Culture Slot: Die traurige Berühmtheit von Aokigahara

Aokigahara wird als "The Perfect Place to die" bezeichnet und obwohl das zunächst etwas sarkastisch klingt, ist die Geschichte dahinter traurige Realität.

Jeder hat ihn schonmal gesehen, die meisten von uns zwar nur auf Bildern, aber die weiße Mütze des Mount Fujis ist weltweit bekannt und gilt als das Naturwunder Japans. Mit einer Höhe von 3.776 Metern ist der Vulkan der größte Berg des Landes. Weniger bekannt als der Berg ist jedoch der Aokigahara-Wald, welcher sich 35 km² über den nördlichen Fuß des Mount Fuji erschreckt. Aokigahara ist wirklich nicht gerade ein Ort, den man mit der Familie und besonders nicht mit den Kindern als fröhlichen Wochenendtrip wählt, viel zu unheimlich und traurig ist dieser Ort. Bei den Recherchen für einen Artikel darüber, trifft man auf viele grausame Bilder, die teilweise fast verstörend sind und trotzdem möchten wir euch über diesen Ort erzählen.

Mount Fuji umgeben von Aokigahara

Wälder wecken nicht immer die besten Gefühle in uns, vor allem, wenn es bereits dunkel ist und die Durchquerung sein muss. Oft reicht schon ein Rascheln zwischen den Baumkronen oder dem Blätterboden dafür, dass sich ein Unwohlsein in uns ausbreitet. Wälder können aber auch etwas sehr schönes sein, wenn man im Frühjahr zum Beispiel die ersten Knospen an den Ästen der Bäume entdeckt oder wenn sich ihr Laub im Herbst rot-golden färbt. Auch für Kinder sind Wälder das reinste Erlebnis, wo sonst kann man die Natur so in ihrer Vollkommenheit bestaunen.

Aokigahara ist in erstem Sinne genau ein Wald, wie jeder andere auch, auch hier erblüht und verwelkt jedes Jahr das Leben an den Ästen, doch ist dies einer der dunklen Wälder, wie wir sie aus den Märchen kennen. Aokigahara ist jedoch kein Märchen, sondern nichts als die traurige Realität. Der Grund dafür sind die Geschichten über den Wald, die aber nicht  bloß seit mehreren hundert Jahren erzählt werden, sondern die seit Mitte des letzten Jahrhunderts grausame Realität sind. Aokigahara hat nämlich seit einigen Jahren den Titel „The perfect place to die“, auch wenn der zynische Unterton dieses Satzes sehr fragwürdig sein dürfte.

Es geht um Selbstmord, ein Thema, dass an Verzweiflung und Hilflosigkeit wohl kaum zu übertreffen ist und oft gar nicht ausgesprochen wird. Wahrscheinlich ist es unmöglich, sich in die Situation der Betroffenen zu versetzen, doch die emotionalen und körperlichen Qualen müssen größer sein, als jeder Lebenswille. Die Gefährdeten ringen innerlich mit sich selbst und trotzdem reicht manchmal schon eine Banalität dazu aus, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Japan weißt schon so eine extrem hohe Suizidrate auf und trotzdem gab es einen Auslöser, der dafür sorgte, dass Aokigahara mittlerweile auf Platz2 der Orte mit der höchsten Suizidrate weltweit steht (nur die Golden Gate-Bridge zählt mehr Opfer).

Denn ähnlich wie bereits bei Goethes Die Leiden des Jungen Werthers sind Bücher unter anderem der Grund für die stetig steigende Anzahl an Selbstmorden im Wald. Das erste Buch erschien 1960 und heißt übersetzt so viel wie Black Sea Trees. In dem Buch von Seichō Matsumoto geht es um ein Liebespaar welches am Ende gemeinsam Selbstmord begeht und dies eben in Aokigahara. Es ist nicht bekannt inwiefern das Buch die Selbstmordrate erhöht hat, jedoch sorgte eswohl zweifelsohne dafür, dass der Wald vermehrt als Ort für den Freitod gewählt wurde. Bis etwa 1988 nahmen sich jedes Jahr ungefähr 30 Menschen im Wald das Leben, doch die Zahlen sollten noch deutlich höher werden. 2002 gab es 78 Todesfälle zu vermelden, 2003 stieg die Zahl sogar auf über 100 und die Zahlen steigen immer weiter.

