Culture Slot: Das traditionsreiche Studio Ghibli

Es war ein typisches Bild: Nach dem Kindergarten oder der Grundschule wurde die Haustür zugeworfen, der Rucksack in die Ecke geschmissen und der...

Es war ein typisches Bild: Nach dem Kindergarten oder der Grundschule wurde die Haustür zugeworfen, der Rucksack in die Ecke geschmissen und der Fernseher angeschaltet. Das Programm? Animes natürlich! So durfte es damals einigen von uns ergangen sein, als es noch Animeserien aller Art im TV gab. Man konnte in bunte Welten eintauchen, spannende Kämpfe erleben und Geschichten hören, die an moderne Märchen erinnern.

Auch wenn es schon damals fiese Bösewichte und hässliche Monster gab, so war das Nachmittags-Programm insgesamt deutlich schöner und wir bekamen schon früh Werte wie Freundschaft und Vertrauen vermittelt. Animes sind zweifelsohne einer der Exportschlager aus Japan und gerade Animeserien wie Sailor Moon, Dragon Ball und Digimon dürften dazu beigetragen haben.

Nausicaä aus dem Tal der Winde

Mit unserer Culture Slot-Rubrik möchten wir euch Woche für Woche die japanische Kultur etwas näher bringen und so widmet sich die neuste Ausgabe dem Thema Anime. Damit das jedoch keine Enzyklopädie hier wird, möchten wir unser Augenmerk nicht auf die vielen umfangreichen Animeserien legen, sondern auf Animefilme. Auch hier möchten wir uns allerdings etwas eingrenzen und daher gehört dieser Culture Slot dem wohl berühmtesten Animefilm-Studio überhaupt, dem Studio Ghibli.

Von den Ursprüngen des Studios, über die kreativen Köpfe hinter Filmen wie Das Schloss im Himmel, bis hin zu den Vorstellungen einiger Filme, alles das erwartet euch in den nächsten Absätzen, also fangen wir am besten gleich an. Aller Anfang ist schwer und wer Erfolg haben möchte, muss hart dafür arbeiten und so erging es damals auch Hayao Miyazaki. Der spätere Mitbegründer des Studios und Oscar-Preisträger begann nach der Schule zunächst damit, Politikwissenschaften und Ökonomie zu studieren.

Die letzten Glührwürmchen

Vier Jahre lang sollten Vorlesungssäle und Prüfungen sein neues Leben kontrollieren, 1963 wechselte er dann jedoch seine Laufbahn und begann erste Schritte im Film- und Fernsehgeschäft zu machen. Seine erste Stelle fand Miyazaki bei Tōei Animations (unter anderem verantwortlich für DoReMi), einem der größten Animationsstudios Japan. Dort lernte er Isao Takahata kennen, mit welchem er gemeinsam fortan an der Fernsehserie Heidi arbeitete. Mit ihm sollte Miyazaki wenige Jahre später das Studio Ghibli gründen.

Bereits Ende der 70er konnte Miyazaki mit Das Schloss des Cagliostro seinen ersten Film realisieren, doch der große Durchbruch gelang ihm erst 1984 mit seinem zweiten Film Nausicaä aus dem Tal der Winde. Nausicaä aus dem Tal der Winde erzählt die Geschichte der Prinzessin Nausicaä, welche ein Gegenmittel für den Pilz gefunden hat, der bereits Großteile der Welt unbewohnbar gemacht hat und sie in das „Meer der Fäule“ verwandelt hat. Nausicaä, ihr Vater und dessen Volk konnten dieser Katastrophe auch nur entgehen, da ihr Königreich durch Winde von den Pilzsporen unberührt blieb. Als jedoch das Tal der Winde von einem feindlichen Königreich attackiert wird und ihr Vater dabei stirbt, kann Nausicaä nicht weiter an ihren Forschungen arbeiten und so ist sie gezwungen diese erstmal liegen zu lassen. Ihr Volk braucht sie nun im kommenden Krieg.

Prinzessin Mononoke

Der Film basiert auf dem siebenteiligen Manga, der zwei Jahre zuvor veröffentlicht wurde und ebenfalls von Hayao Miyazaki stammt. Nausicaä aus dem Tal der Winde ist ein sehr ernster Film, der die Fehler des Menschen im Umgang mit der Natur zeigt. Ein Thema, welches in dieser Form später in Prinzessin Mononoke erneut aufgefasst wurde. Sowohl der Manga als auch der Film erfreuten sich enormer Beliebtheit und machten Miyazaki auch international bekannt. Nausicaä legte den Grundstein für Studio Ghibli, was Miyazaki nun endlich gemeinsam mit Takahata umsetzen konnte.

1985 eröffnete das Studio in Kichijoji seine Pforten und sollte nicht nur den Namen von Miyazaki und Takahata weltweit berühmt machen, sondern auch ein Karrieresrpungbrett für unbekannte Animekünstler werden. Ghibli leitet sich übrigens vom italienischen Wort Gibli ab, welches seit dem Zweiten Weltkrieg eine Bezeichnung für italienische Flugzeuge ist. Flugzeuge und die Luftfahrt sind eine der großen Lieben von Hayao Miyazaki und so sind diese beiden Themen in allen Ghibil-Filmen wiederkehrendes Elemente.

