel: Sanpo mono) aus der Feder von Jirô Taniguchi widmet übrigens keines seiner acht Kapitel unserem Gesprächsgegenstand. Erst im Anhang von Masayuki Kusumi, die mit ihm an diesen Kapiteln gearbeitet und Fotos als Vorlage geschossen hat, lernen wir mehr über das Gebäude. Die Stockwerke über dem kommerziell genutzten Teil sind für Besucher nicht zugänglich, da es sich dabei schlicht um Wohnfläche handelt. Die Bewohner genießen aber nicht nur die Nähe zum Einkaufsparadies, sondern auch das Privileg, exklusiv das Dach nutzen zu können. Eine für Tokyoter Verhältnisse großzügige Grünfläche lädt dort ebenso zum Verweilen ein wie ein traditioneller japanischer Garten, ein Golfplatz und ein Swimmingpool. Dass man bereits in den 60er Jahren in Tokyo derart vertikal geplant hat, ist durchaus beeindruckend.

Unbedingt besuchen!

Obwohl die geballte Spieleauswahl von Akihabara für Zocker nach wie vor erste Wahl bleibt, ist Nakano Broadway ein höchst empfehlenswertes Ziel für jeden Japan-Urlauber. In den Gängen vom ersten bis vierten Stock kann man locker einen halben Tag verbringen. Eine gute Wahl gerade bei Dauerregen, der in Tokyo nun auch keine Seltenheit ist. Die Ruhetage im Broadway variieren je nach Laden. Zumindest die Mandarake-Filialen könnt Ihr aber ab 12 Uhr mittags an sieben Tagen die Woche besuchen. Die Gegend zwischen dem Einkaufszentrum und dem Bahnhof lädt weiterhin mit teils recht interessanten Gassen und Restaurants zu einem Spaziergang mit gefüllten Einkaufstüten ein. Einen kleinen Foto-Rundgang durch das Viertel gibt es hier.

via offizielle Seite Nakano Broadway, Textabschnitt zur Geschichte via japanische Wikipedia, Taniguchi, Jirô; Kusumi, Masayuki (2006) Der geheime Garten vom Nakano Broadway (deutsche Ausgabe Carlsen, 2012), Fotos aus privatem Fundus und von der offiziellen Homepage