JPGAMES.DE: Interview mit Thomas Böcker

Thomas Böcker arbeitet im Hintergrund. Seine Arbeit bringt ihn mit Größen wie Nobuo Uematsu zusammen. Er ist der Produzent der Symphonic Konzertreihe!

For english readers, here is a english version of the interview.

Thomas Böcker arbeitet im Hintergrund. Seine Arbeit brachte ihn mit Größen wie Nobuo Uematsu, Akira Yamaoka (Silent Hill Serie), Yuzo Koshiro (Shenmue Serie), Musiker Chris Hülsbeck oder den Dirigenten Andy Brick und Arnold Roth (PLAY! A Video Game Symphony) zusammen. Wir befinden uns natürlich im Bereich der Videospielmusik. Und dort ist Thomas Böcker eine der Schlüsselfiguren hinter den Videospielmusikkonzerten. Kein Geringerer als Nobuo Uematsu sagt über Thomas Böcker: „Ohne Thomas hätte es im Westen wahrscheinlich gar keine Videospielkonzerte gegeben.

Thomas Böcker produzierte die Eröffnungskonzerte der Games Convention, den Chris Hülsbeck Tribut Symphonic Shades und das Square Enix Konzert Symphonic Fantasies sowie das Nintendo Konzert Symphonic Legends. Auch an der internationalen Konzertreihe PLAY! A Video Game Symphony ist er beteiligt. Außerdem ist er als Berater für Benyamin Nuss tätig und begleitete dessen Tour letztes Jahr ebenso wie wir als offizieller Partner.

Bevor er am 9. Juli 2011 in Köln „Symphonic Odysseys“ mit Nobuo Uematsu präsentiert, findet am 7. Juni 2011 in Leverkusen zunächst noch „Computerspiel-Sounds live in concerts“ statt. Mit „To Zanarkand“, „Don’t be Afraid“, „Theme of Love“ und „One-Winged Angel“ sind große Publikumsfavoriten mit dabei. Dafür sind noch Karten zu haben!

Wir hatten die große Ehre, ein Interview mit Thomas zu führen!

JPGAMES.DE: Zuerst einmal eine ganz blöde und knappe Frage, die du vielleicht gar nicht so knapp beantworten kannst. Warum Spielemusikkonzerte? Was begeistert dich, was glaubst du, begeistert das Publikum?

Thomas Böcker

Thomas Böcker: Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren ein deutsches Spielemagazin las. Dort hieß es sinngemäß: In Japan werden Spielesoundtracks sogar in Konzerten aufgeführt, von großen Orchestern. Und als Fan solcher Musik war mir sofort klar: Das will ich auch! Warum gibt es solche Veranstaltungen nicht bei uns? Das war in den 90ern. Ab und an wehten dann ein paar Andeutungen und Versprechungen durch die westliche Welt, aber es blieb dabei: keine Taten, keine Konzerte mit Spielemusik außerhalb Nippons.

Zu dieser Zeit fing ich gerade an, mich auf professionellem Level mit Spielemusik zu beschäftigen. Durch mein Projekt „Merregnon“ lernte ich Spielekomponisten wie Yuzo Koshiro und Chris Hülsbeck kennen, traf Dirigenten und machte Erfahrungen mit Orchesteraufnahmen. Kurz und knapp, damit war das Fundament endlich da, um selbst ein Spielemusikkonzert organisieren zu können. Etwas, das mir schon seit den 90er-Jahren nicht mehr aus dem Kopf gegangen war.

Doch was begeistert mich? Zum einen natürlich die Melodien. Zum anderen der Orchesterklang, live – die Atmosphäre! Man muss ihn selbst gespürt haben, diesen Moment, wenn mehr als 100 professionelle Musiker beginnen, den Noten Leben einzuhauchen. Musiker, die von Kindheit an ihr Instrument erlernt haben und diese Fähigkeit mit harter Arbeit zur Perfektion bringen möchten. Nostalgie, emotionale Verbundenheit zur Musik, weil man sie stundenlang zuhause gehört hat, ja – das ist ein Aspekt des Ganzen, ähnlich wie bei Filmmusik. Ich denke aber, entscheidend ist das gemeinsame Erleben des Orchesterklangs, diese Wucht, diese Fülle, diese Nuancen.

JPGAMES.DE: Thomas, 2003 hast du Nobuo Uematsu persönlich vom Flughafen abgeholt, als er zum Eröffnungskonzert der Games Convention nach Leipzig anreiste. Du warst damals 25 Jahre alt und sagtest einige Jahre später selbst, dass Uematsu vermutlich dachte, er hätte einen Assistenten des Konzertproduzenten vor sich.