Man hatte also einen Sitz und einen Namen für das neue Animationsstudio, was noch fehlte war ein Logo, doch auch das folgte sehr schnell und zwar in Form des Totoros. Der Totoro ist bis heute das Wahrzeichen des Studios, kann eine weite Bandbreite an Merchandise vorweisen und auch das Titellied des Filmes ist in Japan ein Klassiker geworden.

Mein Nachbar Totoro erschien 1988 und handelt von einer vierköpfigen Familie, die durch die Krankheit der Mutter aber derzeit nur zu dritt lebt. Um der geliebten Mutter und Ehefrau näher zu sein, ziehen die Töchter Satsuki und Mei gemeinsam mit ihrem Vater auf das Land. Dort angekommen fallen Satsuki und Mei schnell die kleinen Wesen im neuen Haus, die Rußmännchen, auf. Doch die kleinen schwarzen Wölkchen sind nicht das einzige ungewöhnliche an der neuen Umgebung. Als ihr Vater an der Universität als Professor lehrt und ihre Schwester Satsuki in der Schule sitzt, beschließt Mei die Umgebung auf eigene Faust zu erkunden. Dabei trifft sie auf den Totoro, einen Waldgeist, und seine Brüder. Zunächst will ihr das Treffen keiner glauben, doch später entwickelt sich zwischen den Kindern und den Wesen eine Freundschaft. Und wie es sich für Freunde gehört, springen diese in Notsituationen füreinander ein und diese tritt früher als erwartet ein.

Oscar-gekrönt: Chihiros Reis ins Zauberland

Im selben Jahr erschien auch Die letzten Glühwürmchen, welcher auf dem Buch „Das Grab der Leuchtkäfer“ von Akiyuki Nosaka basiert und sich durch sein sehr ernstes Thema und seiner teilweise erschreckenden Darstellung deutlich von anderen Ghibli-Filmen abhebt. Bis heute wird die FSK 6-Freigabe stark kritisiert, das Lexikon des Internationalen Films bezeichnet ihn als „Zeichentrickfilm von großer Ernsthaftigkeit, der alles Kindliche des Genres hinter sich lässt“.

Zweiter Weltkrieg in Japan, Seita, seine vierjährige Schwester Setsuko und ihre Mutter leben in der Stadt Kōbe. Der Vater kann durch seinen Beruf nicht oft bei der Familie sein und so ist er auch während des Bombenangriffes nicht bei seiner Familie. Die Kinder werden von ihrer Mutter getrennt und müssen von nun an selbst für sich sorgen. Seita kümmert sich während dieser Zeit liebevoll und fürsorglich um sie, doch auch er ist noch ein Junge und so ziehen sie zu ihrer Tante. Während dessen liegt die Mutter schwer verwundet im Krankenhaus und erliegt ihren Wunden später. Doch es bleibt keine Zeit zum Trauern, denn ihre Tante behandelt die beiden immer abfälliger und die zwei beschließen zu flüchten. In einem Bunker finden sie Zuflucht und leben das Leben so, wie es die Situation eben zulässt und machen das beste aus ihr. Doch die kleine Setsuko wird plötzlich krank und der Kampf um‘s Überleben wird noch härter.

Der Film verrät bereits direkt zum Anfang, wie er endet und so ist man dabei, wie Seita nochmal sein ganzes Leben an sich vorbei ziehen sieht. Zwischen 1988 und 1995 erschienen sechs weitere Ghibli-Filme, doch der bis dato größte Erfolg für das Studio sollte 1997 folgen: Prinzessin Mononoke. Der Film spielte in Japan knapp 19 Milliarden Yen ein und galt dort lange Zeit sogar als erfolgreichster Film überhaupt.

Im Mittelpunkt dieses Anime-Märchen steht der junge Prinz Ashitaka, dessen Dorf von einer verfluchten Bestie angegriffen wird. Mit seinem edlem Reittier reitet er der Bedrohung entgegen und es gelingt ihm sogar seine Heimat zu verteidigen, doch der Preis dafür ist hoch. Durch den Kontakt mit dem verfluchten Keiler zieht er den Fluch selbst auch sich, sein Urteil scheint besiegelt. Doch Ashitaka möchte sein Schicksal nicht einfach so hinnehmen und beschließt das Dorf zu verlassen, um so vielleicht doch einen Ausweg aus seiner Situation zu finden.

Auf seiner Reise trifft er auf die Herrin Eboshi, die für ihre Machenschaften große Mengen von Waffen herstellt und dabei die Natur zerstört. Ihre Taten ziehen die Aufmerksamkeit der Götter des Waldes auf sich und es entbrennt ein Krieg zwischen den Menschen, den Tieren des Waldes und den Göttern. In diesen mischt sich das Mädchen San ein, welches bei der Wolfsgöttin aufwuchs und nach dem Leben von Eboshi strebt. Doch diese will längst nicht mehr nur Macht, sondern auch Unsterblichkeit und so möchte sie auch den Gott der Götter, den Waldgott töten.

