Reingehört! Symphonic Fantasies Tokyo

Wer hätte früher jemals zu denken gewagt, dass die Musik aus Videospielen einmal ganze Konzerthallen füllen würde und mit ihren magischen Klängen...

Wer hätte früher jemals zu denken gewagt, dass die Musik aus Videospielen einmal ganze Konzerthallen füllen würde und mit ihren magischen Klängen selbst größte Kritiker nur Worte des Lobes entlocken würde? Mit Symphonic Shades brachte Thomas Böcker die Videospielmusik im Jahre 2008 erstmals in deutsche Konzertsäle und eines war zu diesem Zeitpunkt sicher.

Symphonic Shades war nur der Auftakt einer großen Sinfonie, welche Fans weltweit begeistern würde. Am 12. September 2009 öffneten sich die Pforten der Kölner Philharmonie zu einem der größten Live-Events in der Geschichte der Videospielmusik. Neben hochrangigen Komponisten wie Yoko Shimomura, Hiroki Kikuta, Yasunori Mitsuda und Nobuo Uematsu erschienen ebenfalls Arnie Roth, Gramm-prämierter Dirigent, Johnne Valtonen, welcher selbst die Ouvertüre zu diesem unvergesslichen Abend komponierte und sämtliche Stücke arrangierte, und Thomas Böcker, der Mann, ohne den dieses Konzert nicht hätte statt finden können.

Benyamin Nuss in Tokyo

Ganz im Zeichen von Square Enix ertönten an diesem Abend fünf große Melodien, mit ausgewählten Stücken aus Kingdom Hearts, Sectret of Mana, Chrono Trigger/Cross und selbstverständlich Final Fantasy. Anders als in früheren Konzerten wurden nicht nur einzelne Stücke gespielt, sondern sogenannte Suiten. Johnne Valtonen kombinierte zu jedem Spiel die ausgewählten Stücke zu einer langen Suite, was ein unvergleichbaren Sound zu folge hatte, der von vielen Fans und Kritikern hoch gelobt wurde.

Unterstützt wurde das WDR Rundfunkorchester durch den WDR Rundfunkchor und den begnadeten Solisten Benyamin Nuss, welcher am Klavier sein Talent bewies, und Rony Barrack, der auf der Darbucka ein historisches „One Winged Angel“-Solo hinlegte. Vom großen Erfolg des Konzertes beflügelt entschied man sich einige Zeit später die Symphonic Fantasies CD auf den Markt zu bringen, welche aus Platzgründen leider nur die ersten vier Suiten beinhaltete. Dennoch schaffte es die CD auf Platz 13 der damaligen klassischen Musikcharts. Somit hat die fantastische Videospielmusik sogar Luciano Pavarotti hinter sich gelassen.

Der Erfolg von Symphonic Fantasies sprach für sich und so wurde die Entscheidung gefällt dieses Konzert nach Tokyo, Japan zu bringen. Im Januar 2012 begeisterten die behutsam überarbeiteten Suiten über 4000 Fans. Für Symphonic Fantasies in Tokyo erschien ebenfalls ein Album. Dieses mal jedoch als Doppel-CD mit der zusätzlichen fünften Suite.

Eröffnet wird das Album mit der Ouvertüre des finnischen Komponisten Johnne Valtonen. Mit starken Blechbläsern und Trommeln spielt der Komponist die Zuhörer auf das kommende ein. Doch ähnlich wie bei den anderen Suiten wechseln sich in der kurzen Ouvertüre langsame und schnelle Motive ab und geben so eine Variation vieler Klänge und ein weites Spektrum an Emotionen wieder, die jedoch von einem starken Motiv getragen werden. Manch einer fühlt bei den Klängen die Präsenz von Final Fantasy XII, welche auch auf pompöse Klänge setze.

Viel Andrang auch in Tokyo

Auf die grandiose Ouvertüre folgt die erste Fantasie. Yoko Shimomura’s Kingdom Hearts Soundtrack gilt als einer der beliebtesten der Videospielgeschichte und kombiniert eigens von ihr komponierte Stücke mit bekannten Disney-Melodien. Doch bei Symphonic Fantasies geht es nur um Originale.

Eröffnet wird die Suite mit dem sanften „Dearly Beloved“, wo Benyamin Nuss zum ersten mal seine Finger über die Klaviertasten gleiten lässt. Tragik und Melancholie begleitet die ersten paar Sekunden, doch schnell erlöschen diese Gefühle durch einen schnellen Wechsel zu „Soras Thema“ und „Hand in Hand“. Sofort wird man in die strahlende Welt von Kingdom Hearts versetzt und erlebt wie Nuss kraftvolle Akzente zu einem grandiosen Orchesterklang setzt. Mit „The Other Promise“ erreicht Fantasy I den emotionalen Höhepunkt, der jedem Fan Tränen in die Augen treibt und für Gänsehaut pur sorgt. In den letzten paar Minuten gibt das Orchester mit einem kräftigen Rhythmus den Ton an, während Nuss bei „A Fight to the Death“ über das Schlachtfeld schwebt.