1988 wurde ein zweites Buch veröffentlicht, welches Aokigahara als „the perfect place to die“ darstellt, es hört auf den Namen Comlete Suicide Manual (in etwa Die große Selbstmordanleitung). Im Buch werden Tipps gegeben, wie man den eigenen Selbstmord plant und durchführt. Im Gegensatz zu Black Sea Trees dürfte das Buch die Opfer maßgeblich beeinflusst haben, da man es vermehrt neben den Leichen fand. Die häufigste Todesursache der Opfer sind Tod durch Erhängung und dem Einsatz von Schlaftabletten. Die Regierung versucht seit Jahren Selbstmorde im Wald zu verhindern. So befinden sich beispielsweise Schilder mit den Worten „Dein Leben ist ein wertvolles Geschenk deiner Eltern“ oder „Bitte verhandle mit der Polizei, bevor du entscheidest zu sterben“ und die Telefonnummern von Beratungsstellen. Außerdem durchstreifen Polizisten den Wald, um mit den Leuten zu sprechen und sie von ihrer Tat abzubringen. Auch halten sie die Augen nach Vermissten offen.

Das Skandalbuch: Die Selbstmordanleitung

Doch selbst wenn ein Betroffener neuen Lebensmut fast und beschließt weiterzuleben, kann der Wald einige Gefahren beherbergen. Denn überquert man die Absperrbänder, kann das dazu führen, dass man sich im dichten Wald verirrt. Des Weiteren wird es dort nachts sehr kalt und durch die vielen versteckten Gruben im Boden kann man leicht stolpern. Besonders übel in einer Notlage: Angeblich werden Handys und andere Geräte durch das Eisen im Lavagestein des Bodens gestört und unbrauchbar. Wenn man sich einmal verlaufen hat, kann man nur auf Hilfe durch die Polizisten hoffen, doch für manche kommt jede Hilfe zu spät.

Im ganzen Wald kann man auf die Überreste von Selbstmördern und verirrten Reisenden finden. Falls tatsächlich ein Körper in den tiefen von Aokigahara entdeckt wird, sind es meißt die Waldarbeiter, die ihn als erstes zu Gesicht bekommen. Auf deren Schultern lastet auch die größte Belastung, denn sie müssen die Leiche nicht nur abtransportieren und zur speziellen „Suizidstation“ bringen, sondern auch noch mit dem leblosen Körper in einem Raum übernachten. Der Grund dafür: Die Leute glauben, dass es Unglück bringt, die Leiche alleine zu lassen. Man sagt, die Geister der Verstorbenen würden die ganze Nacht schreien und der Körper später auf der Suche nach Gesellschaft sogar wiederauferstehen. Welcher der Waldarbeiter am Ende diese Tortur durchstehen muss, wird meißt durch ein Spiel entschieden.

Die Narusawa Eishöhle unter Aokigahara

Allerdings haben nicht nur die Selbstmorde den Wald zu einem einzigen Mysterium gemacht, schon lange vor der Selbstmordserie galt der Wald als verflucht. Denn laut der Legende soll der Wald früher als „Opferstätte“ während Kriegs- und Hungerzeiten genutzt worden sein. Um mit der wenigen Nahrung auch nur annähernd über die Runden zu kommen, sollen arme Familien einige ihrer Angehörigen in den Wald geschickt haben, wo diese einen grausamen und langsamen Hungertod gefunden haben sollen. Noch heute soll das Baumwerk von Aokigahara daher von den Seelen der Verstorbenen heimgesucht werden. Man erzählt sich auch, dass Besucher des Waldes immer wieder weiße Gestalten aus dem Augenwinkel zwischen den Bäumen bemerkt haben sollen.

Letztendlich möchten wir euch einen Besuch von Aokigahara natürlich nicht ausreden, wir wollten euch mit diesem Culture Slot lediglich einen Einblick auf die Geschichte dieses Ortes geben. Denn auch wenn der Wald nicht so bunt und fröhlich wie Tokyo oder Naoshima ist, gibt es auch hier einiges zu sehen. Der Wald bietet eine tolle Flora in deren Tiefen sich sogar eine unterirdische Eishöhle befindet und solange ihr euch an die Hinweisschilder haltet und nicht vom Weg abkommt, solltet ihr auch keine ungewollte Begegnung erleben.

Quelle: tofugu.com