Culture Slot: Arbeiten in Japan

Es ist wieder einmal Sonntag und ein weiterer Artikel reiht sich in unsere Culture Slot-Rubrik. Dieses Mal wollen wir uns mit dem Arbeitsverhalten der Japaner...

Es ist wieder einmal Sonntag und ein weiterer Artikel reiht sich in unsere Culture Slot-Rubrik. Dieses Mal wollen wir uns mit dem Arbeitsverhalten der Japaner beschäftigen. Vergleicht man nämlich das Arbeitsverhalten des Japaners mit dem des Durchschnittsdeutschen, fällt auf, wie unglaublich ernst die Japaner ihren Job nehmen. Überstunden werden nicht in Kauf genommen, sie werden freiwillig gemacht, um die Zukunft der eigenen Firma zu sichern. Hat man in Japan erst eine Festanstellung ergattert, bleibt man seiner Firma in der Regel über viele Jahre treu, manchmal sogar ein ganzes Leben lang. Japaner sind quasi mit ihrem Beruf verheiratet. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Japaner im Westen den Ruf der arbeitswütigen Ameise bekommen haben. Der erfolgreiche Unternehmer prägt unser Bild von der japanischen Gesellschaft. Doch wie so oft ist dieses Bild nur der oberflächliche Eindruck, der zu uns herüberschwappt und beschreibt nur das perfekte, glänzende Japan.

Der erfolgreiche Unternehmer

In erster Linie lässt sich das Arbeitsverhalten des japanischen Unternehmers auf seine stramme Disziplin zurückführen. Schon in jungen Jahren wird Kindern die Wichtigkeit der Schule eingetrichtert. Es gilt schließlich einen Abschluss an der bestmöglichen Universität abzuschließen, um später auch den bestmöglichen Beruf auszuüben. Man will die besten Noten haben und betrachtet Schulkameraden oft auch als Konkurrenten. Die Schulzeit eines jeden Japaners gleicht einem Wettbewerb, aus dem man als Sieger hervorgehen will. Ist das Studium erst einmal in der Tasche, sieht die Tradition einer Firma vor, sich von einem erfahrenen Angestellten – vom Neuling auch als Senpai bezeichnet – in allen Arbeitsschritten einweisen zu lassen. Für den jüngeren Angestellten gibt es übrigens auch eine Bezeichnung, nämlich Kōhai, was übersetzt ungefähr Neuling bedeutet. Man könnte die Beziehung zwischen Kōhai und Senpai mit der klassischen Beziehung zwischen Lehrling und Meister vergleichen. Es kann aber auch durchaus über diese klassische Bindung hinausgehen. Und zwar, wenn es um die Jōshi-Buka-Beziehung (Vorgesetzter-Mitarbeiter) geht. Hier geht es nämlich darum, dass der Kōhai seinen Senpai so gut kennt, dass kaum, oder besser noch, keine Fragen in Bezug auf die nächsten Arbeitsschritte gestellt werden müssen. Dies setzt natürlich auch vorraus, dass sich beide auf zwischenmenschliche Art und Weise gut verstehen. Oft gehen der Senpai und sein zugewiesener Kōhai nach der Arbeit zum Biertrinken, was beide noch einmal etwas enger zusammenschweißt.