Bei Fantasy II zeigt sich das gesamte Können des finnischen Arrangeurs. Hiroki Kikuta´s Sound zu Secret of Mana, einem der größten JRPG Klassiker auf die Bühne zu bringen war eine große Herausforderung. Nicht nur, weil das Spiel mehr als ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat und nur auf dem SNES zu hören war, sondern auch weil hier mehr geboten wurde, als nur eine klassische Orchesteraufführung. Durch verschiedene Effekte wie das Rascheln der Notenblätter, das Schnipsen und Zischen des Chors erzeugt Valtonen das klangliche Bild eines Sturmes, welches den Zuhörer mitreißt und in die Welt von Secret of Mana eintauchen lässt. Erstmals kommt hier der Chor auf den Plan.

Bei „Fear of the Heavens“ schmettert dieser die lateinischen Texte mit einer solchen Kraft und Epik, dass man sich selbst mitten eines epischen Kampfes fühlt. Dieses Motiv zieht sich durch die gesamte Suite und bildet den roten Faden an dem sich „The Oracle“, „Eternal Recurrence“ und viele weitere bekannte Melodien hängen. Die Kombination des starken Chors mit den Streichern ist spezifisch für Fantasy II und gibt der Suite ihren eigenen Charakter. Zu den Höhepunkten treffen sich alle Instrumente in einem gesammelten Schlag und entladen das Urbane in Hiroki Kikuta´s Musik, was auch den Soundtrack von Secret of Mana einzigartig macht.

Der dritte Track ist die Suite von Melodien aus Chrono Trigger und Cross, komponiert von Yasunori Mitsuda, der bei diesen Spielen unter anderem auch mit Nobuo Uematsu zusammen gearbeitet hat. Rony Barrack hat hier seinen ersten Auftritt und dies ist deutlich zu spüren. Nach einem kurzen und sehr ruhigen Intro scheint das Orchester im tanzenden Rhythmus mit Barrack´s Darbucka zu spielen und man kann nicht anders als sich davon mitreißen zu lassen. Die Stücke in dieser Suite haben einen geschlossenen Aufbau. „Scars of Time“ fesselt den Hörer schon schnell zu Beginn und entlädt seine ganze Kraft in den letzten Minuten in einem feurigen Spiel zwischen Orchester und Darbucka, zu welchem man am liebsten Aufstehen und tanzen würde. Bei „Scars of Time“ handelt es sich um den roten Faden von Fantasy III.

Symphonic Fantasies Tokyo

Durch die verschiedenen Arrangements und die Vielseitigkeit der Rhythmen welche Barrack auf der Darbucka zum besten gibt zeigt sich die Melodie immer wieder im neuen Gewand und weiß ein aufs andere mal zu begeistern. Bei „Prisoners of Fate“ zeigen besonders die hohen Streicher ihre Fähigkeiten das Gefühl der Trauer zum Zuhörer zu tragen und bilden somit den emotionalen Höhepunkt des vierten Stückes. Mitgerissen von der Dramatik, welche das Orchester in diesen wenigen Minuten spielt wird man wieder in das Feuer von „Scars of Time“ geworfen. Die emotional so unterschiedlichen Stücke fließen praktisch ineinander und bilden den perfekten Weg zum fetzigen Finale.

Fantasy IV spielt mit Melodien aus der Feder des Komponisten Nobuo Uematsu mit der Hörern wie kein anderes Stück. Wie könnte es denn auch anders sein, beginnt diese Suite bestehend aus Stücken der beliebten Final Fantasy Reihe mit „Prelude“. Beim erklingen der Harfe schlagen Fan-Herzen sofort höher und im Kopf wird leise mitgesummt. Doch ähnlich wie bei den anderen Stücken wechseln sich die Emotionen hier im Minutentakt zwischen tragisch, melancholisch und episch, dramatisch ab. „Those who Fight Further“ setzt mit dem kompletten Chor und Orchester ein und steigert bis zu den ersten Noten von „One Winged Angel“.

Spätestens hier befindet sich der Puls von Fans bei 180, doch plötzlich wird das Spiel unterbrochen und ein Chocobo schaut vorbei. „One Winged Angel“ weicht dem „Chocobo Theme“ und lässt den Hörer mit einem verblüfften Gesichtsausdruck dar. Doch dabei bleibt es nicht. Über „Phantom Forest“ geht es zum grandiosen „Battle at the Big Bridge“, bei welchem das Orchester seine ganze Macht zeigt.