Nobuo Uematsu

Thomas Böcker: Nicht nur vermutlich! Er musste die Fahrt über bis zum Hotel tatsächlich davon überzeugt werden. Wenn man bedenkt, dass die bekanntesten Konzerte in Japan vom „Dragon Quest“-Komponisten Koichi Sugiyama produziert wurden bzw. werden, dann verwundert es etwas weniger, warum Herr Uematsu wohl einen etwas älteren Organisator erwartet hatte. Nach dem Konzert war er ganz begeistert und kam immer wieder nach Deutschland, um live vor Ort zu sein. Nicht umsonst attestierte er Leipzig, dass dort ein Mekka für Spielemusik-Fans entstehen könnte. Sein Lob hat mich sehr gefreut und motiviert. Seine Unterstützung weiß ich auch heute noch außerordentlich zu schätzen.

JPGAMES.DE: Heute hast du deine eigene englische Wikipedia-Seite und Uematsu nennt dich eine der „Schlüsselfiguren hinter der Popularisierung von Videospielkonzerten außerhalb Japans“. Das fühlt sich wie ein Ritterschlag an, oder?

Thomas Böcker: Nobuo Uematsu ist ohne Zweifel der bekannteste Komponist von Videospielemusik – und einer der einflussreichsten überhaupt. Es freut mich, dass er eine so hohe Meinung hat. Sein „Final Fantasy“-Konzert 2002 hatte einen großen Einfluss auf Veranstaltungen dieser Art weltweit, inklusive meiner. 2003 wurden daraus schon zwei Partituren in Leipzig aufgeführt. 2004 war es sogar ein ganzes Konzert in Los Angeles – und noch heute besteht ein wesentlicher Notenanteil des „Distant Worlds“-Programms aus dieser Zeit! Insofern gebe ich das Lob gern zurück, auch im Bereich Spielemusikkonzerte ist Nobuo Uematsu ein echter Pionier.

JPGAMES.DE: Am 9. Juli wirst du erneut auf Nobuo Uematsu treffen. Er reist zu Symphonic Odysseys an. Auch dieses Konzert organisierst und produzierst du, hat sich inzwischen eine Art Routine eingespielt oder wie unterscheidet sich die Arbeit an diesem Konzert von der Arbeit an deinem ersten Konzert?

Thomas Böcker: Routine würde ich es nicht nennen wollen; das klingt so kalt und abgebrüht. Egal, wie man es dreht und wendet – komplett vorhersagen lassen sich die Konzerte nicht. Man hat eine Ahnung, was beim Publikum wohl am besten ankommen wird, 100%ige Sicherheit gibt es nicht. Insofern herrscht bei jeder Veranstaltung diese gewisse Unruhe. Nicht im negativen Sinne, aber eine gesunde Spannung. Über die Jahre hat sich ein Team gebildet, vorranging mit den Arrangeuren Jonne Valtonen und Roger Wanamo. Das erleichtert die Arbeit. Es ist dadurch professioneller geworden. Man kann sich intensiver um kleinste Nuancen kümmern.

JPGAMES.DE: Du hast „Vielen Dank“ mit Masashi Hamauzu produziert. Der japanische Videospielkomponist ist in München geboren, lebt und arbeitet heute aber in Japan. Wie produziert man gemeinsam eine CD über 20 000 Kilometer Entfernung?

Thomas Böcker: Das wäre in der Tat schwierig geworden! „Vielen Dank“ wurde aber in München aufgenommen, zusammen mit Masashi Hamauzu. Das war so natürlich auch von Square Enix gewünscht, diese emotionale Bindung zu der Stadt war den Produzenten sehr wichtig.

Die Woche im Studio war großartig, es hat viel Spaß gemacht. Oft sind Aufnahmeprojekte stressig, da unter enormem Zeitdruck gearbeitet wird. „Vielen Dank“ war angenehm anders, man konnte sich in ruhiger Atmosphäre auf eine hervorragende Produktion konzentrieren.

JPGAMES.DE: Zur Spielemusik bist du durch Chris Hülsbeck gekommen, sagtest du einst in einem anderen Interview. Ihm hast du Symphonic Shades „gewidmet“. Was war aufregender, auf Hülsbeck oder auf Uematsu zu treffen?

Thomas Böcker: Das lässt sich schwer sagen. Allerdings gebe ich gern zu, dass ich Musik von Chris Hülsbeck früher gehört habe, eben weil ich mit Commodore 64 und Amiga aufgewachsen bin. Die Soundtracks von Nobuo Uematsu traten erst später in mein Leben, aber dafür gleich sehr intensiv. Insofern war das erste Zusammentreffen mit den Komponisten ähnlich bedeutend für mich.