Arrietty

Prinzessin Monoke wurde mit Preisen überhäuft und war auch für Japan im Rennen um den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film, konnte ihn aber nicht gewinnen. Das nächste große Filmprojekt von Ghibli, wenn nicht sogar das größte, folgte mit Chihiros Reise ins Zauberland im Jahr 2001.

Im Film verirren sich Chihiro und ihre Familie mit dem Auto und finden sich plötzlich an dem Eingangstor eines Vergnügungspark wieder. Bis hier hin klingt es ja ganz nett, schließlich gibt es schlimmere Orte als einen Vergnügungspark. Während Chihiro den den Park allein erkundet, sitzen die Eltern gemütlich in einem Restaurant. Auf ihrer Erkundungstour trifft sie den geheimnisvollen Haku, der sie warnt, noch länger im Park zu bleiben. Alarmiert macht sie sich eilig auf den Weg zum Restaurant, wo sie leider feststellen muss, dass sich ihre Eltern verwandelt haben. In zwei Schweine. Haku schickt die schockierte Chihiro zu Hexe Yubaba und deren Götterbadehaus. Sie verspricht ihr, dass sie ihre Eltern zurückverwandelt, doch dafür muss sie hart im Badehaus mitanpacken.

Der Film übertraf die Einnahmen von Prinzessin Mononoke nochmal und konnte neben japanischen Preisen auch den Goldenen Bär und 2003 sogar den Oscar in der Kategorie Bester Animationsfilm abräumen. Machen wir einen Sprung in die Gegenwart und kommen zu Arrietty – Die wundersame Welt der Borger, dem bisher aktuellsten Ghibli-Film in unseren Gefilden.

Die Geschichte basiert auf den Roman Die Borger von Mary Norton und handelt von der kleinen Arrietty, die trotz ihres Alters (sie ist nämlich schon vierzehn) nur wenige Zentimeter groß ist, doch das liegt nicht daran, dass sie etwa krank ist, nein, sie ist eine Borgerin. Die Borger sind ein Volk welches seit Gedenken unbemerkt bei den Menschen wohnt. Sie bauen sich kleine Häuschen unter der Terasse und wenn sie etwas für ihre Wohnung oder eine bestimmte Zutat brauchen, borgen sie es sich von den Menschen aus, meist sind die Mengen aber eh so gering, dass es niemandem auffällt. Als der kranke Junge Shō in das Haus einzieht, steigt Arriettys Interesse an Menschen und sie beschließt auf eine der abendlichen Touren durch das Haus zugehen. Sie merkt jedoch recht schnell, dass es nicht so leicht ist, wie sie sich es vorgestellt hat.

Schon bei dem ersten Ausflug verstößt sie gegen die wichtigste Regel der Borger, die da lautet, dass sie von keinem Menschen erwischt werden darf. Shō findet die Borger genauso interessant und die beiden treffen sich immer wieder, anfangs allerdings nur indirekt. Doch Arritetty muss feststellen, dass nicht alle Menschen so nett auf die Borger reagieren und das man manchmal schmerzvolle Entscheidungen im Leben treffen muss. Wie fast alle Ghibli-Filme gewann auch Arrietty – Die wundersame Welt der Borger den Japanese Academy Award und das kritische englische Filmportal Rotten Tomatoes wählte ihn in die Liste der besten Filme 2010.

Die traditionellen, handgezeichneten Animationen und die liebevollen Charaktere werden uns auch noch in Zukunft das ein oder andere spannende Abenteuer erleben lassen, denn durch die Popularität erscheinen alle Filme auch bei uns, auch wenn viele von uns meißtens auf die DVD-Veröffentlichung warten müssen. Demnächst dürfte uns also Kokurikozaka kara in ausgewählten Kinos erwarten aber bisher gibt es dazu noch keine genauen Angaben.

Doch nicht nur aus filmischer Sicht dürfte Ghibli für viele von uns interessant sein, auch als Gamer konnte man bereits mehrmals mit dem Studio in Berührung kommen. Dass Studio wirkte beispielsweise am Playstation 1-Rollenspiel Jade Cocoon (2001) und dessen Nachfolger Jade Cocoon 2 für die Playstation 2 (2002) mit. Beides sind klassische Rollenspiele, die vom Gameplay stark an Pokémon erinnern. Der Spieler kann auf seiner Reise Monster in Kokons einsperren und die sie später im Kampf beschwören. Ein weiteres wichtiges Feature war das fusionieren von Monster um so noch stärkere zu erhalten.

Im Januar  wird bei uns außerdem Ni no Kuni erscheinen, welches in Zusammenarbeit von Level-5 und Studio Ghibli entstand, alle News dazu findet ihr in unserem Archiv. Ihr seht es gibt viel über Ghibli und seine Filme zu erzählen, zu viel um ehrlich zu sein und deshalb haben leider nicht alle Filme in diesen Culture Slot gepasst. Daher wollen wir von euch wissen, welcher Ghibli-Film ist euer Liebling und was gefällt euch an ihm so gut? Schreibt es in den Kommentarbereich.