Wieder ein Wechsel. Die ersten Noten von „Final Fantasy“ erklingen. Das beliebte Hauptthema der Serie ist das Gegenstück „Battle at the Big Bridge“ und versetzt einen wieder in eine nostalgische Stimmung. Doch erneut wird das Stück von einem kleinen Chocobo unterwandert und muss weichen. Doch zum Finale hin ertönt das nächste Final Fantasy Thema in seiner vollen Pracht, getragen sowohl vom Chor als auch vom gesamten Orchester.

Das letzte Stück markiert den Höhepunkt, sowohl dieses Albums, als auch jeden einzelnen Spieles, welches auf dem Album vertreten war. Die Boss Battle Suite beinhaltet Tracks der Bosskämpfe und somit das pompöseste der Stücke. Zudem kommt hier das Gesamtaufgebot zusammen. Nicht nur Chor und Orchester, sondern auch Nuss und Barrack sind wieder mit von der Partie. Die Suite beginnt mit „Destati“ aus Kingdom Hearts. Der erste Schlag fesselt den Zuhörer bereits durch eine solche Kraft, wie man sie nicht oft von einem Orchester hört.

Symphonic Fantaes Tokyo

Es folgt „Meridian Dance“ aus Secret of Mana. Dieses Stück vertreibt die düstere Stimmung von „Destati“ und bringt Abenteuerlust. Durch eine Kombination beider Solisten mit kurzen Noten entsteht das Bild einer Reise, dass sich jedoch wieder in Dunkelheit zu stürzen scheint und schließlich in „Lavos’ Thema“ aus Chrono Trigger übergeht. Hier überwiegen ganz klar die starken Blechbläser, die mit ihrem harten Ton den eine düstere und mächtige Atmosphäre erschaffen.

In den letzten Minuten der Boss Battle Suite hört man etwas, was so noch nie zu hören war und was exklusiv nur auf dem Symphonic Fantasies Tokyo Alum zu hören ist. Es scheint fast so als würden die Oberbösewichte Kefka und Sephiroth mit ihren jeweiligen Themen „One Winged Angel“ und „Dancing Mad“ gegeneinander kämpfen. Das eine Thema setzt ein und geht manchmal so fließend in das andere über, dass es einem kaum auffällt, auch werden beide Themen zeitgleich gespielt und andere Male wird das eine abrupt durch das andere unterbrochen, als scheint jeder von beiden die Oberhand in der Musik behalten zu wollen. Dies entlädt sich als ein einzigartiger und grandioser Klang, bei dem jedem Final Fantasy Fan das Herz höher schlägt. Grandios.

Mit Symphonic Fantasies Tokyo hat sich Johnne Valtonen einmal mehr selbst übertroffen. Zwar sind die Unterschiede zum originalen Symphonic Fantasies nur gering, doch hört man sich die Stücke mehrmals an, so bemerkt man wie fein besonders die Solis und die Lautstärken der jeweiligen Instrumentengruppen überarbeitet wurden. Es scheint als wäre bei Tokyo sehr viel mehr Feinheit zu spüren, sowohl in den Noten, als auch im gesamten Gefühlsspektrum. Die ergreifenden Melodien erklingen noch deutlicher und tragen zu einem volleren Gesamterlebnis bei. Wo beim Original noch Barracks Darbucka die letzten Minuten für sich beanspruchte, so kämpfen hier zwei der größte Bösewichte der Videospielgeschichte in einem epischen Kampf um die Vorherrschaft in der Musik. Wie der Kampf ausgeht lässt Valtonen offen und der Fantasie der Zuhörer überlassen.

Symphonic Fantasies Tokyo ist zur Zeit eines der fantastischsten Orchester-Alben und selbst für Besitzer des Originals einen Blick wert. Ein großes Dankeschön an die Komponisten Yoko Shimomura, Hiroki Kikuta, Yasunori Mitsuda und Nobuo Uematsu für ihren Einsatz in der Videospielbranche und ihre unglaublichen Melodien, an die Solisten Benyamin Nuss und Rony Barrack, die dem ganzen ihren Stempel aufgedrückt haben, an Johnne Valtonen für die brilliante Ouvertüre und die unvergleichlichen Arrangements, sowie an Thomas Böcker, ohne den die Videospielmusik vielleicht nie nach Deutschland gekommen wäre und ohne den dieses fantastische Projekt niemals realisiert worden wäre.

von Rygdea