JPGAMES.DE: Bei der Videospielmusik hat sich viel geändert und weiter entwickelt. Wird heute ein japanischer Titel neu angekündigt, ist einer der wesentlichsten Bestandteile der Ankündigung die Bekanntgabe des Komponisten oder der Vocal-Sänger des Hauptthemas. Die Fans legen enormen Wert auf einen atmosphärischen Soundtrack. Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Thomas Böcker: Ich finde diese Entwicklung natürlich sehr gut. Die Spieleindustrie als Ganzes ist professioneller geworden, die Budgets werden größer – insofern ist es nicht verwunderlich, dass der Aspekt Musik entsprechend mit Aufmerksamkeit bedacht wird. Das Risiko, in eine finanzielle Katastrophe zu schlittern, ist höher; das heißt, man achtet peinlich genau auf Qualität auf allen Gebieten.

JPGAMES.DE: Was würdest du sagen, war deine bisher größte Herausforderung bei der Organisation aller deiner Konzerte? Hast du eine besondere Anekdote zu erzählen?

Thomas Böcker: Das klingt wahrscheinlich nicht sonderlich aufregend. Aber die größte Herausforderung ist das Einholen aller Genehmigungen, sprich: die rechtlichen Verhandlungen. Für unsere Konzerte in Köln benötigen wir die Einwilligung der Komponisten und Spielehersteller, ihre Musik arrangieren zu dürfen. Das bedarf einer großen Portion Vertrauen – wir arbeiten schließlich mit sehr bekannten, sehr wichtigen Marken wie „Final Fantasy“ und „The Legend of Zelda“.

Zudem überträgt der WDR die Konzerte im Radio und streamt sie im Internet – live, auch dafür benötigen wir die Erlaubnis, was schwieriger ist, als es zunächst scheinen mag. Ein großartiger Erfolg war 2009 zum Beispiel, „Symphonic Legends“ produzieren zu dürfen; es war das erste Mal in der Geschichte Nintendos, dass die Genehmigung für eine Veranstaltung dieser Dimension erteilt wurde. Solche Triumphe sind essentiell wichtig, nicht nur für uns, sondern auch für andere Produzenten, denen wir damit den Weg ebnen.

JPGAMES.DE: Die Symphonic Reihe ist eine Art Portrait-Konzert. Mal widmest du dich Personen, mal Firmen, aber es gibt immer einen Fokus. Der lag nun schon auf Chris Hülsbeck, Nintendo und Square Enix, aktuell auf Nobuo Uematsu. Kannst du uns schon verraten, wie es weiter geht?

Thomas Böcker:Symphonic Odysseys“ wird mein neuntes jährliches Konzert; 2012 feiern wir also ein besonderes Jubiläum. Der WDR hat bereits Pläne für das nächste Jahr, allerdings kann ich darüber leider noch nichts sagen. Was ich sagen kann ist: Ich würde mich sehr wundern, wenn man beim WDR in Zukunft keine Spielemusik mehr aufführen würde.

JPGAMES.DE: Deine Konzerte verliefen von Anfang an erfolgreich. Offenbar wollten die Menschen Videospielkonzerte, du hast sie uns gegeben. Aber mal Hand aufs Herz: die erste Vorstellung von Symphonic Odysseys war innerhalb von 12 Stunden ausverkauft. Davon träumen manche Pop-Stars. Hättest du dir das am Anfang deines Engagements vorstellen können?

Thomas Böcker: Erwartet habe ich diese Rasanz nicht, aber darauf hingearbeitet, dass diese Konzerte so erfolgreich werden – ja, das habe ich natürlich schon. Es stecken viele Jahre Entwicklung dahinter, wir haben Fans, die seit der ersten Veranstaltung dabei sind: Dieses Vertrauen mussten wir zunächst einmal aufbauen.

Immer wieder wird in den Medien diskutiert: Das Orchesterpublikum würde älter – zu alt, erste Klangkörper machten sich ernste Sorgen, weil junge Besucher die Konzertsäle meiden. Gemeinhin wird dann ein Streit entfacht: Die einen möchten sich von der Masse abschotten, unter sich bleiben – andere mit sämtlichen Traditionen brechen, da sie meinen, Jugendliche bräuchten ein Effektfeuerwerk, um zwei Stunden Orchestermusik zu überleben.

Nun, die Spielemusikkonzert-Reihe lockt seit 2003 die so begehrte Zielgruppe an. Ohne, dass wir aufwändige Lichteffekte, Lasereffekte oder Leinwände anbieten würden. Für den 9. Juli erwarten wir rund 4.000 Besucher bei den „Symphonic Odysseys„. Alles konzentriert sich auf die Musik und die Musiker. Das ist kein unwesentlicher Punkt, denn dadurch wird eine Beziehung zwischen Orchester und Publikum etabliert, Orchesternamen werden ein Begriff. Das WDR Rundfunkorchester Köln konnte seinen Bekanntheitsgrad unter jungen Menschen erheblich erhöhen, auch dank der Videostreams und natürlich der CDs.