Ein Abend in der Kneipe wie ein Gang zum Psychiater

Ein Abend unter Kollegen

Dass man bei so einem strengen Arbeitsverhalten voller Überstunden allerdings auch körperliche und seelische Belastungen davon tragen kann, ist nicht verwunderlich. Doch auch hierfür haben die Japaner eine Art Ventil gefunden. In sogenannten Nomikai (Nomi steht hierbei für trinken, Kai für treffen) treffen sich Mitarbeiter einer Firma zum abendlichen Betrinknes an der Kneipe. Wobei das Schlürfen von alkoholischen Getränken keine Pflicht ist, jedoch erwünscht wird. Gilt freie Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit und vor allem am Arbeitsplatz inoffiziell als Tabu, so darf im Nomikai alles von der Seele geredet werden. Passt einem Mitarbeiter zum Beispiel nicht die Arbeitsweise seines Vorgesetzten, darf dieser frei und nach Herzenslust kritisieren bis kein Gras mehr wächst. Bei solchen Treffen kommt es sogar gelegentlich zu handfesten Auseinandersetzungen. Hierbei fungiert der Verzehr von Alkohol natürlich auch als Abrissbirne jeglicher Hemmung. Das Tolle an solchen Nomikais ist, dass nichts, aber auch gar nichts an die Öffentlichkeit gerät und das Gesagte nie als Kündigungsgrund verwendet werden darf. Trifft man sich am nächsten Morgen im Büro wird kein Sterbenswörtchen über den Vorabend verloren, und es ist so, als wäre nie etwas geschehen. In Japan gibt es sogar zwei Wörter, die dieses Phänomen beschreiben. Honne und Tatemae. Honne steht für die Meinung und die Gedankenwelt des Menschen und Tatemae für die Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber. So wird Tatemae im normalen Arbeitsalltag verwendet, während Honne zum Beispiel im Nomikai praktiziert wird. Diese beiden Verhaltensweisen lassen sich auf der ganzen Welt finden und sind in einigen Ländern ganz besonders präsent.

Die “Verlierer” des japanischen Arbeitsmodells

Freeters demonstrieren für ihre Rechte

Doch längst nicht jeder japanische Bürger macht vom Nomikai Gebrauch. In den letzten Jahren machten zunehmend weniger Japaner Überstunden. Die Mehrheit setzt zwar weiterhin auf freiwilligen Dienst ausserhalb der im Vertrag vereinbarten Arbeitszeiten, doch macht sich ein deutlicher Trend in der japanischen Jugend bemerkbar. Offensichtlich spielt das eigene Wohlbefinden eine immer größer werdende Rolle.

Ein eher extremes und zugleich sozialkritisches Beispiel für den Wandel der Zeit stellen Japans Freeters da. Das Wort Freeter setzt sich aus dem englischen Wort Free (Anlehnung an Freelancer) und dem deutschen Wort Arbeiter (in Japan sagt man Arubaito, oft als Lehnwort für Teilzeitjobs) zusammen. Als Freeters werden diejenigen bezeichnet, die sich entweder nach der Schule gegen das Firmenleben entschieden haben, oder Leute mit schlechten Schulabschlüssen.

Circa zwei Millionen Freeters zählt das Land. Es handelt sich bei dieser Arbeitsgruppe also nicht um ein Randphänomen, sondern ein ernstzunehmendes Problem der Gesellschaft. Der Lebenstil der Freeters sorgt unter anderem unfreiwillig für die immer weiter sinkende Geburtenrate in Japan. Viele Freeters leben an der Armutsgrenze, wenige von ihnen sind sogar dazu gezwungen regelmäßig in Manga-Cafés zu übernachten. Da bleibt einem Freeter also verständlicherweise wenig Zeit über die eigene Famillienplanung zu grübeln. Freeters werden oft als Verlierer der japanischen Gesellschaft betrachtet, dabei stand diese Arbeitsgruppe in den 80er Jahren für ein freidenkendes, unabhängiges Japan. Erst in den 90ern wechselte sich das positive Bild, als die Bezahlung für schnelle Arbeitskräfte immer weiter sank und somit ein Leben als Freeter immer unzumutbarer wurde.

Heute landen viele Freeters in Zeitarbeitsfirmen, die teilweise den gesamten Alltag ihrer Arbeitskräfte bestimmen, oder springen von einem Aushilfjob zum nächsten. Leider kommt es oft zu fristlosen und leider auch unfairen Kündigungen, was den ohnehin schon gestressten Freeter deutlich an die Nieren geht. Man bedenke, dass die hohe Selbstmordrate in Japan vor allem durch die strenge Arbeitswelt geprägt ist. Glücklicherweise gibt es Organisationen wie Freeters Free, die für die Rechte der Freeters kämpfen, in dem sie auf den Straßen laut demonstrieren, oder bei den Unternehmen der Ex-Mitarbeiter anrufen und eine vernünftige Begründung für den Rauswurf verlangen.