JPGAMES.DE: Bei Symphonic Shades konntest du erstmals einen Mitschnitt realisieren und später als CD veröffentlichen. Wird es auch diesmal wieder eine CD-Veröffentlichung geben? Ist eventuell sogar wieder eine Live-Übertragung via Stream für Symphonic Odysseys geplant?

Thomas Böcker: Ein Live-Stream ist geplant, ja – zur CD-Veröffentlichung kann ich noch nichts sagen. Selbstverständlich wird darüber nachgedacht. Sobald die Entscheidung gefallen ist, werden wir natürlich umgehend darüber informieren.

JPGAMES.DE: Wann wirst du dein erstes Stadion füllen? 😉

Thomas Böcker: Ganz ehrlich: Mein Ziel ist es nicht, Arenen und Stadien zu füllen. Die Bedingungen dort vereinbaren sich nicht ganz mit meiner persönlichen Vorstellung bezüglich idealer Akustik und Atmosphäre. Wohlgemerkt: für eine orchestrale Aufführung. 2006 hatten wir aber mit „PLAY!“ ein Konzert nahe Washington, auf einer sehr schönen Freilichtbühne. Rund 6.000 Besucher kamen, die Stimmung war perfekt. Wenn das Ambiente passt, kann ich mir solche Dimensionen also durchaus vorstellen.

JPGAMES.DE: Wie glaubst du, in Zukunft zwischen Spielemusik und Klassik vermitteln zu können? Dein ehrgeiziges Ziel muss es doch sein, auch Konzertgänger abseits der Videospiele zu erreichen, oder? Glaubst du, Spielemusik kann das erreichen?

Thomas Böcker: Ich denke, das hat Spielemusik seit dem ersten Konzert 2003 in Leipzig erreicht. Allerdings stimmt: Ziel sollte sein, Spielemusik zum Bestandteil von regulären Konzerten zu machen. Oder anders gesagt, im Moment sind Spielemusikkonzerte überall in der Welt große Events. Ich möchte aber in Zukunft sehen, dass beispielsweise in einer Aufführung neben Richard Strauss auch Spielemusik präsentiert wird. Natürlich muss man aussieben und besondere Perlen finden, nicht jeder Titel ist dafür geeignet.

Der WDR war in dieser Hinsicht übrigens wieder Vorreiter, schon 2008 und 2010 gab es entsprechende erfolgreiche Versuche. Es wäre schön, wenn man in einem solchen Mischkonzert beiden Gruppen – also Klassikliebhabern und eben Spielemusik-Fans – etwas Neues, Interessantes bieten könnte. Ich denke, wenn das geschafft ist, in dem Moment, wo Spielemusik Teil einer normalen Konzertsaison renommierter Orchester wird, dann ist ein weiterer Schritt zur Akzeptanz von Spielemusik geglückt.

JPGAMES.DE: Letztes Jahr haben wir die Tour von Benyamin Nuss als offizieller Partner begleitet. Du hast Benyamin in vielen Dingen beraten. Schon seine erste CD, „Benyamin Nuss plays Uematsu“ wurde über das erfolgreiche Label Deutsche Grammophon veröffentlicht. Welche Zukunft kannst du ihm vorhersagen?

Benyamin Nuss

Thomas Böcker: Die Veröffentlichung bei der Deutschen Grammophon war ein unglaublicher Erfolg für Spielemusik! Nicht anders war das bei „Symphonic Fantasies“, der CD-Mitschnitt wurde zeitgleich bei DECCA herausgegeben, einem weiteren renommierten Klassik-Label. Und dadurch schaffte es Benyamin gleich zwei Mal in die Klassikcharts, das hat vor ihm keiner geleistet.

Benyamin Nuss ist ein großartiger Künstler, ihm stehen alle Wege offen. Am 1. Juni wird er zusammen mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra das Konzert „LEGENDS“ aufführen – wenige Wochen später ist er bei „Symphonic Odysseys“ dabei. Ich arbeite sehr gern mit ihm.

Benyamin wird sich nicht auf eine bestimmte Richtung festlegen wollen, er wird Spielemusik genauso präsentieren wie Jazz oder Klassik. Und genau das nützt allen am meisten, denn erst dadurch entsteht ein Dialog. Ich bin davon überzeugt, dass er in jedem Genre brillieren kann. Er ist jemand, der Herausforderungen sucht und sich ihnen stellt.

JPGAMES.DE: Thomas wir danken dir vielmals für dieses tolle Interview!

Thomas Böcker: Ich danke JPGAMES.DE für diese Möglichkeit und die sehr schönen Fragen!